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Warum Lehrer die Finger von Berufsberatung lassen sollten.

Das öffentliche Interesse nach dem Twitter-Statement der Schülerin Naina, die Schule bereite sie nicht ausreichend auf das Leben vor, ist weiterhin ungebrochen. Sechs Tage nach dem Tweet verkündete Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, dass die Regierung 1 Mrd. Euro für Berufseinstiegsbegleitung investiere und damit 500.000 Jugendliche erreiche. Parallel bekräftigt Baden-Württemberg seine Absicht, das Fach Berufsorientierung und Wirtschaft ab der 5. Klasse flächendeckend ab dem Schuljahr 2016/17 einzuführen. Ist das die Lösung, um Jugendliche in der Schule auf das „echte Leben“ vorzubereiten? Einige Fakten zur Berufsorientierung für Jugendliche und meine Perspektive, warum Lehrer keine guten Berufsberater sind:

1 Mrd. Euro „extra“ für 500.000 Jugendliche

1 Mrd. Euro für Berufseinstiegsbegleitung. Eine Summe, die im Bundeshaushalt 2015 mit Kosten in Höhe von 299,1 Mrd. Euro erst einmal nicht großartig auffällt. Was mich etwas stutzig machte, war der Zusatz der Bildungsministerin „Damit erreichen wir 500.000 Jugendliche“. Das sind 2.000 Euro pro Jugendlichem.

Mein erster Gedanke: Dafür könnte ich sehr viele Coachings mit einem Jugendlichen machen. Der Zweite: Wieviele Jugendliche kommen für eine Berufseinstiegsbegleitung überhaupt jährlich in Deutschland in Frage? Und Drittens: Warum liegt der Fokus hier eigentlich auf Einzelpersonen und nicht auf der Gruppe der Jugendlichen?

3 Millionen Jugendliche vor beruflicher Entscheidung

In welchen Lebensabschnitten stellen sich Jugendliche die Frage „Was ist das Richtige für mich?“. Primär dürften dies die Schulabgänger sein, die sich zwischen einer Berufsausbildung oder einem Studium entscheiden. Aber auch Fach- und Hochschulabsolventen stellen sich oft die Frage nach dem richtigen ersten Praxiseinstieg. Ebenso die Jugendlichen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Hinzu kommen die als arbeitslos gemeldeten Jugendlichen im Alter zwischen 15 – 25 Jahren. Jugendliche-Jobsuche Unterm Strich komme ich auf Basis der Statistiken aus 2013 auf rund 3 Millionen Jugendliche, die jährlich vor einer beruflichen Entscheidung stehen (können). Unter der Annahme, dass sich das Programm der Bundesregierung an diese potenzielle Zielgruppe richtet, würde es ein Sechstel (16,7%) abdecken. Das klingt wenig, zeigen doch aktuelle Studien, dass allein fast zwei Drittel der deutschen Schüler einen konkreten Orientierungsbedarf aufweisen und keine klare Vorstellung davon haben, was sie später machen möchten. Alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Berufsorientierung als Schulfach

„Damit erreichen wir 500.000 Jugendliche.“  Ist die Investition in die Beratung einzelner Jugendlicher sinnvoll oder sollten diese Mittel nicht besser zusätzlich in breiter angelegte Angebote an Schulen, Berufsschulen und Hochschulen investiert werden?

Der Gedanke, Beruforientierung als Schulfach einzuführen, ist nicht neu. Der Wissenschaftsrat, der als Beratergremium der Politik fungiert, forderte 2014 nach Angaben der Süddeutschen Zeitung mehr Praktika und Beratung für Schüler und schlägt auch ein deutschlandweites Fach Berufsorientierung vor.

