Von Beruf Selbstoptimierer und warum wir heute alle Experten sind

Was bedeutet Karriere eigentlich heute? Dies war der Ausgangspunkt und damit die zentrale Frage meiner Karriere-Studie. Letzte Woche habe ich hier die Ergebnisse zur Zufriedenheit im Beruf sowie zu den Karriere-Zielen 2016 vorgestellt. In Teil 2 lesen Sie heute, was Berufstätige mit Karriere und ihrer beruflichen Entwicklung verbinden. Und ich wollte wissen: Als welchen Karriere-Typ sehen Sie sich? Wie in Teil 1 stelle ich Ihnen nicht nur die nackten Ergebnisse vor, sondern bewerte sie aus meiner Perspektive und stelle Zusammenhänge her, die mir bei der Auswertung der Daten der fast 1.500 Teilnehmer der Online-Umfrage besonders aufgefallen sind.

Karriere = Herausforderung + Anerkennung = Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung, Herausforderung und Anerkennung sind die Top-Begriffe, die die Mehrheit der Teilnehmer heute mit Karriere verbindet. Sie haben jeweils rund 70 Prozent hohe oder volle Zustimmung erhalten.

Aus höher, schneller, weiter ist der Wunsch nach persönlichem Wachstum im Beruf geworden. Hierfür braucht es Herausforderungen durch immer Neues, um daran zu wachsen. Ziel ist das Streben nach Selbstverwirklichung im Job. Doch das eigene Wachstum scheint nicht auszureichen, es soll auch wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Die Anerkennung landet so auf Platz drei.

Danach der Fortschritt und fast gleichauf die Unabhängigkeit. Aus den Karriere-Coachings weiß ich, dass Unabhängigkeit für viele Berufstätige ein wichtiger Wert ist. Hier geht es eigentlich immer um ausreichend große Entscheidungs- und Handlungsspielräume, weniger um den Aspekt der Selbständigkeit. Unabhängigkeit im Job in Form von Handlungsfreiheit ist für das Ziel Selbstverwirklichung eine wichtige Voraussetzung. Fortschritt ist der Prozess der wahrgenommenen Selbstverwirklichung. Neues lernen als wichtigstes Karriere-Ziel (vgl. Teil 1) passt zu diesem Ergebnis.

 

Abb. 1: Bedeutung von Karriere heute

Abb. 1: Ergebnisse Bedeutung von Karriere und beruflicher Entwicklung.

 

Einfluss und Wettbewerb? Nein Danke!

Die Schlusslichter bilden Einfluss, Status und Wettbewerb. Ich hatte es vermutet, doch dass Wettbewerb einen derart hohen Anteil von  Ablehnung als Synonym für Karriere zugesprochen bekommt, das hätte ich nicht gedacht. Ich meine, schauen Sie sich doch einmal bei Ihnen im Unternehmen und unter den Kollegen um. Wie ist es, wenn Herr Müller bei der Beförderung Ihnen vorgezogen wird? Oder Frau Meier den Chef auf die Tagung begleiten darf, obwohl Sie doch viel besser im Thema sind? Und der Status. Was steht auf Ihrer Visitenkarte oder in der Mail-Signatur? Mal ehrlich, sind die meisten Angestellten nicht doch noch ziemlich gierig nach toll klingenden Titeln? Die ganze Berater-Branche lebt es konsequent weiter vor: vom Junior über den Senior zum Partner. Und auch in den Großkonzernen gehören heute Wettbewerbs- und Statusdenken noch fest zum System dazu.

Für mich zeigt das Ergebnis, dass die Arbeitnehmer in ihrem Kopf schon weiter sind. Sie spielen heute das gewohnte Wettrennen innerhalb des Unternehmens noch mit und sind auch stolz auf ihre Titel – am Ende ja auch eine Form von Anerkennung, doch mit Karriere und individueller beruflicher Entwicklung hat dies in der eigenen Wahrnehmung eine untergeordnete Relevanz.

Der Vergleich mit anderen wird dem Eigenen untergeordnet. Die eigenen Träume verwirklichen, die wirkliche Berufung finden und einem tieferen Sinn nachgehen, das ist es, was viele heute mit Karriere verbinden. Anerkennung, Status, Einfluss, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit sind hierfür die Erfüllungsgehilfen  bzw. guten Rahmenbedingungen.

