Kündigungswelle: Warum so viele Jobgefrustete jetzt den Wechsel planen

In den USA ist die Rede von „The Great Resignation“ – einer nie dagewesenen Kündigungswelle seitens der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auch in England hat die Kündigungsquote in den letzten Monaten ein Rekordniveau erreicht. Wird eine ähnliche starke Kündigungswelle auch nach Deutschland überschwappen? Wenn ich auf die Themen meiner Coaching Klientinnen und Klienten sowie auch auf die Verschiebung ihrer Anliegen in den vergangenen zwei Jahren der Krise blicke und zudem darauf schaue, wie sich die Anzahl der Coaching-Anfragen jetzt zu Jahresbeginn entwickelt, dann gehe ich heute davon aus, dass auch bei uns 2022 deutlich mehr Bewegung in den Arbeitsmarkt kommen wird.

Ich wage in diesem noch jungen Jahr einen Blick in die Glaskugel: Die Fluktuation in Unternehmen und Organisationen wird merklich ansteigen und vermutlich auch über dem Niveau vor der Krise liegen. Die Anzahl der ausgeschriebenen Stellen wird weiter zunehmen – mit den üblichen saisonalen Hochs und Tiefs. Der in einigen Berufen oder Regionen vorherrschende Fachkräftemangel wird sich verstärken und Arbeitgeber werden umso mehr Mühe haben, die durch Kündigungen frei werdenden Stellen schnell und mit passenden Kandidaten neu zu besetzen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden noch selbstreflektierter in ihre berufliche Zukunft blicken. Sie können gezielt nach solchen Positionen und Arbeitgebern Ausschau halten, bei denen stärker erfüllt ist, was ihnen infolge eines durch die Krise veränderten Wertebewussteins in Zukunft wichtiger geworden ist.

Es wird zu einer höheren Belastung für die im Team verbleibenden Mitarbeitenden kommen, was wiederum zu einem Anstieg der Krankenquote, Ausfällen und in der Folge weiteren Kündigungen führen kann. Je höher die Kündigungswelle zum Tragen kommt, umso stärker werden die nachlaufenden Effekte sein. Auch wenn ein Plus an Mitarbeiterbindung so kurzfristig nicht wirken und den sich abzeichnenden Anstieg der Arbeitnehmer-Kündigungen verhindern wird, werden Arbeitgeber in den nächsten Jahren umsteuern müssen. Die Erhöhung von Ressourcen allein in das Recruiting wird einen abnehmenden Grenznutzen aufweisen, jeder zusätzliche Euro in Mitarbeiterbindung wird besser investiert sein. Wie hoch auch immer diese Kündigungswelle ausfallen wird, sie wird für beide Seiten auch Chancen bieten und am Ende zu einer gesünderen Allokation von Menschen in Organisationen führen.〈Ende meines Blicks in die Glaskugel

Kündigungswelle voraus? Viele Jobgefrustete haben zwei Jahre abgewartet

Ich mag den schwarzen Peter nicht allein den Arbeitgebern unterschieben. Sicherlich – und dies zeigen viele der folgenden zehn häufigen Kündigungsgründe – liegt die Entscheidung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, ein Unternehmen und ihr Team zu verlassen, oftmals in den Arbeits- und Umfeld-Bedingungen, der Kultur des Miteinanders, oder der Führung begründet. Doch was die Zunahme der Arbeitnehmer-Kündigungen hierzulande zu einer (kleinen) Welle erwachsen lassen wird, das wird schlicht die Tatsache sein, dass viele Beschäftigte in den vergangenen zwei Jahren sicherheitsbewusst ausgeharrt und abgewartet haben.

„Ich kann doch jetzt in der Krise nicht wechseln“ ist ein Satz, denn ich gefühlt in jedem zweiten Coaching gehört habe. „Ich benötige jetzt einen Plan B, damit ich eine Perspektive sehe und kündigen kann, wenn die Zeit hierfür reif ist.“ Auffallend viele meiner Klientinnen und Klienten der letzten beiden Jahre melden sich in diesen Tagen und möchten nun mit meiner Begleitung den Arbeitgeberwechsel durchziehen. Kündigung per Ende März und im Sommer in den neuen Job scheint aktuell ein beliebter Plan zu sein.