In Baden-Württemberg ist es beschlossene Sache: Ab dem Schuljahr 2016/17 wird flächendeckend ab der 5. Klasse das Fach Berufsorientierung und Wirtschaft eingeführt, so der Finanzminister Nils Schmid gegenüber den Stuttgarter Nachrichten. Unterrichtet werden soll das Fach von Lehrern unter Beteiligung externer Gäste aus der Wirtschaft.

Lehrer sind nicht für Berufsorientierung ausgebildet

Ich befürchte: gut gedacht – schlecht gemacht. Lehrer, wie sie heute ausgebildet sind, können betriebswirtschaftliche Grundlagen vermitteln und Schülern damit ein ökonomisches Verstädnis mit auf den Weg geben. Wirtschaft als Lehrfach ja, Berufsorientierung werden sie jedoch damit nicht leisten können. Müssen sie auch nicht, aber dazu später.

Der Großteil der Lehrer hat nie ein Unternehmen von innen gesehen, ganz zu schweigen von Führungserfahrungen. Kenntnisse über Branchen, Wertschöpfungsprozesse und Job-Positionen sind oft nur vom Hören-Sagen aus dem privaten Umfeld vorhanden. Das reicht nicht, um Schülern die vielfältigen Perspektiven aufzuzeigen, die unser Bildungs- und Ausbildungssystem sowie die internationale Wirtschaft heute bieten. Es braucht die Praktiker.

Und hier sehe ich aus eigener Erfahrung das zweite Problem: Ich war in den letzten Jahren mehrfach mit Schulen und Behörden in Kontakt, um meinen Vortrag zur beruflichen Orientierung anzubieten. Es ging mir weder darum, damit reich zu werden, noch die Schüler oder deren Eltern für Einzel-Coachings zu akquirieren. Ich wollte die Jugendlichen und ihre eigenen Perspektiven kennenlernen und hatte einfach Lust darauf, mit ihnen zu arbeiten. Auch wenn ein meist grundsätzliches Interesse bestand, zustande gekommen ist bis heute keine Veranstaltung. Die bürokratischen Hürden sind groß und noch viel stärker scheint mir die Angst ausgeprägt zu sein, dass die Institution Schule von Unternehmern als lukrative Akquiseplattform missbraucht wird.

Die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Hochschulen und der Wirtschaft muss ausgebaut werden, um Jugendlichen frühzeitig Einblicke in die Arbeitswelt zu gewähren und Ihnen die Möglichkeit zu geben, eigene und vor allem neue Perspektiven für ihr Berufsleben zu entdecken. Und hier gebe ich Svenja Hofert Recht. Das funktioniert nicht, indem wir die Jugendlichen krampfhaft in irgendwelchen Praktika unterbringen.

Berufsberatung für Schüler ist nicht neu

Googeln Sie einmal „Berufsorientierung Schüler“. Ich war erstaunt, welche staatlichen und vor allem privaten Angebote erscheinen. Von der Potenzialanalyse für 200 Euro je Schüler, die von der Schulbehörde übernommen werden, über sogenannte Profiling-Institute, bis hin zur Premium-Karriere-Beratung für 1.500 Euro am Tag ist das Spektrum riesig (hierzu auch dieser Artikel bei Spiegel Online). Berufsberatung für Schüler ist ein lukrativer Markt, denn nicht zuletzt sind es oft die Eltern, die für das Aufzeigen des richtigen Weges für ihre Sprösslinge tief in die Tasche greifen.

Bund und Länder haben sich hier in den letzten Jahren wie ich finde sehr zeitgemäß aufgestellt. Gut gefällt mir die neue Kampagne der Bundesagentur für Arbeit und der Jobcenter dasbringtmichweiter.de. Speziell zu Themen rund um die Ausbildung gibt es das Portal Planet-Beruf. Hinzu kommen diverse vom Bundesbildungsministerium geförderte Angebote, teils auch in öffentlicher Hand, wie etwa das Berufsorientierungsprogramm. Auch die einzelnen Bundesländer bieten eigene Programme an, wie hier für NRW.

