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„No-Gos“ Auf Der Firmen-Weihnachtsfeier: O Du Vorsichtige?

„No-Gos“ auf der Firmen-Weihnachtsfeier: O du vorsichtige?

In diesen Tagen sind sie wieder überall zu lesen, die vielen No-Gos, die Sie als Angestellte bei betrieblichen Weihnachtsfeiern unbedingt zu beachten haben: Nicht zu viel Alkohol, auf keinen Fall dem Chef das Du anbieten, nicht flirten und niemals über die Arbeit sprechen. Ich bin der Meinung, diese Fallstricke haben mit „O du fröhliche!“ so gar nichts mehr gemein. Sie verunsichern mehr, als dass sie Lust auf eine besinnlich gesellige Zeit machen. Was ist die Weihnachtsfeier für Sie? Gefährliche No-Go-Zone oder entspannte Feier mit Kollegen?

No-Gos ruinieren keine Karrieren, sondern jede Feier

Sie alle kennen diese Warnungen vor den vermeintlichen No-Gos und gemeinen Fettnäpfchen, die auf betrieblichen Weihnachtsfeiern lauern und auch Ihre Karriere ganz sicher ruinieren werden, wenn Sie nicht höllisch aufpassen. Es ist wirklich unglaublich, welche Ratschläge sich die bunte Presselandschaft pünktlich alle Jahre wieder ausdenkt, sobald sich Chefs und Kollegen friedlich zur besinnlichen Weihnachtsgans verabreden.

Was mich dieses Jahr besonders amüsiert hat, ist der Tipp, den Chef nach der Weihnachtsfeier nur dann weiter zu duzen, sofern er sich selbst noch daran erinnert. In der Umsetzung heißt es für Sie als Mitarbeiter, am Tag danach bitte Kater schonend leise an der Bürotür Ihres Chefs anzuklopfen und zunächst mit unverfänglich neutralen Sätzen zu prüfen, ob Erinnerungslücken nachweisbar sind, bevor Sie das sympathische Feier-Du zum offiziellen Arbeits-Du erklären. Super Tipp, oder?

Auch immer wieder schön sind die Hinweise, wie viele Tassen Glühwein proportional zu Körpergröße und Gewicht gerade noch in Ordnung sind, um bloß nicht peinlich aufzufallen. Peinlich zu sein scheint überhaupt die größte Gefahr, die auf sämtlichen betrieblichen Feiern lauert. Nun gut, auch professionelle Knigge-Beraterinnen benötigen Aufmerksamkeit und feiern in diesen Tagen Hochkonjunktur im Kampf gegen Benimm-Fauxpas und Peinlichkeiten.

Mal ehrlich, kennen Sie nur einen einzigen Fall aus Ihrem Bekannten- und Kollegenkreis, dass peinliches Verhalten auf einer Firmenfeier im Anschluss schädlich für die Karriere war? Dass ein Kollege am Tag danach die Kündigung auf dem Tisch hatte, nur weil er zu tief ins Weinglas sponsored by Big-Boss geschaut und alle Weihnachtslieder lautstark neu interpretiert hat? Weil er seinem Chef in geselliger Laune Dinge anvertraut hat, die im sterilen Büro niemals ausgesprochen worden wären? Weil Martin von seiner Kollegin Martina endlich offiziell erfahren hat, dass sie Stress mit Ihrem Mann hat und die Scheidung droht? Sie und ich kennen wahrscheinlich noch viele andere Geschichten, die sich auf Firmenfeiern zugetragen haben, doch ich frage Sie: Wie peinlich und schädlich für eine Karriere waren sie im Nachhinein tatsächlich?

Selbstverständlich verurteile ich jegliche Form von Zwangshandlung, Übergriffen oder sogar sexueller Belästigung. Hier hört der Spaß auf! Keine Frage, es gibt Tabus und klare Grenzen, wenn es feucht-fröhlich unter Kollegen zugeht. Doch ich bin der Meinung, wir sollten betriebliche Feiern nicht per se zur gefährlichen Tabuzone erklären. Und falls doch, sollten sie besser ganz abgeschafft werden, statt verkrampft an Tradition festzuhalten, Angst vor Fehlverhalten zu schüren und sogar auf der Weihnachtsfeier noch anstrengendes Business-Theater zu spielen.

Wer hart arbeitet, darf auch kräftig feiern

Vielen Arbeitnehmern sind heute Anerkennung und Wertschätzung sehr wichtig. Sie möchten ihre Arbeit erleben und Erfolge spüren. Die gemeinsame Weihnachtsfeier zum Abschluss eines Jahres ist eine gute Gelegenheit, stolz auf Erfolge zu blicken und Danke zu sagen. Sich im Kreis der Kollegen an die Highlights des Jahres zu erinnern, prägende Erlebnisse noch einmal zu teilen, das Jahr gemeinsam gut zu beenden sowie als Team gestärkt und motiviert nach vorne zu blicken.