Die lange Zeit des Aushaltens gefühlt sinnloser oder langweiliger Jobs, Einsamkeit im Corona-Homeoffice, unfähiger Führungskräfte oder ausbleibender Weiterentwicklung haben offensichtlich in Kombination mit der Reflexion zum neuen Jahr das Fass für viele Angestellte zum Überlaufen gebracht. Gleichzeitig sehen sie den Anstieg offener Stellen in den Jobbörsen.  Auf XING und LinkedIn gibt es aktuell so viele „Schaut her, mein letzter/erster Tag“-Postings wie noch nie – und irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass viele von uns die Schockstarre der Krise überwunden und wieder zu mehr Zukunftssicherheit gefunden haben.

10 Kündigungsgründe, die nach zwei Jahren Krise boomen – und worauf Sie beim Jobwechsel jetzt achten sollten

Wenn ich mit etwas Distanz einen Blick auf die Anliegen meiner Klienten und Klientinnen im Karriere-Coaching des letzten Jahres werfe, so kristallisieren sich einige Auffälligkeiten heraus. Hier ist das Ergebnis meiner Analyse mit jenen zehn Kündigungsgründen und zugleich Wechselmotivationen, die mir besonders häufig in meiner Coaching-Praxis begegnet sind.

1. Homeoffice und Krise:
„Mir ist klar geworden, dass ich in diesem Job falsch bin“

Viele Menschen konnten im Homeoffice oder im Rahmen der Kurzarbeit in den letzten zwei Jahren wortwörtlich Distanz zu ihren Jobs gewonnen. Sie haben für sich erkannt, dass ihre persönlichen Werte- und Zielvorstellungen nicht mehr zu ihrem aktuellen Beruf oder Arbeitgeber passen. Oft geht es um fehlenden Sinn und mangelnde Identifikation mit einer Branche oder mit Produkten, häufig spielt auch der Schwerpunkt der Tätigkeit selbst in Relation zu den eigenen Stärken und Fähigkeiten eine wichtige Rolle. Im März 2020 habe ich auf XING überrascht über „Neuorientierung in der Krise“ geschrieben – dieser Trend hat sich bis heute fortgesetzt und intensiviert.

Mein Tipp für den Wechsel: Wertschätzen Sie diese Erkenntnisse und die Klarheit aus Ihrer Selbstreflexion. Wechseln Sie die Perspektive, denn wo Sie falsch sind, müssen Sie woanders nicht automatisch richtig sein. Was ist Ihnen im Beruf in den nächsten Jahren wirklich wichtig und in welchen Positionen sowie Arbeitsumfeldern sehen Sie sich, wenn Sie jetzt die Wahl haben?

2. Unterforderung:
„Ich langweile mich und kann meine Stärken nicht richtig einbringen“

Über Langeweile im Beruf habe ich bereits mehrfach geschrieben (hier im Blog, hier im SPIEGEL). Ich habe das Gefühl, Unterforderung ist in der Krise nochmals zu einem größeren Problem erwachsen. Ob abgeschieden unbeobachtet im Homeoffice oder als Teil von Organisationen, die mehr mit sich selbst als mit der Entwicklung ihrer Arbeitnehmer beschäftigt waren. Bei vielen fachlich spannenden Projekten wurde zu Beginn der Pandemie die Pause-Taste gedrückt und ich höre von etlichen Klienten, dass sich ihre Organisation samt Führungsmannschaft seit Monaten nur noch im operativen Tagesgeschäft über Wasser hält.

Mein Tipp für den Wechsel: Wer aus einer Unterforderung den Arbeitgeber wechselt, sollte zunächst an sich selbst arbeiten – denn oft ist in dieser Zeit auch das Gefühl für die eigenen Fähigkeiten und Stärken in den Keller gerutscht. Für die neue Position gilt es, sich selbst seiner Erfahrungen und Talente bewusst zu werden und auf dieser Basis gezielt nach jenen Stellen zu suchen, in denen diese einen hohen Wert haben.

