Lebenslauf Umfang: So viele Seiten dürfen Sie sich in Ihrem Alter erlauben

Ein Lebenslauf darf nicht länger als zwei Seiten sein, wollen viele Bewerber irgendwo gelesen haben. Was für Bachelor-Absolventen keine Herausforderung ist, setzt Berufserfahrene spätestens ab 40 unter Druck. Die Schriftgröße wird auf das lesbare Minimum reduziert, alte Positionen werden gestrichen und das Bewerberprofil gleicht einem Steckbrief. Es wird Zeit, die starre „2-Seiten-Regel“ durch eine neue Formel für die Anzahl der Seiten zu ersetzen. Denn ein guter Lebenslauf darf mit Ihrem Alter wachsen.

Ich weiß bis heute nicht, woher – und aus welchem Jahrhundert – diese goldene 2-Seiten-Regel stammt, doch sie sitzt dermaßen fest in den Köpfen, dass ich sie vielen Lebensläufen auf den ersten Blick ansehe, wenn sie so gerade auf zwei Seiten passen. Gebe ich im Coaching das Feedback, dass mir wichtige Informationen zum beruflichen Werdegang oder sogar ganze Berufsstationen fehlen, die Schriftgröße für einen Leser unzumutbar klein ist oder alles mit fünf Millimeter Seitenrand super gequetscht daherkommt, dann erhalte ich als Antwort: „Aber ich dachte, ein Lebenslauf darf nicht mehr als zwei Seiten haben?!“

Bei vielen Lebensläufen auf ein oder zwei Seiten habe ich keine Vorstellung, was jemand in seinem Berufsleben gemacht hat.

Das Anschreiben auf eine Seite, den Lebenslauf auf maximal zwei Seiten. Eine einfache Regel, eindeutig klar und leicht verständlich. Doch dann sitzt mir im Coaching der 55-jährige Bewerber frustriert nach 100 Absagen mit seinem auf zwei Seiten optimierten Lebenslauf gegenüber und ich habe keinen blassen Schimmer, was er in den letzten 30 Jahren alles erlernt, erfahren, erlebt und erreicht hat.

Ich lese zu den entsprechenden Zeiten nur die Namen seiner bisherigen Arbeitgeber und die Positionen, die er dort innehatte. Die meisten Arbeitgeber sind Betriebe aus dem Metallbau und sagen mir nichts. Auch seine Ingenieur-Stellentitel dort erzeugen mehr Fragezeichen als konkrete Bilder in meinem Kopf. Die aktuelle Stelle als „Manager Business Development“ klingt nach einer Führungsposition, doch was sich genau dahinter verbirgt, das verrät dieser Lebenslauf nicht.

Ich frage nach und erfahre: Er führt dort ein Team von 5 Mitarbeitenden, ist für die Produktentwicklung verantwortlich und bildet zudem die Schnittstelle zwischen Vertrieb, Marketing und Produktion. Er berichtet direkt an den technischen Geschäftsführer und ist als Prokurist Mitglied der Geschäftsleitung. „Ah, verstehe“, sage ich. „Aber wenn ich das alles reinschreibe, dann komme ich doch mit den zwei Seiten nicht aus“, antwortet er.

Ein Lebenslauf ist der Lauf Ihres Lebens

Was glauben Sie, was wichtiger für einen potenziellen neuen Arbeitgeber und dessen Entscheidung ist, Sie zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen? Dass Sie sich als Bewerberin oder Bewerber strikt an die ominöse 2-Seiten-Lebenslauf-Regel halten, um mit drei Seiten nicht aussortiert zu werden – oder, dass sich Recruiter selbst auf vier oder fünf Seiten leicht ein gutes Bild von dem Lauf Ihres erfüllten Berufslebens machen können?