Doch so ansprechend die Seiten auch sind, am Ende frage ich mich – vor allem aus der Perspektive von Schülern oder Eltern – welche Programme und Angebote in diesem öffentlichen Beratung-Dschungel tatsächlich bei der Berufsorientierung helfen. Ich habe den Eindruck, hier fehlt es an koordiniertem Einsatz von Mitteln, was sicher auch der Aufgabenverteilung von Bund, Ländern und Gemeinden im Bereich des Bildungswesens geschuldet ist (Wen es interessiert, hier der Bildungsbericht 2014).

Schulfach „Selbstverantwortung“ statt Berufsorientierung

Was ist nötig, um Jugendlichen mehr Orientierung bei der Berufswahl zu geben?

Wenn ich mir insbesondere die  Angebote privater Dienstleister im Netz so ansehe, dann erinnert es mich an die Aufgabe des Reiseleiters aus meinem letzten Beitrag. Psychologen oder andere Experten beobachten über Stunden das Verhalten von Jugendlichen in der Gruppe und geben danach ihr Urteil ab, was gut oder schlecht für den jungen Erwachsenen ist. Oder sie lassen sie umfangreiche Fragebögen ausfüllen, bei denen dann am Ende als Ergebnis Studium X oder Beruf Y herauskommt. Da habe ich schon ganz lustige Geschichten gehört, was diese Tests so alles vorschlagen – oder auch eben nicht.

Wie wäre es mit dem Schulfach „Selbstverantwortung“ anstelle von Berufsorientierung? Geht es nicht im Kern darum, dass Jugendliche frühzeitig lernen, selbst Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen? Sollten sie nicht lernen, selbst die richtigen Fragen zu stellen, um selbst auch die richtigen Antworten zu finden?

Vorbereitung auf das echte Leben

Bei der aktuell anhaltenden Diskussion nach dem Tweet der Schülerin Naina

geht es um die Vorbereitung von Schülern auf das echte Leben. Die Frage der beruflichen Orientierung spielt hier sicherlich auch eine entscheidende Rolle.

Aus meiner Sicht sollte es neben der Vermittlung von Lehrbuch-Stoff das Ziel einer schulischen Ausbildung sein, die Kompetenz bei jungen Menschen zu entwickeln, die richtigen Fragen zu stellen, sich selbst über entscheidungsrelevante Aspekte bewusst zu werden und selbständig gute Antworten zu finden. Die Einstellung „Die Schule muss mir gefälligst beibringen, wie ich den Mietvertrag ausfülle!“ ist heute oftmals so gelernt und ja auch ziemlich bequem.

Ist es nicht merkwürdig? Die „Jugend von heute“ ist doch extrem fit darin, im Internet schnell Antworten zu finden. Egal, ob es die Lösungen für Hausaufgaben sind oder der beste Handy-Tarif-Anbieter. Die Schule bringt ihnen ja auch nicht bei, wo sie die Jeans am günstigsten bekommen, die gerade besonders angesagt ist. Warum funktioniert das dort und nicht für andere Themen, wie etwa dem Mietvertrag oder der Frage, welche Berufe oder Studiengänge es gibt?

Vorbereitung auf das echte Leben bedeutet für mich, Jugendlichen mit zunehmendem Alter bewusst mehr und mehr die Verantwortung für ihr Leben zu übertragen. Dies gelingt, indem die Lehrer sie in der Schule ermutigen und auch den Freiraum geben (!), Fragen zu stellen und gleichzeitig darauf vertrauen, dass sie selbst die für sie passenden Antworten und Handlungsoptionen finden oder selbst entwickeln können.

Berufsorientierung an Schulen ist sinnvoll und wichtig. Damit Jugendliche Perspektiven entwickeln können, bedarf es Zweierlei: Sie benötigen einen guten Überblick über die Vielfalt der Ausbildungen, Studiengänge und Berufe. Fast noch wichtiger ist aber die Selbtsreflexion, also das Auseinandersetzen mit den eigenen Stärken, Interessen, Werten und Zielen.

