Vertrauensexpertin: So lernen Sie, Ihren Kollegen wieder zu vertrauen

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“, dieser Auffassung sind noch viele Chefs. Auf der anderen Seite höre ich von Mitarbeitern, dass sie ihren engsten Kolleginnen und Kollegen nicht mehr vertrauen können. Sie erzählen mir von fiesen Machtspielchen und hinterlistig bösem Verhalten. Misstrauen wir lieber, statt uns zu vertrauen? Vertrauen Männer einander anders als Frauen? Was können Chefs und Kollegen tun, um gegenseitiges Vertrauen im Team zu stärken? Hierzu habe ich mit der Wirtschaftspsychologin und Business-Coach Eva Schulte-Austum gesprochen, die sich seit Jahren mit „Vertrauen“ beschäftigt. Sie hat weltweit 350 Interviews geführt und die Vertrauensforschung studiert. In ihrem Buch „Vertrauen kann jeder“ gibt sie 9 Rezepte für mehr Vertrauen und ein erfülltes Leben.

Eva, was ist eigentlich Vertrauen?

Eva Schulte-Austum: Vertrauen ist die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben und Unsicherheit zu akzeptieren. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass unser Gegenüber es nicht ausnutzt. Wir unterstellen ihm also eine positive Absicht.

Gibt es einen Unterschied zwischen Vertrauen im privaten und beruflichen Kontext?

Eva Schulte-Austum: Grundsätzlich funktioniert der Aufbau von Vertrauen im privaten und im beruflichen Kontext nach denselben Wirkmechanismen. Wir beurteilen den Charakter und die Kompetenz eines Menschen und entscheiden dann, ob wir ihm vertrauen.

Zum Charakter gehören Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Respekt, Unterstützung oder Verschwiegenheit. Wer uns wohlgesonnen ist und integer handelt, dem vertrauen wir leichter. Zu Kompetenz hingegen zählen Aspekte wie Wissen, Erfahrungen und Ergebnisse. Sie dienen uns als Hinweis darauf, ob jemand die nötigen Fähigkeiten besitzt, um unsere Erwartungen zu erfüllen.

Interessant ist: Wenn uns jemand enttäuscht, weil er es nicht besser weiß oder ihm die nötige Erfahrung fehlt, verzeihen wir ihm relativ schnell. Enttäuscht uns unser Gegenüber hingegen aus egoistischen Gründen, vergessen wir das so schnell nicht. Charakterliche Stärke ist somit wichtiger für den Aufbau und das Bewahren von Vertrauen, als etwa fachliche Kompetenz. Das gilt im privaten wie im beruflichen Kontext.

Warum ist eine vertrauensvolle Beziehung unter Kollegen so wichtig?

Eva Schulte-Austum: Wo Vertrauen herrscht, gewinnt ein Team etwas, das man weder einfordern noch erzwingen kann: Loyalität. Die Treue gegenüber einer Person, gerade dann, wenn es schwierig wird. Die Unterstützung des Kollegen, der gerade in Arbeit untergeht. Das füreinander Einstehen, wenn jemand aus dem Team in Schwierigkeiten steckt. Das Engagement auch bei Aufgaben, die nicht in den eigenen Verantwortungsbereich fallen.

Die Forschung zeigt zudem: Teams, in denen ein vertrauensvolles Miteinander herrscht, arbeiten produktiver. Die Mitarbeiter sind gesünder, gelassener und glücklicher. Sie sind deutlich weniger krank, leiden seltener unter Stress und sind mit ihrem Job zufriedener. Davon profitiert nicht nur jeder einzelne Mitarbeiter, sondern das gesamte Team.

Neue Mitarbeiter werden im Team oft erst skeptisch beäugt. Misstrauen wir im Job eher, als zu vertrauen?

Eva Schulte-Austum: In Deutschland ist das tatsächlich der Fall. Hierzulande haben Menschen ein stärker ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis als in anderen Ländern, wie etwa in Schweden, der Schweiz oder dem Vietnam. In Deutschland ist man generell skeptischer als anderenorts – auch gegenüber neuen Kollegen.

