Selbstständig machen in der Krise: Eine gute Idee?

Meist begleite ich meine Klienten ja bei Entscheidungen, wenn es um den Jobwechsel als Angestellte in ein anderes Unternehmen geht. Manche spielen jedoch auch mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen und etwas Eigenes aufzubauen. Doch ist es ausgerechnet inmitten der Corona-Krise ein guter Zeitpunkt, zu gründen? Die Medien sind voller Meldungen, wie schlecht es vielen Freiberuflern und Selbstständigen gerade geht. Trotzdem rät der Gründercoach Dr. Moritz Gomm, jetzt anti-zyklisch zu agieren und die Krise für neue Geschäftsideen zu nutzen. Warum er das so sieht und was er Gründern empfiehlt, hat er mir im Interview verraten.

Moritz, Du sagst, dass die Corona-Krise ideal ist, um sich selbstständig zu machen. Ist das nicht sehr gewagt?

Moritz Gomm: Solche Bedenken kann ich gut verstehen: Sollte man nicht gerade jetzt auf Nummer sicher gehen und in der Festanstellung bleiben? Die Corona-Pandemie betrifft fast alle Branchen und Berufe und gerade Selbstständige leiden besonders unter Einnahmeausfällen. Da scheint es nur logisch, jetzt von Neugründungen abzuraten.

Aus meiner Erfahrung ist jedoch genau das Gegenteil richtig. Denn Krisenzeiten sind zwar schlecht, um selbstständig zu sein. Aber sie sind ideal, um sich selbstständig zu machen.

Ich sehe drei wichtige Faktoren: Erstens brechen in Krisenzeiten alte Bedürfnisse weg, wie etwa jetzt  Langstreckenflüge, und werden durch neue ersetzt, die befriedigt werden wollen – also aktuell mehr Urlaub in der Region.

Zweitens ist in Krisenzeiten für Gründer vieles leichter verfügbarer, z. B. qualifizierte Mitarbeiter oder günstiges Marketing, da die Nachfrage der bestehenden Branchen eingebrochen ist.

Drittens hilft den Neugründern der Aufschwung nach der Krise, das eigene Geschäft schneller als sonst auf eine kritische Größe zu bringen. Wenn du gründest, wenn die Wirtschaft gerade am besten läuft, dann nimmst du die nächste Krise voll mit. Daher rate ich anti-zyklisch zu gründen.

Kennst Du Beispiele, wo die veränderte Situation durch Corona neue attraktive Geschäftsbereiche eröffnet?

Moritz Gomm: Bei der letzten großen Finanzkrise 2007/2008 sind Unternehmen wie AirBnB, Uber und Groupon entstanden, die heute fast jeder kennt. Warum? Durch die Einkommenseinbrüche war der Bedarf nach „Sharing“ deutlich gestiegen und davon profitieren diese Unternehmen bis heute.

Welche neuen Bedürfnisse jetzt entstehen, ist eine spannende Frage. Es ist offensichtlich, dass sich im Tourismus viel tun wird, aber auch der Trend, mehr zuhause zu machen, wie etwa Gärtnern oder Handwerken ist deutlich spürbar. Ich bin überzeugt, dass auch die Themen Gesundheit, Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Regionalität durch diese Krise weiter an Bedeutung gewinnen werden. Aber auch bestehende Firmen wie Netflix, Amazon oder Lieferando profitieren von der Krise.

Die Schlüsselfrage ist: Was brauchen die Menschen durch die Veränderung jetzt, das bisher noch nicht ausreichend angeboten wird?

Ich selbst habe mich nach 10 Jahren als Manager in der Beratung ganz bewusst jetzt mit meiner Idee für ein Online Coaching-Programm für Gründer selbstständig gemacht. Denn ich bin überzeugt, dass eine signifikante Zahl von Angestellten die Corona-Zeit zu Hause durchaus genossen haben und auf den Geschmack gekommen sind. Sie überlegen, wie sie als Selbstständige auch zukünftig freier und unabhängiger arbeiten und leben können und wieder mehr Sinn in ihrer Arbeit finden.

Du sprichst damit gar nicht die jungen Gründer, sondern Menschen mit Berufserfahrung an?

Moritz Gomm: Ja, meine Kunden stehen in der Mitte des Lebens, haben sich schon einiges aufgebaut, sind beruflich erfolgreich und haben doch das beklemmende Gefühl: Soll das jetzt wirklich noch 25 Jahre so weitergehen?

Magst Du mal ein paar Beispiele von eigentlich „erfolgreichen“ Menschen hören, die ihrem Hamsterrad doch lieber entflohen sind? Ein Anwalt aus Berlin, der seine Kanzlei abgegeben hat und gerade seine vierte Kita eröffnet. Eine Unternehmensberaterin, die kurz davor stand, Partner zu werden und sich dann nach einer längeren Krankheit doch dazu entschieden hat, einen Essen-Lieferservice aufzumachen, um wieder mehr Zeit für sich und die Kinder zu haben. Oder der Investmentbanker, der auf Winzer umgelernt hat und nun an der Bergstraße Biowein anbaut und die Ruhe und Natur im Weinberg genießt.