Für beides können Lehrer, Eltern, Berufsberater und Praktiker aus der Wirtschaft Einblicke und wichtige Impulse geben. Aber überlassen wir doch jedem einzelnen Jugendlichen die Freiheit, in seinem Tempo herauszufinden, Fragen zu stellen und auch die Entscheidung zu treffen, was gut für ihn oder sie ist.

(Bildnachweis: 123rf.com, Bild Nr. 29781432, darkbird)

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Lieber Bernd,

    Du greifst ein großes Thema an: „Was will ich werden?“ – das beschäftigt junge Menschen immer häufiger. Und immer viel zu spät.

    Wieviele Diskussionen mit Direktoren und Lehrern habe ich über Jahre geführt, wenn es darum ging, dieses Thema in die Schulen zu bringen. Immerhin gibt es hier in NRW die Stuftung „Partner für Schule“, die Gelder für solche Maßnahmen bereit stellt. Damit ganze Schulklassen an solchen Projekten – zehn verschiedene Angebote standen zur Wahl, solange ich in diesem bereich aktiv war – teilnehmen können. Doch es ging immer um die 8. Klassen aller weiterführenden Schulformen. Und nahezu immer hieß es VORHER: „Ach, das sind doch noch Kinder. Die sollten wir damit noch nicht belästigen.“

    Nach fünf Tagen BerufsOrientierungsCamp oder einem KompetenzCheck mit uns hieß es dann NACHHER: „Sie hatten ja so Recht. Damit sollten wir künftig viel früher beginnen – das Thema kann ja auch spielerisch transportiert werden!“

    Du hast so Recht: Es muss sich was an der Einstellung ändern. „Ermächtigung zur Selbstverantwortung“ ist mein Credo. Denn niemand – außer dem Schüler selbst – kann wirklich ermessen, was er am besten kann und beruflich machen möchte. Wir Erwachsenen sind gefragt, den Jugendlichen den Stress von den Schultern zu nehmen, mit der Entscheidung für einen Beruf auch gleich eine Lebensentscheidung zu treffen. Und wir sollten im Alltag viel mehr auch die Dinge sehen, die unsere Kinder NEBEN DEN NOTEN auszeichnen. Achtsamkeit und Offenheit für besondere Qualitäten, ein wacher Blick auf Kompetenzen und Talente und die Toleranz von Andersartigkeit sind gefragt.

    Prof. Gerald Hüther hat dazu gerade ein tolles Projekt, welches mit unserem KompetenzCheck wunderbar kompatibel wäre: Kids durchlaufen einen Parcours von Aufgaben und werden dabei von den Eltern beobachtet. Das besondere daran ist, dass niemals die eigenen Eltern auf ihr Kind gucken – sondern aben auf die anderen Kinder. Mit dem Ergebnis, dass sie einen objektiven Blick auf die Facetten haben, die die Kinder zeigen. Dass sie die Fähigkeiten des eigenen Nachwuchs besser einordnen können. Und dass die Jugendlichen eine breite Basis an Feedback bekommen, wie sie wahrgenommen werden.

    Und genau daran mangelt es nach meiner Erfahrung zu oft: Respekt vor dem (jungen) Menschen und Wertschätzung im Feedback. Und daran, die Jugend zu ermutigen, Inhalte, die ihr wichtig sind, eben auch mal eigenverantwortlich zu recherchieren. Wir können und sollten Hilfestellung geben – doch die Kids selbst machen lassen.

    Wäre klasse. Funktioniert aber nur selten. Denn in den „höheren“ Schulformen wie Real- und Förderschule sowie Gymnasium haben wir es häufig mit „Helikopter-Eltern“ zu tun, die ihren Kinden alles abnehmen. Und damit auch Selbstverantwortung nur eingeschränkt bis gar nicht entstehen lassen.