3. Fehlende Entwicklung:
„Ich sehe keine Perspektiven bei diesem Arbeitgeber“

Der Schmerz ist hier ein anderer als nur die chronische Unterforderung. Wie hat es ein Unternehmen bisher durch die Krise geschafft? Sind die Produkte oder Dienstleistungen zukunftsfähig und gibt es eine nachhaltige Strategie für die nächsten Jahre? Ich habe den Eindruck, dass sich viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verstärkt durch die Krise umso mehr Perspektive im Job wünschen, dies jedoch in einem Umfeld nicht befriedigt wird, in welchem maximal bis zum Monatsabschluss gedacht wird.

Mein Tipp für den Wechsel: Für wen fachliche und persönliche Entwicklung ein wichtiger Wert ist, der sollte dies in den Bewerbungsgesprächen aktiv kommunizieren. Fragen Sie nach, ob es strukturierte Mitarbeiterentwicklungs-Programme gibt und in welcher Form Feedback- und Potenzialgespräche stattfinden. Versuchen Sie ein gutes Gefühl dafür zu bekommen, ob Mitarbeitende in einer Organisation systematisch klein gehalten werden oder ob Ihre Gesprächspartner ein echtes Interesse daran haben, dass Sie dort im Team wachsen dürfen.

4. Neues Management:
„Das ist nicht mehr meine Firma“

Während bei manchen Arbeitgebern seit Monaten Stillstand und Ausharren das Tagesgeschäft dominieren, gibt sich bei anderen ein Change- und Reorganisations-Projekt die Klinke in die Hand. Ganze Führungsetagen werden ausgewechselt, Investoren steigen ein, im ehemals kuscheligen Familienbetrieb weht plötzlich amerikanische Hire-and-Fire-Mentalität. Ich hatte nie zuvor so viele Klientinnen und Klienten, die viele Jahre oder sogar ihr ganzes Berufsleben bei einem Arbeitgeber waren und sich plötzlich sicher sind, das nächstbeste Abfindungsangebot mit Kusshand anzunehmen.

Mein Tipp für den Wechsel: Wer mit solchen Erfahrungen seinen Arbeitgeber verlässt, sollte in den Bewerbungsgesprächen genau hinsehen und gezielt Fragen stellen: Wer sitzt seit wann im Management und welcher Wind weht aus der Chef-Etage? Existiert eine Unternehmensstrategie und was sind ihre Eckpfeiler? Wie sehen die Eigentümer- oder Aktionärsstrukturen aus und wie hoch ist das Risiko einer Änderung dieser Verhältnisse? Wie werden Projekte organisiert und welche großen Change-Projekte gibt es aktuell im Unternehmen?

5. Schlechte Führung:
„Meinen Chef kann ich nicht mehr ernst nehmen“

Homeoffice von heute auf morgen und damit Führung auf Distanz hat viele Chefinnen und Chefs Anfang 2020 kalt erwischt. Aus den Geschichten, die meine Klientinnen und Klienten mit ihren Führungskräften erlebt haben, könnte ich ein eigenes Buch schreiben. Angefangen von Führungskräften, die selbst im Homeoffice im Nirwana abgetaucht sind über panische Chefs als Fähnchen im Wind bis hin zu Vorgesetzen, die Corona-Maßnahmen missachtet, ihre Leute belogen oder sie in Video-Calls öffentlich vorgeführt haben.

Mein Tipp für den Wechsel: Definieren Sie möglichst detailliert, was Ihre neue Traum-Führungskraft auszeichnet. Wie wird im Team zusammengearbeitet, wie werden Entscheidungen getroffen, was macht eine gute Haltung eines zukünftigen Chefs oder einer neuen Chefin aus? Je konkreter Ihr Bild, umso leichter können Sie Ihre Chef-Checkliste in den Gesprächen abhaken. Entscheiden Sie sich nicht nur für einen neuen Job, sondern auch für Ihre neue Führungskraft und das Team.