Das klingt nach Erfolgsgeschichten, doch viele meiner Klienten mit Familie und Immobilienkredit können sich diesen radikalen Schritt finanziell nicht erlauben. Was sagst Du ihnen?

Moritz Gomm: Ich empfehle meinen Klienten vor allem eines: Entwickele und teste deine Geschäftsidee auf leichtgewichtige Weise, bevor du deinen Job kündigst. Denn es geht darum zu prüfen, ob deine Geschäftsidee auch trägt, das heißt es einen hinreichend großen Markt hierfür gibt. Gleichzeitig merkst du in dieser frühen Phase, ob eine Selbstständigkeit überhaupt etwas für dich ist. Falls nicht, dann hast du a) deinen Job noch und b) weißt du jetzt, dass du vielleicht so jemand wie den Bernd Slaghuis brauchst, um deine Arbeitssituation als Angestellter wieder so zu verbessern, damit du nicht mehr fliehen willst (lacht).

Danke für den Werbeblock, doch funktioniert das wirklich – im Job bleiben und fokussiert an einer Geschäftsidee feilen?

Moritz Gomm: Es ist natürlich von zentraler Bedeutung, sich klar zu sein, womit man sich selbständig machen möchte. Als erstes gilt es herauszufinden, was dich antreibt, wo deine Stärken liegen und wofür dein Herz schlägt. Dieser „weiche“ Faktor wird von klassischen Gründungsratgebern kaum behandelt, dabei ist es die wichtigste und schwierigste Frage für viele Angestellte: Was will ich eigentlich wirklich?

Um dann daraus die eigentliche Geschäftsidee zu entwickeln und zu testen nutze ich die Lean Startup-Methode, anstatt – wie sonst üblich – einen klassischen Businessplan zu schreiben und sich zu früh mit Dingen wie Rechtsform, Finanzierung und Steuern zu beschäftigen.

Was bedeutet das konkret? Einfach loslegen, ganz ohne Planung?

Moritz Gomm: Das Wichtigste für eine erfolgreiche Geschäftsidee sind zunächst vier Aspekte:

  1. Welche Kundensegmente möchtest du ansprechen?
  2. Welche Probleme haben diese Kunden, für deren Lösung sie bereit sind, Geld zu zahlen?
  3. Welches einzigartige Werteversprechen bietest du?
  4. Was ist dein konkretes Angebot, das dieses Versprechen einlöst?

Wenn du diese vier Punkte für dich klar definiert hast geht es darum, so schnell und günstig wie möglich zu testen, ob deine Annahmen zutreffen. Dazu musst du dein Angebot „erlebbar“ machen und von potenziellen Kunden eine echte Kaufentscheidung fordern. Denn es reicht nicht, im Bekanntenkreis herumzufragen, was die von deiner Idee halten.

Erst wenn du glaubhafte Aussagen von Kunden hast, dass sie kaufen werden, geht es um die weitere Umsetzung der Idee und damit auch irgendwann um Finanzierung, Rechtsform, Steuern etc. Falls du es nicht schaffst, diese glaubhaften Kaufabsichten zu bekommen – was im ersten Ansatz häufig der Fall ist, dann geht es zunächst darum, die vier genannten Aspekte so lange zu verändern und zu optimieren, bist du einen lukrativen Markt gefunden hast.

Leider verschwenden viele Menschen zu viel Zeit und Geld mit administrativen Aufgaben, testen ihre Idee nicht, sondern erfahren erst nach Eröffnung ihres Geschäfts, ob die Kunden wirklich kaufen. Wenn es dann nicht auf Anhieb klappt, bleibt meist keine Zeit und/oder kein Geld mehr, um die Idee anzupassen.

Die meisten meiner Klienten schätzen ihr gutes Einkommen. Ist es nicht unrealistisch, dies kurz nach der Gründung wieder zu erreichen?

Moritz Gomm: Ja, das stimmt. Und für viele ist das der neuralgische Punkt: Die Chance ist hoch, dass du zumindest einige Jahre nach der Gründung – vielleicht sogar für immer – mit weniger Einkommen auskommen musst. Aber dass das Leben nicht nur aus Geld besteht, ist ja eine der profundesten Erkenntnisse in der Mitte des Lebens, die überhaupt dazu führt, dass sich Menschen mit Sinn und Unsinn ihres bisherigen Arbeitslebens in der Festanstellung beschäftigen.