    In der Hauptschule und mancher Realschule hingegen regieren Desinteresse und Vernachlässigung „von Zauhause“ die Welt der Kinder. Die sich schon mit so viel Kraft selbst „durchs Leben schlagen“ (bedauerlicherweise machmal wortwörtlich), dass ihnen für qualifizierte Berufsorientierung kaum Raum bleibt.

    Jaaa, es wäre schön, wenn Schule – ohne dass es dafür ein Schulfach sein müsste – zur Selbstverantwortung ermutigen würde. Doch ehrlich: Wir müssen da noch viel mehr bei den Eltern ansetzen. Denn Schule leistet heute in Sachen Sozialkompetenz schon so viel mehr, als früher – bei inhaltlich vergleichbaren Lerninhalten, die daher nur selten „geschafft“ werden.

    Das gesamte Bildungssystem bedarf der Revolution – denn statt für die Schule sollten wir in der Tat wieder mehr fürs Leben lernen. Und zwar auf Augenhöhe und mit Anleitung. An Bedürfnissen und Praxis orientiert. Und an den eigenen Fähigkeiten und Neigungen. Gerade gestern diskutierte ich das noch mit einer früheren Realschul-Lehrerin. Doch die „Augenhöhe“ und die „Selbstverantwortung“ kommen eben auch maßgeblich aus dem Elternhaus. Vielleicht können wir dort ansetzen?

    Du merkst: Das Thema bewegt mich sehr und es liegt mir sehr am Herzen. Doch auch ich bin an der Borniertheit mancher Lehrkörper und an den administrativen Vorgaben der Schulministerien oft gescheitert.

    Und am Ende wurde unser wertvolles Programm gekippt – weil ab Ende 2013 nur noch „zertifizierte Trainer“ solche Maßnahmen durchführen sollten. Aus Gründen der Qualitätssicherung. Ich hätte mich zertifizieren lassen können. Indem ich drei volle Monate in unbezahlter Vollzeit ein QM-Handbuch geschrieben hätte und mich dann für 1.900 € netto vom TÜV Rheinland hätte erstzertifizieren lassen. In der Folge hätte es für 1.000 € pro Jahr eine Anschlusszertifizierung gegeben. Ich habe dann dankend verzichtet. Denn auch wenn mir das Thema am Herzen liegt: Ich kann es mir schlicht nicht leisten, dass mehr oder minder unentgeltlich zu bearbeiten.

    Meine spannende Erfahrung: Schulen, die 2010 – 2012 mit uns gearbeitet haben riefen im Nachgang der 2013er-Maßnahme hier an und sagten: „Bei Ihnen war das viel besser. Sie haben die Schüler viel besser erreicht und motiviert. Sie haben viel mehr Facetten und spielerisches Lernen geboten, als die „zertifizierten“ Kollegen.“

    Kurzum: Hier wird Geld mit Zertifizierung verdient, ohne wirklich auf Qualität zu achten. Wieder einmal zu Lasten der Schüler. Wo ist da der Sinn?<

    Mit bewegten Grüßen
    Bettina

    1. Hallo Bettina,
      danke Dir für diesen langen Kommentar und die Offenlegung Deiner Erfahrungen. Ja, das Problem mit der Zertifzierung kenne ich und klar, das lohnt sich für uns 1-Mann-/Frau-Unternehmer nicht. Trotzdem ist es ja auch wichtig, dass ein Qualitätsmaßstab angelegt wird – ob so ein Zertifikat da richtig ist, ist mal dahingestellt. Das Projekt von Prof. Hüter schaue ich mir gleich mal näher an.
      LG, Bernd