Die Sicht auf Karriere ist eine Frage des Alters

Was verbinden Sie mit Karriere? Extrem interessant fand ich die Auswertung dieser Frage nach Altersklassen. Denn nicht immer steht die Selbstverwirklichung auf dem obersten Platz. Jungen Menschen unter 30 Jahren ist die Anerkennung ihrer Leistungen am wichtigsten. Bei den 30 bis 40-Jährigen steht die Herausforderung oben. Zwischen 40 und 50 Jahren ist es die Selbstverwirklichung, ab 50 Jahren wieder stärker die Herausforderung.

Das passt exakt zu den Karriere-Phasen, die die meisten Berufstätigen heute in ihrem Berufsleben durchlaufen. Am Anfang nach der Ausbildung oder dem Studium geht es um den richtigen Einstieg und den ersten Aufstieg. Die Bestätigung von außen ist wichtig. Nach den ersten Jahren im Beruf kehrt Routine ein und die fachliche Weiterentwicklung gewinnt an Bedeutung. Das Sammeln herausfordernder Erfahrungen ist wichtig, sei es die erste Übernahme von Führungsfunktionen oder die Erweiterung der fachlichen Expertise. Die Frage „Ist es das wirklich?“ beschäftigt viele Arbeitnehmer mit Mitte 40 bis Anfang 50. Dass Karriere in diesem Alter eher mit Selbsterwirklichung gleichgesetzt wird, passt hierzu und auch zu dem hohen Job-Frust, den die Betroffenen in diesem Alter am stärksten verspüren. Ist der weitere berufliche Weg bis zum Ruhestand hingegen geklärt, geht es wieder mehr um die Herausforderungen.

Dieses Wissen über das Verständnis von und die Sicht auf Karriere nach Alter finde ich extrem wichtig für eine gute und gesunde Führung von Mitarbeitern. Sie hilft, individuelle Verhaltensweisen von Mitarbeitern und auch Konflikte in Teams unterschiedlicher Generationen besser zu verstehen und bewusst danach zu führen.

Berufseinsteiger wollen Sicherheit

Auch wenn die Sicherheit in der Gesamtauswertung in ihrer Bedeutung für Karriere und die eigene berufliche Entwicklung im Mittelfeld landet, zeigen sich auch hier bei einem Blick in die Details interessante Unterschiede: Denn besonders wichtig scheint Sicherheit den jungen Berufstätigen zu sein. Die Ausprägung für hohe und volle Zustimmung liegt bei den unter 30-Jährigen bei 64 Prozent, bei den über 50-Jährigen hingegen nur bei 46 Prozent, über alle Teilnehmer bei 55 Prozent.

Jungen Menschen ist Sicherheit sehr wichtig. Ein Ergebnis, das mich überrascht hat. Auf der anderen Seite: Die junge Generation ist in einer Zeit großer Unsicherheit, hoher Dynamik und rasant steigender Komplexität auf- und mitgewachsen. Der Wunsch nach maximaler Flexibilität und hoher Unabhängig, der der jungen Generation Berufseinsteiger zugeschrieben wird, konkurriert aus meiner Sicht nicht mit dem Bedürfnis nach Sicherheit. Flexibilität bei der Erledigung von Aufgaben ist das Eine, Stichwort Homeoffice und flexible Arbeitszeiten. Doch grundsätzlich brauchen junge Menschen heute viel stärker Halt und Orientierung und jemanden, der sie „an die Hand nimmt“.

Flexibilität gewähren, machen lassen, aber trotzdem durch einen festen Rahmen Sicherheit vermitteln – aus meiner Sicht eine wichtige Anforderung an alle Führungskräfte von jungen Mitarbeitern.

Welcher Karriere-Typ sind Sie?

Mit dieser Frage wollte ich herausfinden, wie sich die Deutschen selbst einschätzen und habe acht unterschiedliche Karriere-Typen vorgegeben. Wenn Sie bis hierher und auch schon Teil 1 zu den Ergebnissen gelesen haben, wird Sie das Ergebnis nicht mehr überraschen: Auf Platz 1 steht der Karriere-Typ „Experte“ mit 64 Prozent hoher und völliger Zustimmung. Auf dem letzten Platz der „Wettstreiter“ mit 8 Prozent Zustimmung und 44 Prozent hoher Ablehnung.