Auch wenn es wie eine rhetorische Frage klingt, entscheiden sich viele Jobwechsler doch pflichtbewusst für die maximal zwei Seiten – wissentlich, dass so viele wichtige Informationen über ihren beruflichen Erfahrungsschatz schonungslos auf der Strecke bleiben. Viele geben mir gegenüber zu, dass sie sich mit dieser knappen Darstellung auch selbst unwohl fühlen, doch am Ende hat dann doch die alte Regel im Kopf gesiegt.

Ich finde, es wird Zeit, diese aus meiner Erfahrung zu pauschale und starre Regel zu ersetzen. Der Lebenslauf ist heute das zentrale Dokument einer Bewerbung, in die Arbeitszeugnisse schaut kaum noch ein Personaler hinein. Der Lebenslauf gibt Auskunft über Ihre berufliche Vergangenheit, ein gutes Begleitschreiben sollte den Blick in die Zukunft werfen. Die Inhalte müssen echte Klarheit schaffen und ein umfassendes Bild von Ihnen vermitteln.


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Ihr Lebenslauf sollte ausreichen, um die Neugierde für das weiterführende, persönliche Gespräch mit Ihnen zu wecken. Es ist entscheidend, dass die Leser Ihren Lebenslauf mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung erfassen können. Je mehr Fragezeichen sie im Kopf haben, umso größer ist die Gefahr, dass Sie als Kandidat schlecht greifbar und falsch verstanden zu schnell aussortiert werden.

Personalleiterin: „Wir lesen auch mehr als zwei Seiten Lebenslauf“

Glauben Sie mir, Personaler sortieren Ihre Bewerbung nicht nur aus, weil der Lebenslauf mehr als zwei Seiten umfasst. Mir sitzen regelmäßig auch Recruiter und Personalleiter/innen im Coaching gegenüber – schließlich sind sie in der Rolle als Jobwechsler auch nur Menschen. Wirklich alle sagen sie mir, dass diese 2-Seiten-Regel Unsinn ist und sie doch viel lieber einen guten, aussagekräftigen Lebenslauf lesen, der übersichtlich gestaltet, damit leicht zu erfassen ist und ein stimmiges Profil eines Kandidaten vermittelt.

Und mal ehrlich, wenn ich heute als 49-jähriger Bewerber unterwegs wäre, dann würde ich nicht bei einem Arbeitgeber anheuern wollen, bei dem ein CV-Parser oder Recruiting-Algorithmus auf der Basis des Seitenumfangs meines Lebenslaufs über die Absage oder nächste Runde entscheidet.

Ein guter Lebenslauf wächst mit Ihrem Alter

Der Lebenslauf einer 22-jährigen Bachelor Absolventin mit Schulabschluss, Studium und Bachelor-Thesis, einigen Praktika, vielleicht einem Auslandsaufenthalt, Studium begleitenden Tätigkeiten oder ehrenamtlichem Engagement sieht anders aus als der Lebenslauf des oben erwähnt 55-jährig berufserfahrenen Managers. Halten sich beide streng an die 2-Seiten-Regel, hat die 22-jährige Berufseinsteigerin Mühe, es auf die Mitte der zweiten Seite zu schaffen, den 55-jährigen alten Hasen stresst es, sein bewegtes Berufsleben auf zwei Seiten zu reduzieren. Ich bin der Meinung, ein guter Lebenslauf darf mit unserem Leben wachsen.


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Meine Erfahrung zeigt, dass Absolventen locker mit zwei Seiten auskommen. Jobwechsler Mitte Dreißig mit zwei oder drei Stationen im Beruf benötigen oft drei Seiten, um ein aussagekräftiges Bild zu vermitteln. Arbeite ich mit Bewerbern über Fünfzig, dann umfasst ihr Lebenslauf nach unserer gemeinsamen Überarbeitung je nach bisheriger Wechselfreude oft vier bis fünf Seiten.