  2. Lieber Bernd,
    ein lesenswerter Artikel, danke! Aber wie in jedem Fach sollen Lehrer doch gar nicht die Praxis perfekt simulieren und die Lebenswelt „da draußen“ komplett ersetzen. Lehrer sollen erziehen, bilden und Mündigkeit fördern. Und wenn man Wirtschaftsunterricht wissenschaftlich fundiert auf Kompetenzförderung ausrichtet und in der Praxis auch so tatsächlich durchführt, können gute Wirtschaftslehrer sehr wohl einen großen Beitrag zu Berufsorientierung leisten. Aber es ist doch nicht nur die BWL, die ökonomisches Verständnis ermöglicht. Das halte ich für etwas zu kurz gegriffen. Letztenendes geht es doch um das ureigenste ökonomische Problem überhaupt: Das Treffen einer Handlungsentscheidung (Berufswahl) vor dem Hintergrund persönlicher Präferenzen (z.B. Begabungen, Interessen, Gehaltsaussichten, Selbstverwirklichung etc.) im Rahmen von Knappheitsrestriktion (v.a. Lebenszeit). Ich behaupte einfach mal ganz frech, dass man sich dann in seinem Job verrennt und am Ende unter Burn Out-Gefahr leidet, wenn man die persönlichen Präferenzen aus den Augen verloren hat (bspw. ist mir die bezahlte Überstunde tatsächlich wert heute nicht mehr mit meinem Sohn den Fußball im Garten kicken zu können?)… Ich finde (gut ausgebildete!) Wirtschaftslehrer sind ausgezeichnet dafür geeignet Berufsorientierung zu „unterrichten“. Nur können sie natürlich nicht jeden Praxisvertreter simulieren. Aber wieviel Physiklehrer geben Einstein die Ehre und welcher Geschichtslehrer hat schonmal Napoleon und Cäsar eingeladen? Ganz im Gegenteil! Ein Lehrer muss Exemplarität sicherstellen und Beispiele (wie das nette Schüler-Experten-Gespräch mit dem Personalleiter X von der Firma Y) zu allgemeinen Erkenntnissen umwandeln. Das Schulfach „Selbstverantwortung“ ergibt sich dann, wenn man in allen Schulfächern (auch, aber nicht nur im Wirtschaftsunterricht) Bildung ermöglicht. Vielleicht könnte Dein Vortrag aber auch grade dazu beitragen (kenne ihn ja nicht), dann wäre es natürlich extrem schade, wenn (Schul-)Bürokratie die Bildung junger Menschen eher behindert als fördert.

    1. Hallo Felix,
      danke für Deine Sichtweise. Ja, wenn Bildung bedeutet „sich selbst ein Bild machen“, dann steckt da auch viel Selbstreflexion und -verantwortung drin. Dadurch Schülern mit auf ihren Weg zu geben, auch ihre eigenen Präferenzen immer im Blick zu haben, finde ich auch sehr wichtig. Und Du hast Recht, genau das ist vielen Burnout-Gefährdeten abhanden gekommen.
      Zum Thema Praxis und Berufsalltag bin ich etwas anderer Meinung und es geht mir auch nicht ums Simulieren der Welt draußen im Klassenzimmer, sondern um die Lust und Motivation, sich selbstverantwortlich ein Bild über alle Möglichkeiten zu machen.
      Liebe Grüße, Bernd

  3. Ich sehe das Ganze etwas differenzierter. Vielleicht, weil ich einerseits aus einer Lehrerfamilie komme und selbst zwar nicht Lehrer, aber Lehrender bin, und andererseits, weil ich bei meinem eigenen Kindern (heute 19 und 21) einiges mitbekommen habe.
    Zunächst: Berufsberatung im weiten Sinn kann jeder von uns, ob sie/er im Beruf steht oder nicht. Warum? Weil jeder von seinen Erfahrungen berichten kann und damit Impulse setzt und Einstellungen vermittelt.
    Ich kann die Profis teilweise nicht mehr hören, die einfach irgendetwas abspulen, was völlig an der (Berufs-)Wirklichkeit vorbei geht.
    Mein Vater hat mal gesagt: „Junge, such dir eine Arbeit, die dir Spaß macht und dir Zufriedenheit gibt….und du musst nicht einen Tag in deinem Leben arbeiten!“ Recht hatte er.

