Stärken stärken! 3 Fälle, wann diese Strategie versagt

Sie müssen Ihre Stärken stärken, um die Schwächen zu schwächen! Diese Strategie klingt einfach einleuchtend und so geistert sie seit Jahrzehnten durch alle Ratgeber für mehr Erfolg im Leben und im Job. Doch so einfach ist das nicht! Viele scheitern bei der Umsetzung bereits an der Grundvoraussetzung: Dem Bewusstsein über die eigenen Stärken und Schwächen. Was ich nicht kenne, kann ich nicht verstärken. Doch selbst, wenn Sie Ihre Stärken genau kennen, kann Sie diese Strategie in die falsche Richtung führen. Hier sind 3 Fälle, wann die Stärken-stärken-Strategie versagt und worauf Sie stattdessen besser achten sollten.

Fall 1: Sie erkennen Ihre Stärken nicht

Dieser Fall ist der Klassiker. Das fehlende Bewusstsein über die eigenen Stärken. „Was kann ich denn schon?“ Das höre ich besonders häufig von Berufserfahrenen, die im Laufe ihrer Karriere vergessen haben, was sie eigentlich auszeichnet. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Unzufriedenheit blockiert den klaren Blick auf die eigenen Stärken. Job Suchende etwa, die die Kündigung auf dem Tisch haben oder schon viele Bewerbungsanläufe erfolglos hinter sich haben, zweifeln an sich selbst. Sie sehen nur noch Defizite, aber keine einzige Stärke. Stärken stärken kann nur, wer sich seiner Stärken bewusst ist und diese als Stärken wertschätzt.

Auch Ihr Rucksack steckt voller Stärken!

Mir gefällt das Bild des Rucksacks, den jeder von uns sein ganzes Leben auf dem Rücken trägt und der sich im Laufe der Zeit mit Stärken, Kompetenzen, Wissen, Erfahrungen und ausgebauten Talenten füllt. Vielleicht geht auch ab und zu etwas aus dem Rucksack verloren, weil wir glauben, etwas nicht mehr zu benötigen oder es schlicht verlernen. Doch unterm Strich wird unser Rucksack mit steigender Lebens- und Arbeitserfahrung immer praller. Manchmal stelle ich mir in einer schwierigen Situation vor, wie ich in meinem Rucksack nach einer Stärke krame, die ich gebrauchen könnte, aber gerade nicht parat habe. In den meisten Fällen werde ich fündig und erinnere mich an frühere Situationen, in denen ich diese Stärke schon einmal genutzt habe. Werfen Sie doch mal einen Blick in Ihren „Rucksack“ und entdecken Sie wieder, was dort alles verborgen ist.

Die Gewohnheits-Falle: Wenn Stärken Routine werden

Dies ist der andere Fall, die eigenen Stärken nicht mehr zu erkennen. Je häufiger Sie Ihre Stärken gut einsetzen können, desto mehr verlieren sie den Status des Besonderen. Viele sagen mir „Das ist doch normal, das kann doch jeder!“ und gleichzeitig denke und sage ich dann oft auch „Naja, also ich kann das nicht!“ Nur weil Sie jeden Monat einen Verbesserungsvorschlag einreichen und dieser vom Unternehmen jedes Mal prämiert wird, bedeutet das nicht automatisch, dass es normal ist. Für Sie ist es zur Routine geworden, doch die Kollegen oder der Chef werden sich trotzdem die Frage stellen „Wie schafft sie/er das bloß?“

Erinnern Sie sich wieder an Ihre Stärken!

Mir fiel bei der Suche meines Impfpasses in meinem Ordner mit Dokumenten letzte Woche mein Zeugnis aus der Grundschule in die Hände. Da wusste ich schon, dass ich hier im Blog einen Artikel über Stärken schreiben werde. Und als ich mir das Zeugnis der zweiten Klasse durchlas, wurde mir ganz anders:

Zeugnis_StaerkenInteresse und Aufgeschlossenheit für Neues. In der Zusammenarbeit mitgestaltend und bereichernd. Anhaltende Ausdauer, selbständige Arbeitsweise, zügig und sehr sorgfältig. Eine schnelle Auffassungsgabe und starke Lösungsorientierung. Ein klar gegliederter Schreibstil, wenige Fehler. Sprache treffend und gewandt. Gutes Zahlenverständnis.