Ein wesentlicher Grund dafür sind Vertrauensmythen, sogenannte Halbwahrheiten über Vertrauen, die sich hartnäckig in unseren Köpfen halten. Die Top 3 im Job sind: „Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.“, „Misstrauen schützt mich vor schlechten Erfahrungen.“ Und „Vertrauen muss sich mein Gegenüber erst einmal verdienen.“ Wer diese Halbwahrheiten glaubt, der ist erst einmal skeptischer und damit weniger bereit, Menschen zu vertrauen, die er noch nicht kennt.

Die Arbeitswelt wird immer schneller. Haben wir in Zukunft noch die Zeit, erst Vertrauen zu Kollegen aufzubauen?

Eva Schulte-Austum: In Zukunft werden wir immer seltener Zeit haben, um das nötige Vertrauen langsam im Laufe der Zeit aufzubauen. Unsere Arbeitswelt verändert sich kontinuierlich. Damit wir diesen Herausforderungen souverän begegnen können, brauchen wir Vertrauen. Denn nur dann sind wir bereit, neue Wege zu gehen, Veränderungen mitzutragen und Risiken einzugehen. Und das ist essentiell, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein.

Die gute Nachricht: Entgegen der Annahmen „Vertrauen muss man sich verdienen“ und „Vertrauen braucht Zeit“, lässt sich Vertrauen sehr wohl schnell aufbauen. Die Forschung zeigt: Ob wir vertrauen oder nicht, ist vor allem eine persönliche Entscheidung. Damit wird Vertrauen zu einer Kompetenz, die sich erlernen und trainieren lässt.

Gerade für Führungskräfte, deren Hauptaufgabe zukünftig das Managen guter Beziehungen ist – zu Kunden, Kollegen und Mitarbeitern – wird Vertrauen damit zur notwendigen Kernkompetenz. Denn diese Fähigkeit beeinflusst nicht nur ihren eigenen, sondern auch den Erfolg des Teams und damit des gesamten Unternehmens.

Wie aber schafft man es, schnell Vertrauen aufzubauen?

Eva Schulte-Austum: Der schnellste und wirkungsvollste Weg, um Vertrauen aufzubauen, ist selbst in Vorleistung zu gehen: der Vertrauensvorschuss. Sich bewusst zu entscheiden, dem Gegenüber grundsätzlich erst einmal zu vertrauen – zumindest so lange, bis er uns eines besseren belehrt.

Die Skeptiker unter uns schütteln jetzt vielleicht den Kopf und denken „Na, wenn ich grundsätzlich erst einmal anderen Menschen vertraue, dann werde ich doch ganz sich auch öfter enttäuscht.“ Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wie die Forschung zeigt: Wer Vertrauen bedacht verschenkt, wird in den meisten Fällen positive Erfahrungen machen.

Der Grund: Vertrauen verpflichtet, denn es setzt an einer sehr sensiblen Stelle an: unserer Ehre. Egal ob wir das Vertrauen von Kunden, Kollegen oder dem Chef gewinnen wollen. Der schnellste und wirkungsvollste Weg Vertrauen zu gewinnen, ist es selbst zu verschenken.


Lese-Tipp: Vertrauen im Job: 5 Tipps, wie Sie echtes Vertrauen verschenken


Ehrlichkeit ist vielen Angestellten sehr wichtig. Was hat sie mit Vertrauen zu tun?

Eva Schulte-Austum: Ehrlichkeit ist einer der wichtigsten Charaktermerkmale, um zu beurteilen, ob wir jemandem vertrauen können. Sie zeigt sich darin, dass jemand bereit ist die Wahrheit zu sagen, auch wenn er negative Konsequenzen befürchten muss. Wer andere hingegen bewusst täuscht, lügt, dramatisiert oder Dinge herunterspielt, bei dem werden wir misstrauisch und stellen generell infrage, was wir ihm überhaupt glauben können.

Ehrlichkeit ist jedoch nicht gleich Ehrlichkeit: Der Ton macht die Musik. Ein respektvoll formuliertes Feedback, etwa in Form von ehrlicher und konstruktiver Kritik, kann Vertrauen stiften. Wird Ehrlichkeit hingegen als Waffe eingesetzt, etwa um andere zu verletzen oder bloßzustellen, bewirkt sie das Gegenteil.

Ist Vertrauen eigentlich eine Frage des Geschlechts? Vertrauen sich Frauen anders, als es Männer tun?