    Lehrerinnen und Lehrer dürfen und müssen Schülerinnen und Schüler unterstützen und beraten, das könn(t)en sie auch, allein dadurch das sie Vorbilder sind. Trotz aller Schwierigkeiten und Anforderungen: Lehrerinnen und Lehrer bekommen unsere Kinder zur besten Tages(Lern)zeit, versorgt und in dem Alter, in dem man am besten und intensivsten lernen kann.
    Ja, ich höre schon das aber: Kinder sind schwieriger geworden, Eltern kümmern sich nicht mehr und, und, und….bleibe aber trotzdem bei meiner Meinung. Wahrscheinlich hat eure Oma auch gesagt: „Früher war alles besser“ oder „die Jugend von heute“. Meine Oma sagte, dass hätte schon ihre Oma gesagt…

    1. Hallo Herr Unkrig,

      herzlichen Dank für Ihre Perspektive. Die Sicht Ihres Vaters (und Ihrer Oma) finde ich klasse. Oft sind es aber gerade die Eltern, die Jugendliche sehr stark bei der Berufswahl beeinflussen im Sinne von einengen – was nicht immer gut ist, weil es dann weit über Impulsgeber und absichtsloser Berater hinausgeht.

      Ja, Vorbilder sind wichtig, hier übernehmen Lehrer eine starke Funktion. So kann aber auch das Kernthema meines zugegebenermaßen polarisierenden Beitrags, die Selbstverantwortung für unser Leben, von Lehrern und Eltern als Vorbild vorgelebt werden.

      Viele Grüße,
      Bernd Slaghuis

  4. Für mich braucht es dreierlei, damit wir junge Menschen eine wie auch immer geartete Berufsberatung (durch Lehrer, Trainer etc.) vermitteln können:

    1. Methodische Analyse von Talenten und Fähigkeiten
    Der junge Mensch sollte erkennen können, welche Fähigkeiten er hat. Ob das durch Biographie-Arbeit, beobachtende Eltern oder standardisierte Tests geschieht (am besten wahrscheinlich durch eine Kombination), sei dahingestellt. Doch am Anfang steht ein Fähigkeiten-Katalog.

    2. Zeit
    Die Entscheidung für einen Beruf ist nicht wie das Ziehen einer Cola: oben was rein, Ergebnis unten raus. Das ist ein Prozess, der vor allem Zeit braucht. Und die geben wir jungen Menschen nicht mehr. Alles ist durchökonomisiert, auch die Ausbildung, damit junge Menschen „dem Arbeitsmarkt möglchst schnell zur Verfügung stehen“. Interessanterweise geht die Entwicklung der Sozialreife genau in die andere Richtung: Junge Menschen heutzutage heiraten später, bekommen später ihr erstes Kind, lassen sich später nieder etc.

    3. Ein Ende der Panik
    Oft erlebe ich persönlich junge Menschen in der Karriereberatung, die Angst haben, eine falsche Entscheidung zu treffen nach dem Motto: „Wenn ich jetzt den falschen Beruf wähle, ist mein Leben im Eimer.“ Dem ist natürlich nicht so. Aber unter den – wieviel: Hunderten? Tausenden? – Ausbildungsberufen und Studiengängen in Deutschland DIE richtige Wahl zu treffen, ist heute genauso Glücksache wie vor 20 Jahren. Man weiß mit 18 Jahren schlicht und ergreifend noch nicht, ob dieser Beruf der richtige für einen ist. Das muss man testen. Und da müssen wir jungen Menschen das Vertrauen vermitteln, dass wir das zulassen und sie deshalb keine Versager sind (Studienabbrecher!).

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