Glueckwunsch Chef Probezeit Bestanden

Glückwunsch Chef, Sie haben die Probezeit bestanden!

Die meisten Jobwechsler betrachten die Probezeit beim neuen Arbeitgeber als sechs harte Monate auf Bewährung. Denn sie stehen unter Beobachtung und müssen beweisen, dass sie halten, was sie als Bewerber vollmundig versprochen haben. Sie geben sich die größte Mühe, dem neuen Chef richtig gut zu gefallen, nicht negativ aufzufallen und nirgends anzuecken. Denn schließlich kann das frische Arbeitsverhältnis innerhalb von zwei Wochen ohne Angabe von Gründen wieder beendet werden und der Bewerbungs-Marathon beginnt von Neuem. Wie wäre es eigentlich, wenn die Probezeit auch dafür da ist, als Arbeitnehmer genauer hinzusehen und ebenso zu entscheiden, ob dies wirklich der richtige Arbeitgeber für die nächsten Jahre ist? Ich bin der Meinung, es ist an der Zeit für diesen Perspektivwechsel. Warum selbst Arbeitgeber von dieser anderen Sichtweise profitieren, was für Sie als Angestellte wichtig ist und fünf Fragen, die Sie während der Probezeit für sich beantworten sollten:

Probezeit: Sechs Monate auf Bewährung?

Ist nichts anderes vereinbart, etwa durch tarifvertragliche Regelungen, beträgt die Probezeit bei Arbeitsverhältnissen in Deutschland in der Regel zwischen drei und sechs Monate. Innerhalb dieser Zeit haben beide Seiten die Möglichkeit, den Arbeitsvertrag innerhalb von zwei Wochen ohne Angabe von Gründen zu beenden. Nach Ablauf der Probezeit gelten die gesetzlichen oder davon abweichend vertraglich vereinbarten Kündigungsfristen sowie Kündigungsschutzregelungen. Für Österreich und die Schweiz bestehen gesonderte Bestimmungen für die Probezeit.

Auch wenn die Gesetzgeber in Sachen Probezeit beide Seiten im Blick haben, treffe ich ausschließlich auf Jobwechsler, die die Probezeit als harte Bewährungsprobe ansehen, die es zu bestehen gilt. Sie treibt die Angst, von heute auf morgen auf der Straße zu stehen, wenn sie die Erwartungen ihres neuen Arbeitgebers nicht erfüllen, denn sie erinnern sich noch gut an die vielen Bewerbungen und Gespräche, bis sie endlich diesen Job hatten. Wer möchte das alles jetzt schon wieder erleben? Und ein Arbeitsverhältnis mit weniger als sechs Monaten macht sich im Lebenslauf ja schließlich auch nicht gut.

Also befolgen Jobwechsler brav die vielen Verhaltenstipps der wie ich finde typisch deutschen, auf Sicherheit fokussierten Ratgeber (hier, hier oder hier) und geben sich so möglichst unauffällig, unkritisch, jederzeit achtsam vor fiesen Fettnäpfchen-Fallen und natürlich immer pünktlich und höflich. Sie schleppen sich mit Fieber ins Büro und lächeln ihre Sorgen und Bedenken weg. Denn krank werden in der Probezeit, das ist ja viel zu gefährlich, genauso die unerhörte Frage nach ein paar Tagen Urlaub in den ersten sechs Monaten.

Sie bemerken wahrscheinlich, was ich von den „So überstehen Sie unbeschadet die Probezeit“-Tipps halte. Ich traue Ihnen zu, dass Sie nicht gleich nach einer Woche im neuen Job mit leichten Kopfschmerzen einen auf krank machen und lieber die Reise nach Mallorca antreten. Und dass Sie als der oder die Neue im Job pünktlich sind, davon gehe ich einfach mal aus. Und es sollte heute ebenfalls für jeden Jobwechsler klar sein, dass er nach einer Woche nicht die gesamte Geschäftsstrategie in Frage stellen und den Laden umkrempeln kann – es sei denn, Sie sind der neue Vorstand. Doch sich erst einmal unauffällig zu verhalten, bloß nichts zu kritisieren und den Anweisungen des Chefs bedingungslos Folge zu leisten, diese Tipps halte ich in der heutigen Arbeitswelt nicht nur für überholt, sondern sogar für Ihre berufliche Entwicklung und auch für Ihren neuen Arbeitgeber für schädlich.