Für die, die mich etwas besser kennen: Ist das nicht der Wahnsinn?! Nein, ich meine nicht, wie toll ich bin (das ist ja nichts Besonderes – lach), sondern welche heutigen Stärken und Eigenschaften bei mir als 8-Jährigem schon so offensichtlich waren. Hier steht geschrieben, wonach so viele Bewerber verzweifelt auf der Suche sind: Nach ihren persönlichen Stärken und Fähigkeiten, die sie ausmachen und die sie als Erwachsene häufig für sich selbst nicht mehr formulieren können.

Vielleicht finden auch Sie Ihre alten Zeugnisse noch und haben einen ähnlichen Gänsehaut-Moment, wie ich ihn letzte Woche hatte. Es kann auch sein, dass sich Ihre Stärken im Laufe der Zeit verändert haben und der Abgleich bei Ihnen nicht so eindeutig wie bei mir ausfällt. Doch auch dann können Sie darüber nachdenken, ob und welche der Stärken von früher heute noch nützlich für Sie sein können und ob es sich lohnt bzw. wie Sie es schaffen, diese zu reaktivieren.

Stärken stärken ist dann eine gute Strategie, wenn Sie sich ihrer Stärken bewusst sind und Sie sie wertschätzen können.

Fall 2: Ihre Stärken stehen in Konflikt mit Ihren Werten

Ich möchte Ihnen Claudia vorstellen: Sie ist ein echtes Schreibtalent. Ihre Texte kommen an. Zwei Bücher hat sie bisher geschrieben – beide Bestseller. Vor einem Jahr bekam sie ein Angebot einer großen Tageszeitung zur Festanstellung. Sie hat es angenommen. Jeden Tag einen Beitrag, das war ihre Vorgabe. Doch die Freude am Schreiben, die sie früher hatte, verschwand sehr schnell. Die Texte gefielen ihr immer weniger und auch ihre Chefs waren unzufrieden. Claudia weiß heute, dass Unabhängigkeit einer ihrer wichtigsten Werte ist. Mit der Festanstellung und dem Tagesziel wurde dieser Wert verletzt. Das hat sich auf ihre Stärke ausgewirkt. Sie braucht die Freiheit, um gute Texte zu schreiben. Heute arbeitet Claudia wieder als freie Journalistin und hat zu alter Schreibstärke zurückgefunden.

Stärken und Werte gehören zusammen. Stärken zu stärken, ohne die eigenen Werte im Blick zu haben, das kann in die falsche Richtung führen. Sie können noch so perfekt in etwas sein, so lange diese Stärke einen Ihrer für Sie wichtigen Werte verletzt, geraten Sie in einen inneren Konflikt. Verbiegen Sie sich in Ihrer Persönlichkeit, um eine Stärke in einem bestimmten Kontext zu nutzen oder entfernen Sie sich damit von Ihren echten Zielen und Werten, dann wird Sie dies auf Dauer eher schwächen als stärken.

Was stärkt und was schwächt Sie?

Wenn ich mit Bewerbern über ihre Stärken und Schwächen spreche – das kommt häufig vor, weil sie Angst vor dieser Frage im Vorstellungsgespräch haben, dann wandele ich die Frage ab und wir sprechen darüber, was sie stärkt und was sie auch schwächt. Das ist eine andere Perspektive, die über die einfache Stärken- und Schwächen-Sicht hinausgeht. Denn sie hinterfragt sowohl die Motive und Ursachen als auch die Wirkung von Stärken und Schwächen: Die anstrengende Kollegin, die einem Energie raubt. Die wichtige Präsentation vor einer Gruppe, die die Batterien schon im Vorfeld leer saugt. Die Gassirunde mit dem Hund, die jeden Tag neue Energie gibt. Das Lob vom Chef, das motiviert und bestärkt. Häufig lassen sich aus dieser Betrachtung weitere Hinweise auf Stärken und Schwächen ableiten und sie in den aus meiner Sicht so wichtigen Zusammenhang mit den Werten im Beruf und im Leben bringen.