 

Karriere Studie 2016 Slaghuis Karriere-Typen

Abb. 2: Ergebnisse Karriere-Typen.

 

Deutschland – Land der Experten

Der Großteil der Befragten sieht sich vor allem als Experte in seinem Job. Ein Ergebnis, das zu Karriere als Selbstverwirklichung passt, das aber ebenso auch zum Karriere-Ziel Neues lernen passt. Experte sein bedeutet, sich ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen. Sich im Arbeitsmarkt von den Kollegen und im Bewerbermarkt von der Konkurrenz zu unterscheiden.

Werfe ich einen Blick in die akademischen Landschaften, zeigt sich auch hier der Trend zum Expertentum. Generalistisch ausgerichtete Universitäten werden zu Competence-Centern für … , die Ausbildung zum Einzelhandels- oder Bürokaufmann von früher steht heute neben zig anderen kaufmännischen oder auch Kombi-Ausbildungen. Wer als Schulabgänger vor der Frage des richtigen Ausbildungsberufs oder des geeigneten Studiengangs steht, schaut auf eine schier unübersichtliche Spezialisierungs-Vielfalt. Die Wurzel für Expertentum wird heute bereits in unserem Schul- und Ausbildungssystem gelegt. Spezialist ist besser als Generalist. Eine Bewertung, die ich momentan in vielen Bereichen beobachte und die ich persönlich für falsch halte.

Jeder zweite Teilnehmer gab an, dass er sich auch mit dem Karriere-Typ „Unternehmer“ stark oder voll identifiziert. Erstaunlich, wo doch gerade einmal 10% Selbständige und 4% Unternehmer unter den Befragten waren. Aus meiner Sicht ein Ergebnis, dass unternehmerisches Denken und Handeln und die hiermit verbundenen Kompetenzen von den Befragten als sehr wichtig für die Karriere angesehen werden. Der Blick in die Stellenanzeigen zeigt dies als Anforderung der Arbeitgeberseite heute ebenso deutlich.

Stereotypisches Bild nach Geschlechtern

Ich habe mir die Frage nach den Karriere-Typen nach Geschlechtern angesehen. Und ich war wirklich erstaunt, wie sich auch hier immer noch die alten Geschlechterrollen zeigen: Frauen sehen sich im Vergleich zu den männlichen Teilnehmern stärker als sicherheitsorientierte Typen und in der Karriere-Rolle als Dienstleister, während Männer bei den Karriere-Typen Unternehmer, Wettstreiter und Kreativer im direkten Geschlechtervergleich weiter vorne liegen.

Sind dies noch die alten Schubladen aus den Geschlechterrollen von früher oder sind die Karriere-Typen auch ein natürliches Abbild unterschiedlicher Stärken und Kompetenzen von Männern und Frauen? Diese Frage finde ich spannend und werde sie in einem eigenen Beitrag demnächst einmal näher beleuchten.

Junge sicherheitsorientierter, aber auch lebenslustiger als Ü50

Der Großteil der Deutschen setzt überhaupt nicht auf Sicherheit im Beruf. Das zeigte sich oben bei der Bedeutung für die Karriere und findet auch hier bei den Karriere-Typen eine Bestätigung. Mit dieser starken Ablehnung hätte ich nicht gerechnet, doch auch dieses Ergebnis ist wohl auch im Kontext einer aktuell entspannten Arbeitsmarktlage zu sehen. Für viele meiner Klienten im Coaching ist Sicherheit sehr wichtig, wenngleich auch hier oft nachrangig.

Der Blick in die einzelnen Karriere-Typen nach Altersklassen zeigt zum Teil deutliche Unterschiede. Analog zur Bedeutung von Sicherheit im Kontext von Karriere und beruflicher Entwicklung (siehe oben) ist auch der Karriere-Type „Sicherheitsorientierter“ bei den unter 30-Jährigen mit 27 Prozent hoher/voller Zustimmung am stärksten ausgeprägt und nimmt mit steigendem Alter kontinuierlich ab. Bei den über 50-Jährigen beträgt dieser Wert nur noch 19 Prozent, im Mittel über alle Teilnehmer 22 Prozent.

