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Aufschieberitis: Kein Stress! 5 Gute Gründe Aufgaben Aufzuschieben

Aufschieberitis: Kein Stress! 5 gute Gründe Aufgaben aufzuschieben

Leiden auch Sie an dieser schrecklichen Angewohnheit, unliebsame Aufgaben auf die lange Bank zu schieben und sie dann gestresst auf den letzten Drücker zu erledigen? Sie nehmen sich regelmäßig vor, Ihrer Aufschieberitis den Kampf anzusagen, doch selbst To-do Listen nach Prioritäten und eigene Belohnungsversprechen ändern nichts daran? Lesen Sie hier, warum Sie nicht gegen Ihre Aufschieberitis kämpfen, sondern sie ernst nehmen und wertschätzen sollten.

Schätzungen zufolge schieben 80 Prozent der Menschen regelmäßig Aufgaben auf. Bei etwa 20 Prozent von ihnen hat es regelmäßig negative Konsequenzen auf ihr Leben. Psychologen sprechen in diesen Fällen von Prokrastination, einer Arbeitsstörung durch pathologisches Aufschiebeverhalten. Besonders Studierende sind betroffen, die WWU Münster kommt zu dem Ergebnis, dass 7 Prozent der Studierenden eine therapeutische Behandlung in Anspruch nehmen sollten. Es ist nicht meine Absicht, mit diesem Beitrag Prokrastination als Arbeitsstörung oder hiermit in Verbindung stehende Krankheiten zu verharmlosen! Dieser Text ist kein Ersatz für eine ärztliche/therapeutische Konsultation, sofern Ihr Leben dauerhaft durch Prokrastination negativ beeinflusst wird oder diese beispielsweise mit einer Depression einhergeht.

Mir geht es hier vielmehr um solche Fälle von gelegentlicher Aufschieberitis bei gesunden Menschen: Ab und zu Aufgaben oder Tätigkeiten auf die lange Bank zu schieben oder am Ende gar nicht anzugehen. Stress zu empfinden, wenn die Zeit bis zu einem gesetzten Fertigstellungstermin immer knapper wird. Eine Sache immer wieder zu beginnen, ohne sie abzuschließen. Alle Formen von Ablenkung und Vermeidungsstrategien zu nutzen, um bloß nicht das zu tun, was eigentlich wichtig wäre. Wie beim Klassiker Steuererklärung, dem Gang zum Arzt für eine längst überfällige Vorsorgeuntersuchung oder im Job bei der Präsentation für Ihren Chef, bei der Sie nicht einmal eine Idee für das Deckblatt haben, sie jedoch nächste Woche fertig sein muss.

Und so erfahren wir immer wieder aufs Neue aus den Medien, wie wir der lästigen Aufschieberitis den Kampf ansagen müssen: Wir sollen lernen, endlich richtig zu priorisieren. Wir sollen große Aufgaben in kleine Häppchen zerlegen und konkrete To-do-Listen mit Zeitplänen anlegen. Wir sollen Freunden oder Kollegen von unserem Vorhaben erzählen und so den inneren Druck erhöhen. Wir sollen Mails, Social-Media und alles andere Ablenkende eine Zeit lang abschalten und uns fokussiert auf das Wesentliche konzentrieren. Wir sollen uns Belohnungen versprechen, die uns motivieren, das Unliebsame zügig zu erledigen, um uns im Anschluss am Schönen zu erfreuen.

Die Aufschieberitis bekämpfen? – Mach‘ ich morgen!

Also, wenn Sie mich fragen, dann klingt das alles nach richtig viel Arbeit, nur um überhaupt erst einmal in die Pötte zu kommen. Ganz ehrlich, bei der Recherche für diesen Beitrag und dem Lesen der vielen Tipps für den erfolgreich harten Kampf gegen die Aufschieberitis hatte ich beinahe selbst die Lust am Schreiben verloren. Doch genau dies hat mich nachdenklich gemacht und dazu geführt, heute einmal eine andere Perspektive einzunehmen.