6. Falsches New Work:
„Es wird zu viel diskutiert und nichts mehr entschieden“

New Work will eine bessere Arbeitswelt schaffen, doch in manchen Unternehmen hat zu viel demokratisches Miteinander auf Augenhöhe auch seine Schattenseiten. Ich erlebe viele Menschen, die sich bewusst für „new-workige“ Arbeitgeber entschieden haben, jedoch nun – und oftmals auch im Homeoffice – der vielen Meetings ohne Ergebnis, ihrer entscheidungsunfähigen Führungskräfte sowie der durch die Bank fehlenden Übernahme von Selbstverantwortung müde geworden sind. Sie sehnen sich nach engeren Leitplanken für Ihre Arbeit, klar definierten Strukturen und wünschen sich Führungskräfte als Mentoren und Entscheider, die ihnen eine Richtung vorgeben.

Mein Tipp für den Wechsel: Lassen Sie sich vom Obstkorb oder der Fitnessstudio-Flatrate nicht blenden. New Work ist mehr als „Wir haben hier ständig alle gemeinsam Spaß“ und „Wir arbeiten alle harmonisch auf Augenhöhe“. Machen Sie sich bewusst, was für Sie persönlich ein optimales Arbeitsumfeld sowie ein gutes Miteinander im und als Team ausmacht. Sprechen Sie hierüber und machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Versuchen Sie, im Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern die Realität hinter der bunten Fassade zu entdecken – womöglich auch durch einen Probearbeitstag im Team.

7. Einarbeitung auf Distanz:
„Ich bin dort nie richtig angekommen“

Immer mehr Klientinnen und Klienten sitzen mir gegenüber, die ihren Arbeitgeber in den vergangenen zwei Jahren gewechselt haben und nun schon wieder raus sind oder selbst an die Kündigung denken. Oft ist es eine Probezeit-Kündigung, manchmal jedoch auch die eigene Erkenntnis nach einem Jahr des Ruderns, dass sie einfach keine Chance haben, dort erfolgreich einen guten Job zu machen. Es ist in fast allen Fällen die Einarbeitung, die zu kurz gekommen ist und sie nie in der neuen Umgebung und im Team hat ankommen lassen.

Mein Tipp für den Wechsel: Achten Sie bei der Auswahl eines neues Arbeitgebers darauf, ob Sie feste Ansprechpartner im Team, Mentoren oder Führungskräfte an ihrer Seite haben, die ein echtes Interesse daran besitzen, neue Mitarbeiter gut in ein Team und die gesamte Organisation zu integrieren. Klären Sie – ruhig auch sehr operativ – wie die Einarbeitung aussehen wird und sprechen Sie ebenso offen über Ihre Erwartungshaltung.

8. Restrukturierung:
„Meine Stelle wurde über Nacht wegoptimiert“

Ich hatte zu Beginn der Krise damit gerechnet, dass ich viele Anfragen von neuen Klienten erhalte, die in von der Krise gebeutelten Branchen arbeiten: Touristik, Gastronomie, Event-Management, Messe-Veranstalter/-Bau, Gesundheitswesen, Pflege etc. Doch dem war und ist auch aktuell nicht so. Hier hat unser deutsches System aus Kurzarbeit und Staatshilfen gewirkt. Dennoch gab es bei mir im Coaching immer wieder Fälle in den letzten Monaten, in denen Stellen der Kostenoptimierung in der Krise zum Opfer gefallen sind, wo ganze Standorte geschlossen oder Aufgaben in andere Länder verlagert worden sind. Besonders alle jene, die überraschend ihren Job verloren haben, sehnen sich jetzt nach einem Arbeitgeber mit sicherer Perspektive für die nächsten Jahre.

Mein Tipp für den Wechsel: Versuchen Sie, in den Gesprächen ein gutes Gefühl dafür zu bekommen, wie dieser Arbeitgeber bisher durch die Krise gekommen ist. Wie haben sich die Umsätze entwickelt, wie hoch ist der Kostendruck? Wurden bereits Prozesse oder Strukturen angepasst oder ausgelagert? Auch hier können Sie sich danach erkundigen, ob es aktuell strategische, unternehmensweite Projekte gibt oder vielleicht auch eine Unternehmensberatung im Haus ist.