Denn genau so entstehen innerhalb von sechs Monaten angepasste Mitarbeiter, die Dienst nach Vorschrift machen und Unternehmenskulturen, in denen Innovation zum Fremdwort wird. So entstehen Angestellte, die aus Gewohnheit auch nach der Probezeit aus Angst um ihren Job an ihren perfekt entwickelten Fehlervermeidungsstrategien festhalten, nur reagieren anstelle selbstverantwortlich zu agieren und den klaren Blick auf ihr eigenes Denken und Handeln weitgehend verloren haben. Das Ergebnis einer Haltung von Angestellten, für die Probezeit „6 Monate auf Bewährung“ bedeutet.

Sechs Monate verkrampftes Schauspiel, um nach der Probezeit weniger schnell rausgeschmissen werden zu können? Sechs Monate beobachten aus der zweiten Reihe, sich zurückhalten und abwarten, bis der Chef endlich zum Probezeit-Gespräch lädt und der vermeintliche Schleudersitz zum sicheren Bürostuhl wird? Oder – und das beobachte ich häufig bei Führungskräften – sechs Monate die Mitarbeiter auf Spur bringen, fast schon verbissen aggressiv die eigene Positionierung einpflocken und jenem Bild des perfekten Vorgesetzten entsprechen, das dem des eigenen Chefs so nahe wie möglich kommt? Mancher Mitarbeiter lernt das wahre Gesicht seiner Führungskraft erst nach Bestehen dessen Probezeit kennen, was oft mit einer Entspannung in der kollegialen Zusammenarbeit zwischen Chef und Mitarbeiter einhergeht. Muss das denn sein?

Prüfung statt Bewährung – auf beiden Seiten!

Wenn ich mit Bewerbern arbeite, dann ist einigen von ihnen und vor allem jungen Menschen bewusst, dass der Bewerbungsprozess heute ein Kennenlernen auf Augenhöhe ist, bei dem sich beide Seiten als Interessenten prüfen und am Ende beide entscheiden, ob sie zueinander passen. Für die Phase der anschließenden Probezeit scheint dieses Bewusstsein jedoch noch längst nicht in den Köpfen etabliert zu sein.

Das mag daran liegen, dass Personaler und Führungskräfte in Bewerbungsgesprächen mit dem Bestehen der Probezeit bestimmte Vorteile oder Entwicklungen in Aussicht stellen, die eine Erweiterung der Kompetenzen eines Mitarbeiters oder sogar bereits den nächsten Karriereschritt bedeuten, nach dem Motto „Wenn Sie erst mal die Probezeit bei uns bestanden haben, dann dürfen/werden Sie auch …“.

Und so fokussieren sich die meisten Angestellten im neuen Job vor allem auf die Angst vor dem schnellen Jobverlust und verlieren damit das aus dem Blick, was auch ihnen für die ersten Wochen und Monate beim neuen Arbeitgeber wirklich wichtig ist: Herauszufinden, ob sie dort in den nächsten Jahren den Job machen können, der ihren heutigen Werte- und Zielvorstellungen entspricht, sie motiviert und gesund hält. Zu erkennen, ob das Bild des neuen Arbeitgebers sowie der Position wirklich dem entspricht, welches in den Bewerbungsgesprächen gezeichnet worden ist und für das sie sich entschieden haben.

Ich bin der Meinung, die Zeit ist reif für ein Update in den Köpfen von Angestellten und auch von Arbeitgebern, das Konstrukt der Probezeit anders zu sehen. Als Chance, sich gegenseitig im wahren Arbeitsleben zu finden, zu erfahren und ehrlich zu bewerten, ob es auf Dauer für die nächsten Jahre wirklich passt. Die verkürzten Kündigungsfristen nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als Flexibilität zu sehen, sich für den Fall der ungenügenden Passung unbürokratisch und schnell wieder voneinander trennen zu können. Beide Seiten können (und dürfen!) sich im Bewerbungsprozess irren und es kann immer Erkenntnisse im echten Arbeitsleben geben, die dazu führen, dass eine oder auch beide Seiten schnell im Arbeitsalltag feststellen, dass sie ein gemeinsamer Weg nicht zu ihren individuellen Zielen führt.