Ich habe mich nämlich gefragt, warum das Aufschieben von Aufgaben so einseitig als Schwäche und unbedingt zu bekämpfende Angewohnheit behandelt wird. Warum betrachten wir Aufschieberitis als etwas, das es mit aller Kraft zu verhindern gilt, anstatt sie zunächst als Reaktion auf etwas und damit als Signal unseres Körpers wertzuschätzen?

Nur mal angenommen, es hätte einen Sinn, warum Sie und ich bestimmte Tätigkeiten aufschieben – was könnte dies sein?

Kein Stress! 5 gute Gründe, Aufgaben aufzuschieben

Niemand von uns wird mit Aufschieberitis geboren. Denk- und Verhaltensmuster entwickeln sich im Laufe der Zeit aus Prägung und Erziehung sowie aus Erfahrungen, die wir im Leben sammeln. Ich finde es daher sinnvoller, anstelle mit viel Energie gegen ein störendes Verhalten zu kämpfen, zunächst die eigenen Denk- und Verhaltensmuster als solche bewusst zu erkennen, sie zu verstehen, (neu) zu bewerten und erst dann auf dieser Basis persönliche Entscheidungen zu treffen.

Also, was könnte heute alles dafür sprechen oder was könnte früher einmal dazu geführt haben, dass Sie und auch ich bestimmte Aufgaben aufschieben? Hier sind 5 gute Gründe, die mir in den Sinn kommen, wenn ich Denkmuster von Klienten beobachte und mir auch selbst an die eigene Nase fasse:

  1. Wir haben Angst vor der Bearbeitung einer Aufgabe oder ihren Konsequenzen.
  2. Wir verfügen nicht über alle notwendigen Informationen zur Erledigung einer Aufgabe.
  3. Wir empfinden eine Aufgabe als ungerecht, unsinnig, unnötig oder langweilig.
  4. Wir sind körperlich oder mental gerade nicht in der richtigen Verfassung.
  5. Wir benötigen Druck, um uns zu fokussieren und gute Leistungen zu erbringen.

Alle diese Gründe können jeder für sich und in bestimmten Situationen berechtigt sein, etwas auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Weil Sie sich dann der Konsequenzen Ihres Handelns sicherer werden können. Weil Sie Informationen erhalten oder beschaffen können, die Ihnen für die Erledigung einer Aufgabe wichtig sind. Weil Sie Zeit haben, um zu verstehen, warum es wichtig ist, dass Sie diese Aufgabe bearbeiten oder weil Sie etwas entdecken können, das die Tätigkeit für Sie interessanter macht. Weil Sie momentan in keiner guten Verfassung sind und die Aufgabe in einigen Tagen besser oder schneller erledigen können. Oder weil Sie von sich selbst wissen, dass Sie kreativer oder konzentrierter arbeiten können, wenn Sie etwas unter Druck stehen.

Was du heute noch nicht kannst besorgen, das verschiebe ganz bewusst auf morgen

Sie sind der Chef Ihres Lebens und kennen sich selbst am besten. Statt nur aus Gewohnheit Dinge aufzuschieben, fragen Sie sich das nächste Mal doch einmal ganz bewusst, ob es wirklich gut und sinnvoll ist, abzuwarten.

Werden sich Ihre mit der Aufgabe verbundenen Versagensängste oder Sorgen verändern, nur weil Zeit verstreicht? Sind diese Ängste tatsächlich heute noch berechtigt oder nur ein Überbleibsel früherer Erfahrungen? Was glauben Sie, können Sie selbst dazu beitragen, um mehr Sicherheit für die Bearbeitung einer Aufgabe zu gewinnen? Und was benötigen Sie vielleicht auch von anderen Menschen – Ihrem Chef, Freunden oder den Kollegen? Was müsste geschehen, damit Sie womöglich sogar Lust auf diese Aufgabe entwickeln? Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie benötigen, um diese und andere Fragen für sich und ggf. auch mit anderen Menschen in Ihrem Umfeld zu klären.