9. Kündigung in der Probezeit:
„Ich wusste schon im Bewerbungsgespräch, dass es nicht passt“

Viele Jobwechsler haben in der Krise aus meiner Beobachtung heraus zu schnell nach einem neuen angebotenen Arbeitsvertrag gegriffen. Sie haben sich aus der Angst und Unsicherheit heraus für einen Arbeitgeber entschieden, von dem sie – ehrlich zu sich selbst – von vorne herein ein ungutes Gefühl hatten.

Mein Tipp für den Wechsel: Es liegt auf der Hand – nehmen Sie sich die Zeit und suchen Sie sich noch gezielter einen neuen Arbeitgeber aus. Fahren Sie Ihre Antennen in den Gesprächen aus, hören Sie auch auf Ihr Bauchgefühl und prüfen Sie, ob es dieses Mal mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich passt. Stellen Sie im Zweifel die eine oder andere – auch kritische – Frage mehr, statt (wieder) die Katze im Sack zu kaufen.

10. Downshifting:
„Mir ist bewusst geworden, dass andere Dinge im Leben zählen“

Die Krise hat unser aller Wertebewusstsein verändert. Was zählt wirklich im Leben? Wieviel Zeit möchte ich in einem Job verbringen und wieviel Lebenszeit verbleibt für mich und die Familie? Wie wichtig sind Erfolg, Geld, Status und Einfluss – im Vergleich zu Zufriedenheit, Freude und Erfüllung im Beruf? Über Downshifting als Schritt zurück auf der Karriereleiter habe ich auch vor der Krise schon mehrfach geschrieben. Doch die Häufigkeit dieser Gedanken von Angestellten und ihre Entscheidung, Arbeits- und Privatleben in eine andere Balance zu bringen, hat in den letzten Monaten noch einmal enorm zugenommen.

Mein Tipp für den Wechsel: Schaffen Sie für sich selbst die Klarheit, ob ein Kürzertreten oder der Schritt zurück – etwa von der Führungsrolle zurück ins Team – die Lösung ist. Wird es Sie mittelfristig zu mehr Zufriedenheit oder besserer Gesundheit führen oder ist dieser Downshifting-Gedanke mehr kurzzeitige Flucht und Sehnsucht nach Erholung? Sofern Sie sich für diesen Schritt entscheiden, kommunizieren Sie Ihre veränderten Werte und Ihre Ziele für die nächsten Jahre einem neuen Arbeitgeber gegenüber im Anschreiben sowie den Gesprächen.

Trotz Kündigungswelle nicht mitreißen lassen

Ja, da hat sich vieles in den letzten zwei Jahren angesammelt und aufgestaut. Doch auch wenn Sie vermutlich gerade bei einigen der zehn Punkte das Gefühl hatten, dass ich über Sie, Ihren Chef oder Ihren Arbeitgeber geschrieben habe, so ist es mir wichtig, dass Sie jetzt nicht zu hastig vorschnell auf einen Kündigungstrend aufspringen. Denn die Gefahr von Wellen ist groß, sich allzu leicht mitreißen zu lassen und orientierungslos im Strudel unterzugehen.

Es geht bei solch einer Entscheidung nicht darum, was andere gerade tun oder ob es 2022 „angesagt“ sein wird, seinen Job zu wechseln. Nur weil „The Great Resignation“ aktuell in den Medien trenndet und auch ich hier von meinen Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre berichte, so sollte dies allein niemals Ihre einzige Motivation sein, Ihrem Chef jetzt fix die Kündigung zu präsentieren. (Diese 10 Fragen sollten Sie vor einer Kündigung mit „JA“ beantworten)

Werden Sie weder zum Trittbrettfahrer, noch lassen Sie sich von diesem Phänomen „Kündigungswelle“ unter Druck setzen – nach dem Motto „Wenn gerade so viele ihren Job wechseln werden, dann muss auch ich jetzt schnell kündigen, bevor die besten Stellen schon wieder vergeben sind.“ Panik ist kein guter Begleiter bei Veränderungen.