5 Fragen, die Sie innerhalb der Probezeit für sich beantworten sollten

Wenn Sie sich auf diesen Perspektivwechsel einlassen und vielleicht sogar Ihrem Chef zuvorkommen möchten, dass er und seine Kollegen die Probezeit bestanden und Sie sich entschieden haben, längere Zeit dort zu bleiben, dann sind dies die aus meiner Sicht wichtigsten fünf Fragen, die Sie während der Probezeit für sich beantworten sollten:

1. Entsprechen die Aufgaben tatsächlich Ihren Vorstellungen?

Oft bleibt das Bild der mit einer Position verbundenen Aufgaben nach Bewerbungsgesprächen recht vage. Was sie wirklich täglich tun und wohin die Reise genau gehen wird, das zeigt sich in den ersten Wochen und Monaten.

Ist das, was Sie täglich tun das, was Sie sich vorgestellt haben? Füllt Sie Ihr Job richtig aus oder fühlen Sie sich unter- oder überfordert? Bietet Ihnen die neue Position die Herausforderungen, die Sie sich wünschen? Haben Sie Freude an Ihrer Arbeit?

Machen Sie einen Abgleich Ihrer realen Arbeitssituation und dem, was Sie bei Unterzeichnung des Arbeitsvertrages erwartet oder erhofft haben. Was fehlt hierzu heute noch und wie schätzen Sie die Chance ein, dass Sie in den nächsten Monaten hierauf positiv Einfluss nehmen können?

2. Führt Ihr Chef Sie so, wie Sie Führung benötigen?

Jeder Angestellte möchte anders geführt werden. Manche brauchen klare Anweisungen und möchten vom Chef an die Hand genommen werden, andere wünschen sich die lange Leine und Freiräume in der Aufgabenerledigung. Was ist Ihnen in Sachen Führung wichtig und werden Sie dies von Ihrem neuen Chef bekommen können? Sofern der Führungsstil nicht Ihren Erwartungen entspricht oder Sie bemerken, dass Sie mit dem Chef nicht auf einer Wellenlänge sind, Missverständnisse oder fehlende Klarheit vorherrschen, wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass sich die Zusammenarbeit nach einem Feedback-Gespräch in Zukunft dauerhaft verändern wird?

3. Kommen Sie mit den Kollegen gut zurecht?

Vielen Angestellten sind heute Kollegialität, Gerechtigkeit und Teamwork wichtig. Nutzen Sie die Probezeit, um Ihre Kollegen so gut wie möglich kennen zu lernen. Entscheiden Sie besonders bei solchen Kollegen, mit denen Sie eng zusammen arbeiten müssen oder bei denen Sie sogar darauf angewiesen sind, dass sie sich Ihnen gegenüber kooperativ verhalten, ob dies wahrscheinlich auf Dauer funktionieren wird. Kommen Sie mit einigen Kollegen nicht gut klar, dann gehen Sie in der Probezeit auf sie zu und versuchen Sie, eine Lösung für eine gute Zusammenarbeit zu finden.

4. Sehen Sie Perspektiven für Ihre fachliche und persönliche Entwicklung?

Manchem ambitionierten Mitarbeiter wird es im Job schnell langweilig. In den ersten Wochen ist noch alles neu und spannend, die Lernkurve extrem steil, doch schnell setzt die Routine ein. Beobachten Sie während der Probezeit ehrlich und kritisch, welche fachliche und auch persönliche Entwicklung Sie durchlaufen und versuchen Sie abzuschätzen, ob Ihr Wissenshunger auch nach der Probezeit auf dieser Position ausreichend gestillt werden wird.

Vielleicht sprechen Sie auch einmal mit Ihren Kollegen über deren Erfahrungen mit Maßnahmen zur Personalentwicklung, was Fort- und Weiterbildungen sowie die Karriereplanung betrifft. Auch hier (liebe Arbeitgeber bitte weghören) wird in manchem Bewerbungsgespräch mehr versprochen als später gehalten wird. Dabei zählen Neues lernen und persönliche Entwicklung für viele Angestellte heute zu den wichtigsten Zielen im Beruf, wie meine Karrierestudie gezeigt hat.

Für die Langfrist-Karriere-Denker gilt: Analysieren Sie während der Probezeit auch die Strukturen bei Ihrem neuen Arbeitgeber sowie die heutigen Inhaber der für Ihre nächsten Karriere-Schritte interessanten Positionen im Unternehmen. Ist es Ihnen wichtig, dort in den nächsten Jahren Karriere zu machen und erkennen Sie, dass es hierfür so gut wie keine Möglichkeiten geben wird, kann auch dies ein Grund sein, die frühe Trennung während der Probezeit vorzuziehen – wenngleich dies wohl der unwahrscheinlichste Fall sein dürfte.

