Blog Zeit Zurueck

Hätte ich doch nur! Eine Perspektive ohne Aussicht.

In einer aktuellen Umfrage zu ihrer beruflichen Entwicklung geben 86% der Befragten an, dass Sie bei einem beruflichen Neustart heute etwas anders machen würden. Im Umkehrschluss sind nur 14% mit ihrer beruflichen Situation heute so zufrieden, dass Sie bei einem Neustart nichts verändern würden. Was bedeutet dieses Ergebnis? Ist es ein gutes Signal, weil es zeigt, dass viele Menschen ihren eigenen Weg reflektiert und daraus für ihre Zukunft gelernt haben? Oder zeichnet sich hier ein Bild von einer ziel- und orientierungslosen Gesellschaft ab, die im Dschungel des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes völlig überfordert ist? Ich habe mir die Frage gestellt, welche Aussagekraft die Ergebnisse dieser Studie besitzen.

Hier die Ergebnisse der von der Karriereberatung Von Rundstedt durchgeführten Studie im Detail:

Studie von Rundstedt Zufriedeneheit im Beruf

 

(Quelle: von Rundstedt)

Die Ergebnisse und Antworten der Befragten lassen sich aus meiner Sicht in drei Kategorien klassizifieren:

  1. Hätte ich doch etwas anderes gelernt.
  2. Hätte ich mich doch anders verhalten.
  3. Hätte ich doch auf andere Dinge Wert gelegt.

Kategorie 1: Meine Ausbildung ist schuld!

Auffällig ist, dass gleich zweimal die Reue über ein vermeintlich falsches Studium  bzw. eine falsche Ausbildung unter den Top-Ergebnissen auftaucht. Woran liegt das? Sind wir uns zum Zeitpunkt der Ausbidlungsentscheidung nicht über unsere Interessen und Fähigkeiten bewusst? Oder unterliegen wir nach einigen Jahren im Job dem Neid-Faktor, weil wir sehen, was Menschen in unserem Umfeld mit einer anderen Ausbildung erfolgreicher geschafft haben?

Ich glaube weder noch und stelle folgende Hypothese auf: Unsere Interessen verändern sich und damit auch unsere Werte. Unser Lebensumfeld unterliegt einem ständigen Wandel. Wenn ich von dem Fall absehe, bei dem ein Arzt seinen Sohn zum Medizinstudium „zwingt“, um in seine Fußstapfen zu treten, dann glaube ich, dass wir uns zum Zeitpunkt der Entscheidung auf ein Studium oder eine Ausbildung einlassen, weil es uns interessiert oder wir damit bestimmte Ziele verbinden. Wir haben hier noch nicht das Wissen, was wir nach 20 Jahren später im Job haben. Vielleicht geben uns unsere Eltern oder Bekannte Tipps, vielleicht auch professionele Studienberater. Aber später – wenn die Unzufriedenheit im Job vorherrscht – ein „falsches“ Studium verantwortlich zu machen, ist aus meiner Sicht zu einfach.

Viele Menschen stellen nach einigen Jahren im Beruf fest, dass das, was Sie tun (und oft zu selten hinterfragen), eben nicht mehr ihren veränderten Wertevorstellungen und Zielen entspricht. Was ist die Lösung? Ein neues Studium mit Anfang 40 kommt für die Wenigsten in Frage. Was nützt also diese Erkenntnis des vermeintlich damals falschen Studiums heute? Meine Meinung: wenig bis gar nichts!

Statt des Frustes sollte ganz im Gegenteil  die Frage im Vordergrund stehen, was wir aus einem Studium oder der Ausbildung Gutes nutzen können, um unsere Ziele in Zukunft zu verfolgen. Beispiel: Ich brauche aus meinem Wirtschaftswissenschaft-Studium heute kein Wissen mehr über Gutenberg-Produktionsfunktionen oder mathematische Modellierungen zur Lösung gemischt-ganzzahliger Optimierungsmodelle. Trotzdem möchte ich die Studienzeit und auch die der Promotion nicht missen. Sie war wichtig und ich habe viel „für´s Leben“ gelernt. Aber auch, strukturiert an Problemstellungen heranzugehen, strategisch und analytisch zu denken und mir Wissen effizient anzueignen. Und so geht es sehr vielen Menschen, die nicht gerade nach einem Jura-Studium Staatsanwalt oder nach dem Medizin-Studium Chirurg werden und genau dieses Wissen tagtäglich benötigen, was Sie im Studium (auswendig) gelernt haben.