Richten Sie solche wichtigen Lebensentscheidungen nicht an anderen oder irgendwelchen Trends aus, sondern verschaffen Sie für sich die nötige Klarheit, ob und falls ja, wann ein Wechsel für Sie in Ihrer aktuellen Lebens- und Arbeitssituation sinnvoll ist. Was macht für Sie einen guten nächsten Schritt im Beruf aus, muss es wirklich der externe Wechsel sein oder darf alles so bleiben, wie es ist?

Es gilt nicht, das Rennen im Jobwechsel-Wettkampf zu gewinnen. Es geht nicht um Schnelligkeit, sondern um bewusste Entscheidungen. Die Gewinner werden nicht die Resignierten auf der Flucht, sondern die Reflektierten mit klarem Blick auf ihre Zukunft sein.

(Titelbild: 123rf.com, 122604134, robzs)

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich bin SPIEGEL-Kolumnist, XING Insider (Auszeichnung als "XING Top-Mind") sowie Co-Autor des Buchs "Besser arbeiten".

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Dieser Beitrag hat 9 Kommentare
  1. Hallo Bernd,

    danke für diese Einsichten in mögliche aktuelle Kündigungsgründe. Zwei wichtige möchte ich ergänzen:
    1. Ich brauchte/wünschte mehr Geld. Gerade in Zeiten von Kurzarbeit und damit ggf. verbundenen knappen Kassen besonders wichtiges Argument, z.B. in Gastro und Handel. Natürlich auch Geld=Wertschätzung, lt. aktueller XING-Umfrage ja ein wichtiges Wechselmotiv.
    2. Ich musste kündigen, weil meine privaten Umstände es erforderten (Partner*in hat neuen Job in neuer Stadt etc.)

    1. Hallo Lars,
      danke Dir für die Ergänzungen. Beim Thema „Gehalt“ wundere ich mich häufig, dass es als Wechselmotiv in vielen und auch aktuellen Studien immer noch derart weit oben rangiert. Meine Erfahrungen aus den Coachings sind hierzu gegensätzlich. „Geld ist wichtig“, sagen mir viele, doch Schmerzensgeld sind sie nicht mehr bereit, zu verdienen.
      Diese unterschiedliche Wahrnehmung mag auch an meiner Zielgruppe im Einzel-Coaching liegen. Auch wenn viele Nicht-Führungskräfte und Arbeitnehmer mit niedrigerem Einkommen zu mir kommen, wird das gesamtgesellschaftliche Bild zur Relevanz „Gehalt/Einkommen“ sicherlich in der Breite anders aussehen. Insofern sind meine 10 Kündigungsgründe natürlich nicht repräsentativ, sondern nur ein Bild meiner Wahrnehmungen aus den Coachings. Deine Ergänzung aus der Qualifizierungsanbieter-Brille finde ich daher sehr wichtig.
      Viele Grüße,
      Bernd