Interessant: Der gleiche Zusammenhang zeigt sich beim Karriere-Typ „Lebenslustiger = Beruf ist nicht alles“. Die unter 30-Jährigen wählten diesen Typ mit 56 Prozent hoher/völliger Zustimmung aus, bei den über 50-Jährigen sinkt er auf 29 Prozent, im Mittel liegt er bei 41 Prozent.

Sicherheitsorientiert, aber der Job ist doch nicht alles. Was nach einem Widerspruch klingt, das scheint gerade für die junge Generation eine gutes Lebensmotto zu sein.

Mein Fazit

Das Verständnis von Karriere hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Weg von Wettbewerb, Status und Macht hin zu Selbstverwirklichung, Herausforderung und Anerkennung. Karriere hat sich damit auch entmaterialisiert. Gleichzeitig ist aus dem Wir eine stärkere Ich-Perspektive geworden. Aus dem Wettbewerb der Köpfe um Macht und Einfluss ist ein Wettbewerb gegen uns selbst erwachsen. Aus Status ist Anerkennung, aus Geld als Synonym für Erfolg sind persönliches Glück und emfpundener Sinn geworden.

Die Implikationen dieser Ergebnisse zeigen sich zum Teil heute bereits in einem Wandel der Führungs- und Unternehmenskulturen. Aus meiner Sicht laufen jedoch gerade die großen Unternehmen noch langsam hinterher. Heute begeistern sie insbesondere junge Berufseinsteiger noch durch ihre starke Markenkraft und die Entwicklungschancen eines internationalen Konzerns. Dass dies morgen noch reicht, bezweifele ich.

Manager und Führungskräfte werden vor der Herausforderung stehen, Kulturen und auch Prozesse sowie Strukturen zu schaffen, die in Einklang mit diesem veränderten Karriere-Verständnis stehen und Angestellte noch aktiver durch unterschiedliche Karriere-Phasen begleiten.

Führung muss individualisiert werden, insbesondere vor dem Hintergrund der verschiedenen Generationen im Unternehmen und ihrer sehr unterschiedlichen Perspektiven auf berufliche Entwicklung. Wer gute Mitarbeiter langfristig an sich binden möchte, wird ihnen Job- und Entwicklungsmodelle bieten müssen, die zur jeweiligen Karriere- und auch Lebensphase passen.

 

Teil 1: So zufrieden sind die Deutschen im Job und das sind ihre Karriere-Ziele 2016


Jeder dritte Mitarbeiter auf dem Sprung – Trotz Zufriedenheit im Job bei impulse.de
Jeder dritte Arbeitnehmer will 2016 seinen Job wechseln – und das ist der Grund bei t3n.de

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lars Hahn

    Wir alle Experten?
    Ich glaube ja, dass viele Menschen sich durchaus als Generalisten sehen. Gerade Geisteswissenschaftler, die ausbildungsfremd in der Wirtschaft arbeiten, zeichnet das ja aus.
    Sagt einer, der da was von versteht.
    Ansonsten: Danke für die spannenden Ergebnisse, ich werde sie gerne in meinen Vorträgen zitieren. ;-)

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Hallo Lars,
      Ja, das glaube ich auch (sagt auch ein Geisteswissenschaftler). Vielleicht sollten wir unterscheiden zwischen generalistischer Ausbildung, z. B. als Geisteswissenschaftler, und späterem Spezialist vs. Generalist im Job. Und auch der Generlist hat heute sicherlich Lust auf Neues und Spezial-Fachwissen und wird sich selbst vielleicht dann in diesem Gebiet oder nur in seinem Job-/Kollegen-Umfeldauch ebenso als Experte sehen. Aus verschiedenen Ergebnissen der Studie erkenne ich das Ziel bzw. den Wunsch von Angestellten nach fachlicher Qualifizierung, das findet seinen Ausdruck m.E. auch in dem hohen Ergebnis Karriere-Typ = Experte – wenngleich dahinter eigentlich ein Generalist steckt.
      Danke für’s Teilen und ich freue mich, wenn Du die Ergebnisse für Deine Vorträge nutzen kannst.
      LG, Bernd

Ihre Perspektive? Schreiben Sie einen Kommentar.