Treffen Sie bewusste Entscheidungen! Entweder dafür, mit der Erledigung einer Aufgabe zu warten, um in dieser Zeit weitere Informationen zu beschaffen, die Konsequenzen Ihres Handelns besser abschätzen zu können oder abzuwarten, bis Sie wieder in einer besseren Verfassung sind – mit dem Bewusstsein, dass Sie dann weniger Zeit bis zu einem gesetzten Termin haben. Oder entscheiden Sie sich, mit der Aufgabe sofort zu beginnen, weil Sie erkannt haben, dass die vorhandenen Informationen doch ausreichen, Fehler nicht den Untergang der Welt bedeuten werden und es selbst mit halber Kraft besser ist, die Zeit zu nutzen. Dies ist nur ein Beispiel, vielleicht spielen in Ihrer speziellen Situation andere Dinge eine Rolle, warum Sie etwas bewusst (nicht) aufschieben sollten.

Sie kennen das Original: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Es warnt uns vor der gemeinen Aufschieberitis und ermahnt uns, alles das sofort zu tun, was getan werden kann. Ich persönlich empfinde ein Gefühl von Druck, wenn ich diese Maxime lese – wie geht es Ihnen?

Mir ist seit einiger Zeit klar geworden, dass es mir gut tut, noch viel bewusster Entscheidungen darüber zu treffen, wann ich welche Aufgaben bearbeite und zu welchen Zeiten ich Termine vereinbare. Viele meiner Blogbeiträge entstehen am Wochenende. Das Schreiben macht mir Freude und zu dieser Zeit kann ich mich gut darauf fokussieren. Coachings morgens um 8 Uhr sind keine gute Idee, dafür kann ich nachmittags und bis in den Abend hinein gut mit Klienten arbeiten. Und so hat jeder von uns einen anderen Bio-Rhythmus und seine persönlichen Vorlieben in der Gestaltung und Nutzung von Zeit.

Bewusste Entscheidungen statt verbissener Kampf

Auch Sie als Angestellte verfügen meist über ein gewisses Maß an Flexibilität und können in einem bestimmten Rahmen darüber entscheiden, ob Sie eine Aufgabe heute, morgen oder bei größeren Themen erst nächste Woche in Angriff nehmen. Und falls doch einmal die Zeit drängt und Sie für sich gute Gründe für ein Aufschieben erkennen, dann besprechen Sie mit Ihrem Chef oder den Kollegen, was genau Sie daran hindert, welche Fragen oder Bedenken Ihnen durch den Kopf gehen, was Sie noch benötigen, um mit der Aufgabe zu beginnen oder was Sie sich von wem wünschen, wie sie oder er Sie dabei unterstützen kann.

Sehen Sie also genauer hin und schaffen Sie für sich Klarheit darüber, was konkret Sie am Beginn oder der Erledigung einer bestimmten Aufgabe hindert und treffen Sie bewusste Entscheidungen, statt im gewohnten Überwindungsmodus gegen sich selbst zu kämpfen. Sie können jederzeit darüber entscheiden, ob Ihr Leben ein anstrengender Kampf gegen die Aufschieberitis ist oder ob Sie Ihren Impuls zum Aufschieben nutzen und entscheiden, was Sie für die Erledigung noch benötigen und wie Sie bei einer Aufgabe zu mehr Leichtigkeit finden können.

(Bildquelle: 123rf.com, 103720148, Alina Koteneva)

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Moin Bernd,
    ich sehe das ganz genau so. UND ich habe noch einen Vorteil der Aufschieberitis: manchmal erledigen sich Aufgaben so auch von selbst, da andere Informationen dazu kommen oder sich etwas im Ablauf ändert. Manchmal hat also das Aufschieben einen guten Grund, den wir vielleicht unbewußt spüren!

    Einen schönen, entspannten Tag und liebe Grüße
    Silke

    1. Moin Silke :)
      ja, Zeit als Erfüllungsgehilfin hatte ich auch bei den guten Gründen fürs Aufschieben im Kopf, doch einfach nur abzuwarten wollte ich hier nicht seriös empfehlen. Aber mal angenommen, du weißt, dass dein Chef ein Fähnchen im Wind ist und schon am nächsten Tag mit einer neuen Idee um die Ecke kommt, ja dann ist es vielleicht eine gute Strategie, nicht sofort aktiv zu werden und erst einmal abzuwarten, ob sich eine Aufgabe festigt und als solche den Tag überlebt. Danke Dir für die Ergänzung!
      Liebe Grüße nach Hamburg,
      Bernd

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