  2. Hallo Bernd,

    „Kündigungswelle“ ist ein sehr interessantes Thema. das auch immer wieder im Web breitgetreten wird. Bezgl. dem Grund der Great Resignation aus den USA habe ich vor kurzem einen interessanten Artikel auf Forbes gelesen und die Dame beschreibt das ganz gut:
    https://www.forbes.com/sites/isabelcontreras/2022/01/26/100-great-goldilocks-stocks-for-a-stormy-market/?sh=46458f7f3d17
    Die Quintessenz ist simpel, Arbeitnehmer haben nämlich begriffen, dass sie seit der Corona-Krise in eine bessere Verhandlungsposition kamen, also vor allem Aussicht auf besseres Gehalt – natürlich auch Weiterentwicklungsmöglichkeiten bzw. andere Optionen – das ist schon richtig, aber:
    a. ein besseres Gehalt ist ein legitimer realer Wunsch – sollte auf jeden Fall eines der 10 Punkte sein. Ein einfaches Marktverhältnis von verzögertem Angebot & Nachfragezyklus lässt dieses steigen, ähnlich eines Schweinezyklus, wie z.B. Firma entlässt Leute aufgr. Lockdown, die suchen sich neues, finden etwas und wechseln dann natürlich nicht mehr zurück. Die Firma, die die Leute entlassen hat, braucht nach dem Lockdown wieder neue Ressourcen, findet keine, und klagt danach über Fachkräftemangel und muss mehr Gehalt zahlen. Die Arbeitnehmer haben das begriffen und sind seit langem in einer stärkeren Position als viele Arbeitgeber.
    b. Wir sollten nicht die Makroökonomie der USA 1:1 mit DE vergleichen – der US Arbeitsmarkt reagiert agiler aufgrund fehlenden Kündigungsschutz, Hire & Fire Kultur. Ich glaube nicht, dass die Kündigungswelle in DE ähnlich gross wie in USA eintreten wird, wir sollten also nicht jedem Trend, der aus den USA kommt, glauben.
    c. Es ist etwas paradox: aber in unserer Firma (IT Spezialisten fuer Software) sehe ich, dass wir insgesamt in der Corona Krise immer eine sehr geringe Anzahl an Krankenständen hatten, eine bessere Work & Life Balance seit vermehrtem Homeoffice hat das wohl begünstigt. Wir sagen auch immer, nach spätestens 19-20 Uhr gibt es kein Arbeiten mehr, da ist Family Time.
    d. Abgeschiedenheit wegen Homeoffice: verstehe ich nicht: Wenn man z.B. als IT Spezialist die Firma wechselt, wird man solange die Pandemie bestehen bleibt, auch in der neuen Firma mehr oder weniger Homeoffice haben .Abgeschiedenheit kann kein Grund sein: da muss man schon die Branche wechseln und z.B. Bauarbeiter, Taxifahrer, Müllmann etc. werden, wenn man kein Homeoffice mehr möchte (was auch sehr wichtige Berufe sind!).
    e. Von meinen Freunden, Bekannten haben mir die meisten mitgeteilt, dass sie jetzt aktuell nicht so gerne wechseln möchten, auch wegen der unsicheren Lage (im IT Bereich gibt es teilw. Ausnahmen aber nicht so viele).
    f. Teilweise haben wir bemerkt, dass seit Homeoffice neue Mitarbeiter es schwieriger haben sich einzuarbeiten, wegen fehlenden informalen Austausch und Umfeld. Eben diese neuen Mitarbeiter, die gerade gewechselt haben, laufen dann in Gefahr, sich schlecht oder nie in ein Team einzufinden.

    Fazit: ich sehe es auch so, man sollte nicht jedem neuen Trend folgen, auch wenn der jetzt vielleicht „Kündigungswelle“ wird oder auch nicht.

    Wir sollten keinen kurzfristigen Trends folgen, sondern einer nachhaltigen Perspektive, etwas Größerem.

    Viele Grüsse, Dr. Dom

  3. Hallo Bernd,

    Die Argumente für wechselwillige Mitarbeiter:innen kann ich absolut nachvollziehen. Ich bin aber überzeugt, dass nur ein geringerer Teil diesen Wechsel schnell vollzieht.

    Es gibt Unsicherheiten über der „neue Arbeitgeber“ dauerhaft attraktiv und leistungsfähig ist.
    Soweit noch immer Homeoffice „verordnet“ wird, ist es schwer im neuen Unternehmen Fuß zufassen. Auch die Einarbeitung sehe ich in Pandemie-Zeiten schwieriger als vor Corona.
    Aus meiner Sicht sind jetzt in erster Linie die Arbeitgeber gefordert, ihren Beschäftigten Wertschätzung, Vertrauen und Wohlwollen entgegenzubringen und Wege aufzuzeigen, wie die Mitarbeiter:innen sich – unabhängig von Pandemie oder Arbeitsplatz – weiterentwickeln können.
    Wenn Corona eins gezeigt hat, ist es die vorher teilweise bestrittene Möglichkeit zuhause und/oder im Büro zu arbeiten. Ein hohes Maß an Selbstbestimmung und damit die bessere Vereinbarkeit von Job und Familie werden wichtige Kriterien für die Attraktivität von Betrieben sein.
    Als Arbeitnehmer würde ich einen starken Fokus auf Krisen- und Risikomanagement meines künftigen Arbeitgebers legen.