Für mich früher als Angestellter waren Weihnachtsfeiern immer die Zeit, Zugehörigkeit zu spüren und stolz auf das zu sein, was ich und wir gemeinsam als Team im zu Ende gehenden Jahr geschafft haben. Schöne Stunden mit meinem Chef, meinen Mitarbeitern sowie den Kollegen und Kolleginnen aus anderen Teams einmal abseits vom Büro zu verbringen. Gute Gespräche auch mit solchen Kollegen zu führen, zu denen ich im Alltag seltener Kontakt hatte. Und ja, ich gebe es zu, ich habe hart gearbeitet und es auf den Firmenfeiern genossen, es mir gutgehen zu lassen.

Die perfekte Gelegenheit, Chef und Kollegen einmal anders kennenzulernen

In meiner Arbeit heute mit Führungskräften und Angestellten nehme ich mit zunehmendem Stress im Tagesgeschäft wahr, dass ihre Verbindung auf der Beziehungsebene immer stärker bröckelt. Manche Mitarbeiter sehen ihre Chefs tagelang nicht und kommunizieren mit ihnen nur noch über SMS. Andere Angestellte erzählen mir, dass ihr Chef nicht einmal mehr ein „Guten Morgen“ über die Lippen bekommt, bevor er Gedanken versunken ins erste Meeting hetzt. Viele Mitarbeiter fühlen sich von ihren Führungskräften nicht mehr gesehen und zu wenig beachtet. Ich frage mich, wie kann so noch Delegation und gute Zusammenarbeit zwischen Führung und Team funktionieren?

Ein ähnliches Bild zeigt sich häufig beim Blick in Teams. Jeder wurschtelt für sich, in offenen Büros findet kaum noch Kommunikation statt und die gemeinsame Mittagspause wird als spontanes Team-Meeting missbraucht. „Ich muss mit meinen Kollegen nicht befreundet sein“, sagen mir viele Klienten. Doch gleichzeitig wundern sie sich, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes immer schlechter verstehen und ein gutes Miteinander irgendwie kompliziert wird.

Frage ich Führungskräfte oder Angestellte, wenn sie mir im Coaching über aus ihrer Sicht merkwürdiges Verhalten von Kollegen erzählen, ob sie wissen, was ihrem Kollegen oder der Kollegin im Job und für eine gute Zusammenarbeit wichtig ist, dann blicke ich oft in fragende Gesichter. Je schneller ihre Arbeitswelt wird, umso weniger interessieren sie sich für die Menschen in ihrem Umfeld.

Wäre nicht auch Ihre nächste Weihnachts- oder Firmenfeier eine prima Gelegenheit, mehr über Ihre Kollegen in Erfahrung zu bringen und sie außerhalb der täglichen Büro-Routinen auch einmal anders zu erleben? Ich bin sicher, Sie entdecken ganz neue Seiten an ihnen. Zudem bieten betriebliche Feiern auch viele Möglichkeiten, das interne Netzwerk auszubauen und Verbindungen abseits des Organigramms zu knüpfen, die für Sie und Ihre Karriere irgendwann einmal von Nutzen sein können. Und so manche Liebe des Lebens soll an diesem Tag auch begonnen haben.

Weihnachtsfeier: Lästige Pflicht oder lustige Party?

Auch wenn ich mit diesem Beitrag Ihre echte Lust auf die Firmen-Weihnachtsfeier wecken möchte, kann es auch immer eine Zeit geben, in der Sie als Mitarbeiter einfach nicht in Feierstimmung sind oder Ihnen die Gans im Hals stecken bleibt, während Ihr Chef Reden über das erfolgreich letzte Jahr schwingt.

Ich finde es nicht gut, wenn Arbeitgeber oder Führungskräfte betriebliche Feiern mit einem Teilnahmezwang belegen oder sie sogar als Arbeitszeit deklarieren. Denn so wird jedes besinnliche Beisammensein zur steifen Pflichtveranstaltung.

Wer wirklich keine Lust aufs Feiern hat, der soll zuhause bleiben dürfen. Machen Sie Ihrer Führungskraft und vielleicht auch den Kollegen klar, warum Ihnen gerade wirklich nicht nach Feiern zumute ist.

Allen anderen wünsche ich viel Freude, interessante Gespräche mit den Kollegen und einen schönen Nachmittag oder Abend abseits der täglichen To-Dos und vermeintlichen No-Gos.

(Bild: 123rf.com, #88077186,  Prudencio Alvarez)

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Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Themen rund um die Karriereplanung und berufliche Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

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