Eva Schulte-Austum: Tatsächlich gibt es wissenschaftlich betrachtet einen kleinen, aber messbaren Unterschied. Männer gründen ihr Vertrauen in andere Menschen stärker auf Kompetenz. Sie achten mehr darauf, ob jemand die nötige Erfahrung, Expertise und Ergebnisse vorweisen kann.

Frauen hingegen legen vor allem Wert auf Charakterstärke, wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Respekt und Verschwiegenheit. Damit Vertrauen aber wirklich wachsen und sich entwickeln kann, braucht es beides: Charakter und Kompetenz. Und darin sind sich die Geschlechter wieder einig.

Viele Chefs sind der Meinung „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Was sagst Du ihnen?

Eva Schulte-Austum: Weder Vertrauen noch Kontrolle sind per se gut. Beide haben ihre Stärken und ihre Schwächen. Wir sollten daher immer fragen, wie viel Vertrauen und wie viel Kontrolle in der jeweiligen Situation angemessen ist. Ein „Entweder-oder-Denken“ wird einer differenzierten Betrachtung nicht gerecht.

Vielmehr geht es um ein Umdenken hin zu der richtigen Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle, denn erst die passende Balance macht beides wirkungsvoll. Als Faustformel gilt: Schwaches Vertrauen gedeiht im kontrollierten Rahmen besser. Tiefes Vertrauen braucht Kontrolle nur noch punktuell.

Was sind die wichtigsten Rezepte für Vertrauen und was können Führungskräfte sowie Kollegen im Tagesgeschäft tun, um Vertrauen zu stärken?

Eva Schulte-Austum: Ob wir Vertrauen gewinnen wollen oder selbst als vertrauenswürdig gelten möchten – beides basiert auf denselben Rezepten. In meinem Buch stelle ich insgesamt neun Voraussetzungen vor, die dafür sorgen, dass wir gelingende und vertrauensvolle Beziehungen führen – beruflich und privat. Hier meine drei wichtigsten Vertrauenstipps für gelingende Beziehungen:

Transparenz – Das eigene Handeln nachvollziehbar machen und die gegenseitigen Erwartungen klären. So lassen sich Missverständnisse leicht vermeiden.

Reliabilität – Dauerhaft zuverlässig sein. Nur Dinge versprechen, die man wirklich halten kann und will. Leere Versprechungen schaden auf Dauer jeder Beziehung.

Aufrichtigkeit – Sich loyal und integer verhalten. Anderen den Rücken stärken, wenn es darauf ankommt. Die eigenen Prinzipien und Werte befolgen, statt nur darüber zu reden.


Eva Schulte-Austum Vertrauen kann jeder

 

Eva Schulte-Austum:
Vertrauen kann jeder
Das Rezeptbuch für ein erfülltes Leben

Knaur Verlag, 320 Seiten, 16,99 EUR

Auf Amazon kaufen (kein Affiliate-Link)

 

 


Eva Schulte-Austum, Jg. 1985, ist Business-Coach, Speakerin sowie Autorin und lebt in Münster. Schon früh faszinierte die Wirtschaftspsychologin das Thema »Vertrauen«. Jahrelang studierte sie die aktuelle Forschung. Zudem reiste sie in die vertrauensstärksten Länder der Welt und interviewte mehr als 350 Menschen vor Ort. Seit 10 Jahren unterstützt sie ihre Klienten dabei, beruflich und privat bessere Beziehungen zu führen, um mehr Zufriedenheit und Erfolg zu erreichen. Ihr Talent, komplexe Sachverhalte unterhaltsam zu vermitteln, zeigt die Vertrauensexpertin in Vorträgen und Seminaren. Zur Homepage von Eva Schulte-Austum.


Titelbild: 123rf.com, #84413136, scyther5

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine, bin XING Insider sowie WELT-/Bilanz-Kolumnist.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Alles sehr schön. Bloß, das Leben lehrt was anderes.
    Ich kenne da noch einen Spruch: „Wer sich auf andere verläßt ist verlassen.“ Oder auch “ Der Starke ist am stärksten allein.“

    Auch jetzt den Begriff der Ehre wieder zu bemühen ist so eine Sache. Der wurde in unserer Geschichte schon reichlich oft bemüht. Leider nicht immer zum Guten.

    Spätestens nach 1945 wurde der Begriff der Ehre negativiert. Dementsprechend kann man nicht erwarten, dass sich jemand an diesen Kodex, denn nichts anderes ist der Begriff der Ehre, hält.