Stärken stärken ist dann eine gute Strategie, wenn die Stärken mit Ihren Werten, Zielen und Ihrer Persönlichkeit harmonieren.

Fall 3: Ihre Stärken sind für Ihr Umfeld unwichtig

An diesen Fall musste ich denken, als ich im neuen Buch von Svenja Hofert über den Fischteicheffekt las. Sie sagt: „Menschen entwickeln sich oft besser, wenn ihre Stärken im Vergleich zu anderen deutlicher ausgeprägt sind. Es ist also besser, ein großer Fisch in einem kleinen Teich zu sein als ein kleiner in einem großen.“

Ja, Stärken sind immer relativ. Ihre Stärke ist dann im Team relativ unbedeutend, so lange es einen Kollegen oder eine Kollegin gibt, die darin besser ist. Vielleicht ist Ihre besondere Stärke auch gar nicht gefragt: Wenn Sie super mit Excel umgehen können und an Tabellen und Formeln Ihre große Freude haben, Ihre Aufgabe aber darin besteht, bunte PowerPoint-Präsentationen zu erstellen, dann ist Ihre Stärke dort ziemlich wertlos. Es ist hier sinnlos, noch besser in Excel zu werden, denn das Stärken dieser Stärke würde in diesem Umfeld nichts verändern.

Viele Chefs delegieren Aufgaben nicht, weil sie der Meinung sind, sie können sie selbst besser oder schneller erledigen. Stärken stärken kann in diesem Fall für einen Mitarbeiter eine Lösung sein, um wieder in die erste Liga aufzusteigen, das muss es aber nicht. Denn dann versucht er, besser als der Kollege oder der Chef in einem Bereich zu werden und das Wettrennen beginnt. Auch wenn es ein Team kurzfristig beflügeln kann, der Ausbau dieser Stärke wäre fremdbestimmt und muss nicht der eigenen Motivation entsprechen.

Schlauer wäre es in diesem Fall, entweder in eine andere Ecke des Fischteichs zu schwimmen oder aber solche „eigenen“ Stärken gezielt zu stärken, die im kleinen Teich benötigt werden, jedoch so noch nicht vorhanden sind und Sie so leichter zu einem großen Fisch werden können.

Stärken stärken ist dann eine gute Strategie, wenn Ihre Stärken im aktuellen Lebens- oder Arbeitsumfeld wertvoll sind.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #wassindstaerken von Svenja Hofert.

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 14 Kommentare

  1. Stephanie Wagner

    Lieber Bernd,
    „Was stärkt und was schwächt Sie?“ – eine wunderbare, freundliche und beflügelnde Frage, die Platz schafft, Druck nimmt und ab sofort auch Einzug in meine Kundengespräche halten wird. Danke für die Inspiration! :)
    Viele Grüße, Steffi

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Liebe Steffi,
      gerne ;-) und liebe Grüße in den Norden!
      Bernd

  2. Joern Hanisch

    Passt ;-)

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      super ;-)

  3. Bettina Stackelberg (@bstackelberg)

    Hach! Wieder mal ein schönes Thema bei Dir.
    Ich bin eine eiserne Verfechterin und große Freundin vom „Stärken stärken“. Vor allem aus 3 Gründen:

    1) Wenn ich den Fokus darauf lege, meine Schwächen zu verkleinern, dann komm ich – vereinfacht gesagt – bestenfalls von unterdurchschnittlich auf durchschnittlich. Wenn ich vor allem meine Stärke stärke, dann komm ich voraussichtlich von sowieso schon überdurchschnittlich – da Stärke! – auf exzellent.