Auch wenn der Hauptfokus eines Lebenslaufs auf den letzten Jahren im Beruf liegen sollte und die Beschreibung der länger zurückliegenden Positionen immer knapper werden darf, so halte ich es doch für einen Arbeitgeber und Leser Ihrer Bewerbung für wertvoll, Klarheit über Ihre gesamte berufliche Entwicklung sowie Ihre Ausbildungen und Weiterbildungen zu schaffen. Weniger vor dem Hintergrund einer strengen Prüfung der lückenlosen Vollständigkeit, sondern vielmehr für ein umfassendes Bild über Ihr bisheriges Leben als Mensch hinter einer Bewerbung.

Optimale Anzahl Seiten Ihres Lebenslaufs: Meine Faustformel aus der Coaching-Praxis

Als Ersatz für die pauschale „2-Seiten-Lebenslauf-Regel“ gilt für mich diese einfache Faustformel als Richtgröße für den Umfang eines guten Lebenslaufs:


Erste Ziffer Ihres Alters = Anzahl Seiten Lebenslauf


Bei mir mit heute 49 Jahren wären es 4 Seiten, bei der 35-jährigen Bewerberin sind es 3 Seiten, Jobwechsler über 50 dürfen sich 5 Seiten Platz nehmen. Damit ist gleichzeitig klar, dass acht und mehr Seiten Lebenslauf des Guten zu viel sind.

Diese einfache Faustformel wende ich im Bewerbungs-Coaching seit langem an und es zeigt sich über die Jahre, dass sich nicht nur meine Klientinnen und Klienten mit ihrem altersgerechten Lebenslauf sehr wohl fühlen, sondern auch – oder besser gesagt gerade – vier oder fünf übersichtlich und gut strukturierte Lebenslauf-Seiten von Recruitern gelesen werden und nachweislich zu mehr Einladungen in Gespräche führen, als bei einem zwar schick designten, jedoch knappen Ein- oder Zwei-Seiter.

Was mir wichtig ist: Dies ist eine Faustformel, keine neue goldene Regel. Wer mit Ü50 die letzten 20 Jahre in einer Position bei einem Arbeitgeber tätig war, wird keine fünf Seiten Lebenslauf benötigen. Wer mit Ende Zwanzig sein Bachelor- und Master-Studium abgeschlossen, mehrere Praktika und Nebenjobs absolviert und bereits dreimal den Arbeitgeber gewechselt hat, der könnte es auch in jungen Jahren auf die dritte Seite schaffen.

Sind Sie mit Ihrem Lebenslauf im Reinen?

Vergessen Sie die starre „Ein Lebenslauf darf maximal 2 Seiten umfassen“-Regel. Schreiben Sie einen Lebenslauf, der einen umfassend guten Überblick über Ihre bisherigen Stationen sowie Ihr Fach- und Erfahrungswissen vermittelt – und mit dem Sie sich selbst wohlfühlen.

Erlauben Sie sich mit reichlich Berufserfahrung, Ihrer Vergangenheit mehr Raum als zwei vollgepackte Seiten zu gönnen. Begrenzen Sie sich jedoch auch genauso anhand dieser Richtgröße, so dass aus Ihrem Lebenslauf keine Doktorarbeit wird, bei der jedem Recruiter die Lust am Lesen vergeht.

Und jetzt schauen Sie doch mal in Ihren Lebenslauf und erinnern sich an Ihr Alter ;-) Passt meine Faustregel? Oder ist der spannende Lauf Ihres Lebens womöglich auch der 2-Seiten-Regel zum Opfer gefallen? Gibt es etwas, das Sie an Ihrem Lebenslauf gerne verändern würden, so dass Sie sich damit besser fühlen – und wer oder was hält Sie hiervon ab?

(Titelbild: 123rf.com, #120572614, fizkes)

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich bin SPIEGEL-Kolumnist, XING Insider (Auszeichnung als "XING Top-Mind") sowie Co-Autor des Buchs "Besser arbeiten".