Dann beginnen viele, Reichtum nicht mehr nur als das Geld zu definieren, das sie besitzen. Reich bist du doch, wenn du Zeit hast, die Dinge zu tun, die dich glücklich machen. Mit Menschen, die dir guttun. Wenn du unabhängig bist, über dich selbst entscheiden kannst – und ein Einkommen hast, um deinen Unterhalt zu finanzieren. Das Geld steht hier an letzter Stelle und dient dazu, die anderen drei Aspekte erst zu ermöglichen.

Meine Klienten sehen die Selbstständigkeit also nicht vornehmlich als eine Möglichkeit, noch mehr Geld zu erzielen, sondern mehr Freiheit und Unabhängigkeit – und wieder Sinn in ihrer Arbeit zu finden.

Und wie bist Du selbst auf Deine Geschäftsidee gekommen?

Moritz Gomm: Ich habe schon 2007 mein erstes Unternehmen gegründet – ein Portal für Mitfahrgelegenheiten. Die Idee war gut, aber wirtschaftlich war es ein Flop: Das Erlösmodell war nicht klar, immerhin haben die Wettbewerber unsere Ideen übernommen. Danach haben wir ein Micropayment-System fürs Internet entwickelt und nur ein Jahr später die Firma verkauft. Mir hat die Selbstständigkeit viel Spaß gemacht, aber ich bin dann erstmal zu einer Innnovationsberatung gegangen, um auch mehr über Vertrieb zu lernen, denn das war unsere größte Schwäche.

Ich habe seit meiner ersten Gründung immer wieder Menschen unterstützt, die sich selbstständig machen wollten und auch in meiner Rolle als Berater habe ich viele Startups begleitet. Die Idee zu meinem 90-Tage-Coaching Programm kam mir schon vor sieben Jahren, weil ich einfach so viele Menschen kennengelernt habe, die in der Festanstellung unglücklich sind und gerne was Eigenes machen möchten. Aber sie wissen nicht, wo und wie sie anfangen sollen. Ich habe dann einfach das gemacht, was ich „predige“: Mein neues Geschäftsmodell entwickelt, während ich selbst noch angestellt war – übrigens mit Wissen und Unterstützung meines Arbeitgebers. Ich habe selber weniger als 90 Tage gebraucht, bis das Angebot fertig war – schließlich hatte ich gerade in den Anfängen der Corona-Krise selbst auch mehr Freiraum hierfür.

Herzlichen Dank, Moritz, für unser interessantes Gespräch und viel Erfolg für Dein Coaching-Programm. 

Gründungscoach Dr. Moritz Gomm

Dr. Moritz Gomm ist mehrfacher Gründer, Startup-Coach und Innovations-Berater. Als Diplom-Wirtschaftsinformatiker lehrte und promovierte er am Lehrstuhl für Unternehmensführung der Technischen Universität Darmstadt.

Moritz coacht seit über 15 Jahren Start-ups und Einzelunternehmer und ist im Beirat verschiedener Tech-Startups tätig. Seit über zehn Jahren arbeitet er als Innovationsberater für Firmen und hat unter anderem Rent-a-Startup® entwickelt, eine Methode, mit der etablierte Unternehmen radikal neue Geschäftsideen umsetzen. Er hat 2008 die Firma Zühlke Engineering HK Ltd., einen Innovationsdienstleister in Hongkong, aufgebaut. Darüber hinaus lebte er in Thailand, Malaysia und China. Heute wohnt er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Darmstadt.

Moritz Coaching-Angebot für Gründungwillige findest Du hier: www.90-tage-coaching.de/coaching

Sein Buch „Gründen in 90 Tagen | Schritt für Schritt in die Selbständigkeit – ohne gleich den Job zu kündigen“ kann beim Metropolitan Verlag und jedem anderen Buchhändler bestellt werden.

(Titelbild: 123rf.com, #128459390, Thomas Reimer)

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine und wurde von XING als "Top Mind 2019" ausgezeichnet.

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  1. Ich bin seit mehr als 20 Jahren Projektsteuerer im Bauwesen und den erneuerbaren Energien tätig. Das ist sowieso ein klassischer Freier Beruf. Aber gerade öffentliche Auftraggeber und große Unternehmen verfügen in der Regel über Personal, dass diese Aufgaben wahrnimmt. Seit Jahren mache ich immer mehr die Erfahrung, dass Spitzen mit Freiberuflern, Interimmanagern oder Personaldienstleistern abgedeckt werden. Hintergrund ist die einfachere „Beschaffung“ gegenüber einem als aufwendig empfundenen Prozess einer Einstellung neuer Mitarbeiter. Nach Corona wird die Neigung zu Neueinstellungen nicht steigern.
    Auf der anderen Seite stehen notwendige Investitionen, Die öffentliche Hand hat z. B. immer noch Milliarden in Schulen, Kindergärten und Internetinfrastruktur umzusetzen. Hier sehe ich meine Chance, mich in einer Region mit wenig Mitbewerbern erfolgreich selbstständig zu machen. Ich befinde mich in der Umsetzung.

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