    2) Und dieses „Stärken stärken“ fällt mir leichter, macht mir mehr Freude und dadurch setzt sich eine Positivspirale in Gang. Arbeit an Stärke mit Leichtigkeit und Freude führt zu Erfolgserlebnis = mehr Motivation, noch weiter zu gehen.

    3) Wenn ich mir meiner Stärken bewusst bin (also mir meiner selbst bewusst bin), dann fallen oftmals meine Schwächen gar nicht mehr so sehr ins Gewicht bzw. ich kann souveräner dazu stehen und damit umgehen. Oder ich hab durch die Bestärkung der Stärken mehr Mut und Gelassenheit, an meinen Schwächen …. bzw. an denen, die mich wirklich stören, auch zu arbeiten.

    Fall 1 Sie erkennen Ihre Stärken nicht.
    Eben! Das ist m.E. ja genau das Problem vom Fokussieren auf meine Schwächen: Ich erlebe es in Seminaren v.a. bei Frauen sooo häufig: Sie können mir wie aus der Pistole geschossen und ausführlich schildern, was sie alles nicht können, noch nicht so gut können, wo noch Lernbedarf oder Entwicklungspotential ist. Das Höchste der Gefühle ist ein „dieses kann ich, glaub ich, sagt man, doch recht gut“. Aber ein „Dies kann ich richtig gut“ geht kaum über die Lippen.
    Hat m.E. auch viel mit einer generellen gesellschaftlichen Haltung zu tun: In der Schule wird das angestrichen und bewertet, was falsch ist = dicker fetter Rotstift. Ich hingegen weiß noch ganz genau, wie ich mich freute, als in der 8.Klasse (!!! ich hab 84 Abi gemacht … ist also laaang her!) mein Lateinlehrer unter meine grottenschlechte 5- Lateinschulaufgabe schrieb: „Hat leider noch nicht ganz gereicht, aber ich sehe Deine Fortschritte, die Vokabellücken schließen sich, weiter so!) = Fokus auf Fortschritt, auf Be-STÄRK-ung.

    Zu Fall 3 Ihre Stärken sind für Ihr Umfeld unwichtig
    Wenn dies der Fall ist, dann ist m.E. das Umfeld nicht das richtige. Denn: Was ist die Konsequenz: Ich habe Stärken, die fallen nicht wirklich auf in meinem Umfeld als besonders hilfreich, oder sie werden gar boykottiert oder untergraben, rufen vielleicht Neid oder Befremdung hervor. Hmm, dann kann ich bleiben und mir peu à peu meine STärken abgewöhnen, sie beerdigen oder auf die Zeit nach der Rente verlegen … und eingehen wie ne Primel. Oder ich hab den Mut, mir ein Umfeld zu suchen, wo meine Stärken gebraucht, erwünscht und unterstützt werden.
    Ich bleib dabei. Bestärkung der Stärken wird meine Hauptaufgabe als Coach bleiben. Meine Klienten werden stärker, selbstbewusster und sie gehen liebevoller, versöhnlicher mit ihren Schwächen um.

    Danke für die Anregung … wieder mal! Toller Blog, wirklich ganz toll!!
    Sehr herzlich, Bettina

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Liebe Bettina,

      vielen Dank für Deine so ausführliche Sicht. Ich bin der gleichen Ansicht, dass wir als Coaches Stärken stärken sollten und vor allem dies die Perspektive ist, die Menschen und uns alle weiter bringt. Die ganze Ressourcenarbeit und Lösungsorientierung im Coaching oder die Suche nach Ausnahmen beruhen darauf. Mein Beitrag sollte auf gar keinen Fall zum Ausdruck bringen, dass Stärken stärken schlecht ist, vielleicht habe ich das nicht klar genug geschrieben. Die drei Fälle sind für mich die absoluten Ausnahmen oder – bei Fall 1 – die fehlende Grundlage, wann Stärken stärken eine schlechte Idee ist bzw. wahrscheinlich nicht zur Lösung führt.