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Ich habe extrem viele Stationen, weil ich viel in Projekten bzw. befristeten Verträgen unterwegs war.
    Mein Lebenslauf war früher ganz klassisch aufgebaut. Wann war ich chronologisch wo und was habe ich da getan? Vor ca. 15 Jahren fand ich mich in meinem eigenen Lebenslauf nicht mehr zurecht. Außerdem bekam ich von Arbeitgebervertretern die Rückmeldung, das Ganze sei extrem unübersichtlich.
    Nach einigem nachdenken habe ich dann einen besseren Aufbau gefunden:
    Seite 1: Zusammenfassung / Kurzprofil: Knackig auf einer Seite das Wichtigste an Tätigkeitsfeldern, Berufsweg, Projekten, Weiterbildung etc.
    Seite 2: Inhaltsverzeichnis
    Seite 3: Klassischster Lebenslauf kompakt. Wann war ich wo als was?
    Seite 4 – 7: Detaillierte Projektliste.
    Seite 8: Fortbildungen.
    Seite 9: Berufsspezifische Kenntnisse und Fertigkeiten.
    Seite 11: Allgemeine Kenntnisse und Fertigkeiten
    Durch diesen Aufbau kann ich mir auch eine lesbare Schriftgröße und die eine oder andere Leerzeile für ein gefälligeres Erscheinungsbild leisten. Maximal gestaucht komme ich ohne Informationsverlust auf 7 Seiten. Aber dieses Layout will ich niemandem zumuten.
    Hinten dran kommt dann, sofern gewünscht, das Zeugnispaket ebenfalls mit eine Inhaltsverzeichnis. Da komme ich dann ausgedruckt in die Nähe eines Asterix-Heftes.
    Seit dem habe ich keine Rückmeldung in Sachen zu viel oder zu unübersichtlich mehr bekommen. Ganz im Gegenteil. Vorstellungsgesprächen konnte ich immer wieder entnehmen, dass viele meiner Gesprächspartner tatsächlich alles angeschaut haben. Außerdem habe ich auf meine Bewerbungen in mancher Kampagne eine Einladungsquote von 50 %, was sehr viel ist.

  2. Bin 54, habe 4 Berufsabschlüsse, 30 Jahre im Job/ Studium (auch parallel), auch mehrere Rollen im Unternehmen parallel gemacht. Mir war früh klar, die zwei-Seiten-Regel für mich schlicht nicht machbar ist.

    Lebensjahrzehnte = CV-Seiten dürfte für die meisten Menschen gut passen.

    Gutes Kurzprofil, Struktur und Lesbarkeit ist m.E. weit wichtiger als jegliche harte Begrenzung. Leser wollen sich mühelos im Dokument zurechtfinden. Sie wollen sich keine Infos zusammensuchen oder sogar vermuten müssen, was denn damit wohl gemeint sein könnte. Der Leser soll (im Geiste) die ganze Zeit nicken, und abhaken.

    Habe jetzt 1 Seite Kurzprofil, 4 Seiten chronologisch rückwärts. Aktuelle Tätigkeiten, Firmen, Aufgaben, Erfolge ausführlicher, eine vor 10 Jahre gemachte Fortbildung wird nur noch als eine Zeile unter Kenntnisse aufgeführt.
    Die erste Lehre hat immer noch 4 Zeilen. Es ist m.E. wichtig, ob die ersten Jahre im Handwerk, im Mittelstand oder Konzern gearbeitet wurde.
    Bei einem Studium steht „ohne Abschluss“, damit Klarheit herrscht: Studien-Abbruch, Umschulung, kfm. Ausbildung und nach Praktikum übernommen => ok, hat die Kurve gekriegt. Haken dran. Natürlich wird nach dem Grund des Abbruchs gefragt, aber das ist dann nur noch eine Rand-Info und nicht mehr kritisch, ist ja auch schon lange her.

    Das Kurzprofil ist so gestaltet, dass man es entspannt unter 30 Sekunden komplett lesen kann. Keine Sätze, nur ausführliche Stichworte.

    Für diesen CV habe ich von vielen Lesern ausdrückliches Lob bekommen. „Haben Sie noch Fragen zum Lebenslauf?`“ „Nein, vielen Dank ist alles wunderbar übersichtlich und veständlich aufbereitet, hätte ich gern öfter so.“

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