    Ich persönlich halte es mehr mit professioneller Zusammenarbeit. Ich kann auch ohne Vertrauen mit jemanden zusammenarbeiten. Wenn dann das Verhalten passt, kommt auch das Vertrauen.

    Allerdings ist das mit dem Vertrauen so eine Sache: „In Jahren aufgebaut, in Minuten zerstört.“ Das trifft es eigentlich.

    Ansonsten bin ich grundsätzlich für Vertrauen. Allerdings nicht nur zwischen Führungskraft und Untergebene, sondern eigentlich immer. Leider wird blindes Vertrauen meist nicht belohnt.
    Um es also mit einem Spruch abzuschließen:“Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“

    1. Hallo Herr Ende,
      danke für Ihre Sichtweisen. Es ist ganz interessant, denn ich höre oft von Klienten den Wunsch „Die (Kollegen) sollen sich einfach mal professionell verhalten“ – und ich frage sie, was denn konkret „professionelles“ Verhalten bedeutet. Wir haben alle unterschiedliche Wertvorstellungen, Prägungen, Ziele und daraus resultierend Verhaltensweisen – und wir sind oft für uns selbst davon überzeugt, dass unser eigenes Verhalten professionell ist, dies mögen jedoch andere ganz anders sehen. Naja, und auch hier kommt wieder das Vertrauen ins Spiel: Kollegen, deren Arbeitsbeziehung auf Vertrauen basiert, werden es eher schaffen, auch über solche Erwartungshaltungen (= wie arbeiten wir professionell zusammen?) miteinander zu sprechen.
      Zum Thema Ehre: Ich habe im Interview nach Ehrlichkeit gefragt, das ist für mich etwas anderes als Ehre und ich sehe bei der Arbeit mit Klienten, dass vielen von ihnen dieser Wert als Teil von Führung, Kollegialität und Kultur extrem wichtig ist. Auch wenn Ehre eine Geschichte hat, bin ich doch der Meinung, dass Ehrlichkeit eine Haltung und Tugend ist, die sich heute nicht nur viele Menschen von anderen wünschen, sondern diese auch selbst anderen zuteil werden lassen. Ihr Weltbild vom per se „unehrlichen“ Menschen teile ich überhaupt nicht, wenngleich es natürlich in bestimmten Situationen richtig sein kann, bei der „Porzellankiste“ vorsichtig zu sein ;)
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

      1. Hallo Herr Dr. Slaghuis,

        ich finde Ihre Beiträge immer sehr interessant. Zumal Sie sich auch nicht zu fein sind selber zu antworten. -Das macht ja nicht jeder Beitragsverfasser.-

        Mein Hinweis zum Ehrbegrgriff bezog sich auf eine Antwort. Zitat: „Der Grund: Vertrauen verpflichtet, denn es setzt an einer sehr sensiblen Stelle an: unserer Ehre.“

        Natürlich stimme ich mit Ihnen überein, dass Ehrlichkeit eine der Hauptbedingungen ist. -Auch wenn die nicht immer gerne gehört wird.-

        Professionelles Verhalten ist für mich, dass ich auch mit Personen arbeiten kann, die ich privat nicht mal in meiner Nähe haben möchte. Weiterhin heißt es für mich, dass ich alles akzeptieren kann (besser hinnehme), solange ich nicht in meiner Person angegriffen oder beeinträchtigt werde. Es muss also fokusiert auf die Sache sein um die es geht. Dann ist es mir egal, mit wem ich da zusammenarbeite.

        Natürlich haben Sie recht, wenn ein positives Miteinander herrscht, macht es die Zusammenarbeit deutlich einfacher. Aber es geht auch ohne. Dauert dann länger und das Ergebniss wir wahrscheinlich nur ausreichend sein.

        Und ja, auch wenn es anders klingt, ich bin durchaus bereit mit min. einer neutralen Einstellung jemanden kennenzulernen. Nur, ich gehöre nun mal nicht zu den „Kumpeltypen“. Da dauert es mitunter bei mir schon mal länger bis ich jemanden an mich heranlasse.
        Dafür habe ich dann auch wieder einen Spruch parat: „Erwarte das Schlechteste und Du wirst nie enttäuscht.“ :)

        Grüße aus Mülheim/Ruhr
        Jürgen Ende

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