Kategorie 2: Ich bin selbst schuld!

„Ich würde mich stärker weiterbilden“ und „Ich würde mir weniger Druck machen.“ Zwei Erkenntnisse, die für mich unter den Gesichtspunkt „besser spät als nie“ fallen. Ich habe in mir das Bild, dass die Befragten, die diese Antwort gegeben haben, traurig auf ihr Berufsleben zurück blicken und jammern, aber selbst nichts verändern. Der Vorsatz, sich selbst weniger Druck zu machen ist grundsätzlich vernünftig und gesund. Arbeit sollte auch Spaß machen. Ja, auch das ist ein Wunsch vieler Arbeitnehmer und auch ich schreibe hier regelmäßig „Arbeit darf auch Spaß machen!“ Aber die wirklich spannende Frage ist doch, was wir selbst verändern können bzw. welches Umfeld und welche Kultur auch Unternehmen schaffen müssen, damit Arbeit Freude macht.

Kategorie 3: Hätte ich das damals gewusst!

„Ich würde auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf achten.“ Hier verbinden sich Kategorie 1 und 2 miteinander. Viele Menschen starten ihre Karriere noch ohne Familie und fokussieren sich auf das Klettern auf der Karriereleiter. Das macht Spaß, bringt Geld und verschafft Ansehen. Irgendwann fällt ihnen dann auf, dass inzwischen ganz andere Dinge wichtig sind, wie etwa Familie, die eigenen Kinder, mehr Zeit für sich usw. (Werteverschiebung, vgl. Kategorie 1) und der Beruf nicht mehr hierzu passt. Ich bin überzeugt davon, dass diese Menschen zum Zeitpunkt des Beginns ihrer Karriere nicht gesagt hätten, dass ihnen eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie besonders wichtig ist. Es wird irgendwann wichtig. Und dann ist es Zeit, etwas zu verändern. Und hier kommt Kategorie 2 wieder ins Spiel, denn dies zu ändern hat etwas mit Bewusstsein über die eigenen Werte und Ziele und selbstverantwortliches, konsequentes Handeln zu tun.

Mein Fazit dieser Studie:

Höchst wahrscheinlich würde fast jeder von uns mit dem heutigen Wissen über sein Leben etwas ander(e)s machen, wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten. Ich auch. Persönliche Interessen und die Vorstellung über die beruflichen Ziele bilden sich erst mit der Zeit heraus und vor allem: sie verändern sich auch im Laufe des Lebens. Und das ist gut so, denn sonst gäbe es keine Weiterentwicklung.

[Tweet „Die Vergangenheit ist fix, nur die Zukunft ist veränderbar.“]

Den hohen Bedarf an Neuorientierung – wie es die Autoren der Studie ableiten – kann ich aus den Ergebnissen nicht ablesen, denn es war ja nicht gefragt, ob die Betroffenen aktuell in ihrem Beruf etwas verändern möchten. Es stimmt aber sicherlich, dass der Bedarf nach Orientierung im beruflichen Kontext in den letzten Jahren stark angestigen ist. Dies hat aus meiner Sicht sowohl etwas mit dem immer komplexer werdenden Angebot im Ausbildungs- und Arbeitssmarkt zu tun als auch mit der steigenden Bereitschaft in unserer Gesellschaft, sich mit dem eigenen Leben und seinen Zielen intensiver auseinanderzusetzen, selbstbestimmter zu leben und neue Chancen wahrzunehmen.

Das Ergebnis zeigt, dass unser Lebensweg keine Gerade ist und es wichtig ist – und zu diesem Schluss kommen die Autoren der Studie auch – regelmäßig die eigene Lebenssituation zu reflektieren, die nächsten beruflichen Schritte auf dieser Basis gezielt zu planen und vielleicht auch einen einmal gesteckten Weg anzupassen. Rückschau-Jammern und das Verlangen, die Zeit zurück zu drehen führen dabei nicht zum Ziel, sondern nur aktives und selbstverantwortliches Handeln. Jeder ist der Chef seines eigenen Lebens.

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

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