5. Hat Ihr Privatleben den Raum, den es braucht?

Der (neue) Job ist nicht alles. Sicherlich werden Sie zu Beginn mehr arbeiten und vielleicht sogar Überstunden leisten, um sich schnell einen Überblick zu verschaffen und in die neuen Themen hinein zu finden, doch sollten Sie auch abschätzen, wie viel Platz für Ihr Privatleben in den nächsten Jahren in dieser Position bleibt und ob dies mit Ihren Vorstellungen einhergeht. Für viele (frustrierte) Wechselwillige, die zu mir ins Karriere-Coaching kommen und Ausschau nach einem passenden neuen Arbeitgeber halten, ist dies heute eines der wichtigsten Auswahlkriterien der neuen Position.

Lieber Chef, von mir aus bleibe ich gerne länger.

Normal ist, dass Ihr Chef Sie ein bis zwei Monate vor Ablauf der Probezeit zu einem Gespräch einlädt und Ihnen (formal) mitteilt, dass Sie die Probezeit bestanden haben. Manche Chefs gehen auch lautlos über diesen Zeitpunkt hinweg, zumal in den meisten Arbeitsverträgen das Ende der Probezeit und die danach geltenden Rechte und Pflichten geregelt sind. Das finde ich sehr schade, denn selbst wenn beiden klar ist, dass es prima passt und die Probezeit längst keine Bewährung mehr ist, ist dies eine gute Gelegenheit, es auch auszusprechen.

Also, wo steht geschrieben, dass nicht auch Sie als Arbeitnehmer gegen Ende der vereinbarten Probezeit auf Ihre Führungskraft oder die Personalabteilung zugehen und erklären dürfen, dass Sie die Probezeit genutzt haben, um sich für das Unternehmen als Arbeitgeber der nächsten Jahre zu entscheiden. Sie müssen ja nicht unbedingt mit „Glückwunsch Chef, Sie haben die Probezeit bestanden!“ mit der Tür ins Haus fallen. Aber vielleicht hilft Ihnen dieses Bild, die nächste Probezeit beim neuen Arbeitgeber mit anderen Augen zu sehen.

(Bildnachweis: 123rf.com, 12382304, Richard Thomas)

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Ein sehr guter Artikel. Die Probezeit ist für beide Seiten eine „Zeit der Probe“. Voraussetzung ist natürlich, dass man sich seiner Werte und Fähigkeiten bewußt und sicher ist. Das wird jedoch nur gelingen, wenn man sich in der Phase der Berufsorientierung für einen Beruf entschieden hat, den man mit Begeisterung ausübt.

    1. Hallo Herr Hauenschild,
      vielen Dank. Ja, eigene Klarheit als Voraussetzung ist sehr wichtig, denn sonst fällt ja die Bewertung „on the job“ für sich selbst schwer. Wer nicht weiß, was er braucht, kann nicht erkennen, ob er es hat.
      Herzliche Grüße
      Bernd Slaghuis

  2. Sehr bedenkenswerte Überlegungen. Mir insgesamt etwas zu weitschweifig, weshalb ich «nur» quer gelesen (und vielleicht den einen oder anderen guten Gedanken überlesen) habe. Es ist schon so, in der Personaolsuche gibt es immer zwei «Bewerber»: Eine Fachkraft bewirbt sich bei einem Unternehmen und ein Unternehmen bewirbt sich bei einer Fachkraft.

    Leider wird viel zu oft übersehen, dass das ganze Bewerbungsprocedere immer auch ein «Schaulaufen» des Unternehmens bei der bestmöglichen Fachkraft ist.

    1. Hallo Herr Last,
      ja, das Bewusstsein für beide Seiten zu schaffen, war mein Anliegen. Und im besten Fall wird es dann auch kein „Schaulaufen“, sondern ein echt angenehmer Spaziergang ;)
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

  3. Interessanter Artikel, vieles kann ich aus beiden Sichten (bin ja Chef und zugleich auch Mitarbeiter) unterschreiben. Zwei Monate vorher jemanden zu sagen, dass er die Probezeit bestanden hat, finde ich zu früh.
    < als vier Wochen finde passend, sonst verschenken beide Seiten wertvolle Zeit.
    Unter dem Titel hätte ich mir mehr zur Sicht auf den Chef erwartet.
    Lesenswert!

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