      Ja, Deine Erfahrungen zu „Was kann ich denn schon“ vor allem bei Frauen mache ich auch. Glückwunsch zum Lateinlehrer, der selbst eine 5- schönreden konnte :-)
      Und ja, auch im Fall des zu den eigenen Stärken unpassenden Umfeldes wird es eine kluge Strategie sein, zu wechseln. Aber klar ist vorher, dass Stärken stärken in dieser Situation wohl Zeitverschwendung wäre.

      Ach ja, gehen „versöhnlicher mit ihren Schwächen um“ gefällt mir. Oft glauben wir ja auch nur oder es wird uns eingeredet, dass etwas eine Schwäche ist, dabei stärkt uns genau diese Eigenschaft auch in bestimmten Situationen oder hat grundsätzlich eine „positive Absicht“, die wir aber nicht erkennen. Ich werde wohl mal einen Beitrag über Schwächen nachschieben … danke!:-)

      Liebe Grüße,
      Bernd

  4. Peter Reitz

    Schöner Artikel, Herr Slaghuis, der auch noch einmal neue „Stärkenperspektiven“ öffnet. Ich selbst arbeite vorwiegend „systemisch“ und so ist mir das Stärkenkonzept doch gut vertraut. Aber sie sagen es, hier lauern auch „Untiefen“.

  5. Ute

    Hallo lieber Bernd,

    auch ich möchte mich erst einmal für den wunderbaren Artikel bei Dir bedanken. Er verursacht nostalgische Gedanken und Empfindungen ;-) Ich habe sogleich mein Zeugnisheft hervorgeholt und neugierig hineingeschaut. Dabei habe ich erstmal Schlucken müssen, da solche Individualkommentare wie in Deinem Fall an meiner Schule anscheinend nicht üblich waren ;-( Es gab die Zeugniskategorien Fleiß und Führung über den anderen Fächern. Immerhin stand da ein gut. Puh! In den Bemerkungen unter den Fächern stand dann noch: Utes Fleiß war gut und besser…2.Klasse…soso! Was auch immer das heißt.
    Was mich aber bei meiner Durchsicht sehr berührt hat und mir stark unter die Haut ging, war die Tatsache, dass meine Mutter verstarb als ich 16 war und der damit einhergehende Leistungsabfall, die vielen Fehlstunden aufgrund meiner Trauerbewältigung und den anschließenden Notenabstürzen nirgendwo auch nur ansatzweise erklärt wurde. Selbst wenn ich einem Fremden die Zeugnisse ohne Kommentar in die Hand geben würde, sehe dieser ab dem Jahr 1983 eine maßgebliche „Leistungsvänderung“. Jedoch ohne jedwede Erklärung. Könnte also auch einfach nur pubertätsbedingte „Leistungsverweigerung“ gewesen sein. Ebenfalls erschreckend fand ich eine Notenveränderung in dem Fach Biologie bei einer Veränderung der Lehrkraft. In einem Halbjahr von sehr gut auf ausreichend…ohne Worte…die Jahre zuvor schwankte ich kontinuierlich zwischen sehr gut und gut.
    Warum habe ich das jetzt so ausführlich beschrieben? Ganz einfach: die meisten Bewertungen, die von außen kommen, können so gar nichts mit den Selbstwahrnehmungen und auch den Umständen zu tun haben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns selbst beobachten und unserer eigenen Stärken bewusst werden. Keine Fremdbetrachtung kann die Komplexität erfassen, die ein Leben und somit einen Menschen ausmacht. Mit all seinen Stärken und Schwächen. Dies kann wirklich nur jeder selbst. Ich habe sehr lange dafür gebraucht, mir meiner Stärken bewusst zu werden. Was habe ich dazu zu Rate gezogen? Mein gesamtes Leben. Nicht nur die beruflichen Erfolge, sondern vielmehr die persönlichen Erfolge,die sich teilweise dann auch im Berufsleben zeigten. Viele Menschen haben Stärken, die in der Schule wie auch im Berufsleben sehr oft untergehen, weil sie dem Unternehmen keinen „messbaren“ Erfolg gebracht haben, der sich unmittelbar daraus ableiten ließe. So langsam verändert sich das. Das ist schön zu sehen. So langsam erkennen Unternehmen die wahren Stärken ihrer Mitarbeiter: den gesamten Menschen. Und demnach erkennt auch der/die ein oder andere seine eigenen Stärken besser und umfassender.