    Beste Grüße
    Siegfried

  4. Hallo,

    Ja die Welt ist schlecht – und wenn die Pandemie dann letztendlich doch
    nicht für den von so manchen insgeheim erhofften Weltuntergang gesorgt
    hat dann muß wenigstens eine neue Sau durch das Weltdorf getrieben
    werden.

    Wer keine Depressionen hat muß sich (und anderen) halt welche züchten.
    Und immer schön an alle Probleme denken die irgendjemand und irgendwo
    betreffen, ja das zieht runter, das bringt Quote.

    Aber haben Sie schon gelesen: in China ist gerade wieder ein Sack Reis
    umgekippt. Mensch, wenn das so weiter geht – die Folgen möchte ich mir nicht
    ausmalen. Das könnte die Erdrotation stören – und dann haben wir noch mehr
    Probleme.

    Bezgl. Blick in die Glaskugel: Was genau ist denn ihre Prognose – haben Sie schon einmal daran gedacht, Fakten zu liefern?

    Mit Gruss,
    Claus W.

  5. Vielen Dank für diese Einsichten in mögliche aktuelle Kündigungsgründe.
    Ich freue mich mehr von Ihnen zu lesen
    Beste Grüße aus und nach Köln

  6. Grüss Gott,

    ich sehe es ähnlich wie die User „Dr. Dom“ und „Pöpperl“. In Corona Zeiten gibt es aktuell Unsicherheiten den Arbeitgeber zu wechseln. Vor allem betrifft das eher die „White Collar“ Worker (Büro – oder Wissensarbeiter). Gewiss haben sich viele Gedanken darüber gemacht, scheuen aber dennoch zurück. Wie ist der neue Arbeitgeber? Wie kann ich mich dort einarbeiten, wenn ich die Leute nur aus kleinen Bildschirmfotos oder Videocalls kenne? Das ganze Umfeld und die informellen Kontakte (Kaffeeküche etc.) fehlen? Das ist nicht zu unterschätzen.
    Aus Erfahrungen in unserer IT Firma kann ich sagen: Weniger Kündigungen als vor der Pandemie, aber auch weniger Leute die sich bewerben. Wenig Krankenstände. Unsicherheiten. Gestiegene W/L Balance durch Homeoffice.
    In Blue-collar (Arbeiterberufen) mag das anders sein. Die kennen kein Homeoffice. Die sind auch täglich in Kontakt mit anderen Leuten. Die wechseln eher, wenn sie ein besseres Angebot haben. Das sollte man beachten. In den USA in der „Great Resignation“ gings auch um eher Low-Paid Berufe und am Markt die Angebot/Nachfrage von Arbeitnehmern, recherchieren Sie das mal nach.

    MfG, Dr. Wegscheider

  7. Vielen Dank für einen interessanten Artikel über mögliche Gründe für einen Jobwechsel. Wir lieben es, Ihre Artikel zu lesen. Wir freuen uns auf ein neues!

  8. Ich habe 12 Jahre in einem Betrieb gedient und jetzt sind die chancen höher als damals für mich. Endlich kann ich mein Karrierelevel mal selbst bestimmen, endlich kann ich mir einne Bertieb aussuchen, der mich mal weiter bringt.

    Wenn ich so ne Fachzeitschrift aufschlage und mir so einige Positionen da so genau ansehe, muß ich mir schon die Frage stellen:“Wie komme ich da hin?“ eigentlich geht das nur durch Jobhopping in gezielte Betriebe, die mich weiter bringen können. Fortbildung in so eine richtung kommt nicht in Frage, da man 1) keine Erfahrung dann mitbringt und 2) ich würde mich für Siemens fortbilden, wenn aber bei Bosch so eine Stelle wäre, dann ist es jetzt wieder nichts.

    Tja IT ist kompliziert, leider aber ist die Kleinkarriertheit der deutschen Chefs ein sehr schwieriges Karrierehindernis, dass es jetzt in der Welle 2022 zu brücken gibt.

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