    Schön,dass Du die Stärken eines jeden Menschen so wunderbar in den Gesamtzusammenhang gebracht hast. Vor allem das Thema Stärken und Werte fand ich sehr wichtig.

    Es macht fortwährend Freude, Deine Artikel zu lesen. Deine Stärke ist auf jeden Fall das Schreiben und die Betrachtungsweise, mit der Du den Menschen siehst!

    Von Herzen viele Grüße, Ute

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Liebe Ute,
      ich danke Dir sehr für den Kommentar und Deine persönlichen Erkenntnisse aus Zeugnissen und Lebensabschnitten, die das Thema Stärken nochmal auf eine ganz andere Ebene bringen.
      Dein Beispiel zeigt auch schön, dass Noten mit Vorsicht zu genießen sind. Sie sind das Resultat von etwas in einem bestimmten Lebensabschnutt und was genau hinter sehr gut oder mangelhaft steckt, das ist eben nicht immer Fleiß oder Intelligenz – und muss auch nicht zwigend das Spiegelbild einer Stärke sein. Daher ist es mir etwa in der Arbeit mit Bewerbern so wichtig, dass sie z.B. mit Brüchen oder Lücken im Lebenslauf offen umgehen und Klarheit schaffen, damit Hypothesen auf der anderen Seite erst gar keine Chance haben.
      Ja, der Zusammenhang von Stärken und Werten beschäftigt mich auch immer noch gedanklich. Das Bewusstsein über die eigenen Werte ist für mich ein zentrales Element im Coaching. Werte können sich im Leben verändern und ich glaube, dass die Stärken hier sehr eng mit verbunden sind / sein sollten. Ich denke mal weiter darauf rum …
      Vielen lieben Dank für Dein tolles Feedback und ja, das Schreiben hier macht mir großen Spaß – und ist mir wichtig :-)
      LG, Bernd

  6. Anne Lamberts

    Hallo Herr Slaghius,

    mir gefällt die Differenzierung der Fälle sehr gut. Vielen Dank für den schönen Artikel. Den Blick in die Grundschulzeugnisse kann ich auch sehr empfehlen. Bei mir steht, ich möge doch etwas rascher arbeiten. Aber bis heute habe ich mir eine gewisse Langsamkeit bewahrt, deren starke Seite Besonnenheit ist. Die fehlt in großen Teichen gelegentlich – wie gut also, dass ich sie mir bewahrt habe.

    Viele Grüße
    Anne Lamberts

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Hallo Frau Lamberts,
      danke und Glückwunscch zur „Besonnenheit“. Ja, vermutlich eine wertvolle Stärke in vielen Teichen heute, von denen immer mehr zu einem Wildwasserfluss werden ;)
      Viele Grüße,
      Bernd Slaghuis

  7. Pingback: Was sind meine Stärken? Blogparade Teil 2 | Svenja Hofert HR- und Karriereblog

  8. Carsten Seiffert

    Moin Herr Slaghius, ein toller und praxisnaher Artikel. Ich werde den Aspekt der situationsbedingten und umfeldabhängigen Stärken-Nutzung gerne übernehmen. Erlauben Sie?

    Beste Grüße
    Carsten Seiffert

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Hallo Herr Seiffert,

      vielen Dank. Na klar, übernehmen Sie gerne, wenn Sie meinen Beitrag zitieren.

      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

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