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Mail-Junkies: Wenn das Smartphone zur Sucht wird.

Wer Leibeigener seines Smartphones ist und den Großteil seiner Arbeitszeit damit verbringt, auf Mails zu warten, sie zu beantworten oder selbst elektronische Romane an Kollegen oder Vorgesetzte zu schreiben, hat kaum noch Zeit für die entscheidenden Dinge im Job. Die digitale Permapräsenz macht uns süchtig nach Information und schneller Reaktion. Stress, der Verlusts der Perspektive auf das Wesentliche und der Rückzug aus dem Sozialleben sind oft die Folgen. Gehen Sie selbst-bewusster mit Ihrem Mail-Kommunikationsverhalten um und konzentrieren Sie sich auf das, was Sie im Beruf  tatsächlich weiterbringt.

Sind Sie ein Mail-Junkie?

Gehören Sie zu den Menschen, die hektische Flecken bekommen, wenn Sie das Pingen einer neuen Mail hören oder das Vibrieren Ihres Smartphones in der Hosentasche spüren? Steigt in Ihnen mit jeder neuen Mail ein Gefühl von Angst auf, dass der Chef oder die Chefin geschrieben hat oder der nächste Kunde einen Auftrag storniert? Ertappen Sie sich dabei, kurz vor dem Feierabend 10 angefangene Mails auf Ihrem Desktop zu entdecken? Dann hat Sie Ihr Mail-Postfach vielleicht schon stärker im Griff als Sie denken.

Die folgenden typischen Symptome geben Ihnen die Antwort:

  • Sie denken morgens im Bett an Mails, die Sie heute schreiben wollen.
  • Sie checken schon vor dem Frühstück die Mails der letzten Nacht.
  • Sie werden unruhig, wenn Sie neue Mails nicht sofort beantworten können.
  • Sie haben das Gefühl, den ganzen Tag nur auf Mails anderer reagieren zu müssen.
  • Sie lesen und schreiben Mails in Meetings oder während Telefonaten.
  • Sie schreiben am Tag deutlich mehr als Sie sprechen.
  • Sie haben viele Mails mit Betreff „Aw:Aw:Fw:Aw:Fw:Fw: …“ im Eingang.
  • Sie schreiben häufig Mails, die länger als eine DIN A4-Seite sind.
  • Sie fühlen sich nackt, wenn Sie ohne Ihr Smartphone unterwegs sind.
  • Sie hören das Pingen oder fühlen die Vibration, obwohl es keine neuen Mails gibt.
  • Sie lesen Ihre Mails mehr als dreimal durch, bevor Sie auf Senden drücken.
  • Sie checken Ihre Mails noch einmal kurz bevor Sie ins Bett gehen.
  • Sie schlafen häufig noch einmal über Ihre Mails, bevor Sie sie abschicken.

Wie viele dieser Punkte können Sie (ehrlich!) für sich mit JA beantworten?

Trifft das alles auf Sie nicht zu, herzlichen Glückwunsch! Dann können Sie hier aufhören zu lesen oder aber Sie lesen weiter, um auch künftig nicht in diese Fallen zu tappen.

Opfer der digitalen Permapräsenz?

Wir sind ständig und überall online, Hotspots und öffentliches W-LAN schreien förmlich danach, es auch zu nutzen. Die Wissenschaft spricht hier von „digitaler Permapräsenz“. Laut einer aktuellen Studie sind 30% der Beschäftigten abends unter der Woche für Kollegen, Vorgesetzte oder Kunden per Handy, Smartphone oder E-Mail erreichbar. Jeder 4. Beschäftigte ruft abends nach der Arbeit regelmäßig seine E-Mails ab.

Die Folgen: Wir schalten im Feierabend nicht mehr ab, unser Stresslevel ist konstant auf hohem Niveau und die Zeit für die Familie oder für Freunde, aus der wir häufig unsere Kraft und Energie ziehen, kommt zu kurz.

Beiträge zum Thema „Rettet den Feierabend“ gehen seit Jahren durch die Presse. Damit verbunden ist die Diskussion um Burnout und die steigende Zahl arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen.

Sich regelmäßig seine ganz persönliche „Quality Time“ zu gönnen und einen passenden, eigenen Weg zu finden, den Berufsalltag im Sinne einer guten „Work-Life-Quality“ selbstbestimmt in das eigene Leben zu integrieren, sind meine wichtigsten Ansatzpunkte. Dies gelingt aber nur, wenn Sie bewusst geschäftlich Ihre E-Mail- und privat Ihre Social-Media- und Surf-Aktivitäten auf ein gesundes Maß bringen.

Ist das wirklich eine Sucht?

Ja, ich spreche hier absichtlich von Sucht. Auch wenn wir unser Online- und Mail-Verhalten oftmals nicht als Sucht einschätzen (das tut ein Alkoholiker häufig auch nicht) und wir auch fest daran glauben, dass wir dazu ja schließlich von unserer Umgebung gezwungen werden, sind die Warnsignale doch oft vergleichbar:

  1. Starker Wunsch oder Zwang.
    Sie haben das starke Verlangen, ständig auf Ihr Smartphone zu schauen.
  2. Kontrollverlust und Abstinenzunfähigkeit.
    Sie arbeiten auch dann abends noch Mails ab, wenn Ihre Ehe schon längst den Bach runter geht.
  3. Toleranzbildung.
    Alles hat mit 10 Minuten mal eben Mails checken angefangen, heute verbringen Sie den ganzen Abend mit dem Smartphone neben der Familie auf dem Sofa und finden das in Ordnung.
  4. Entzugserscheinungen.
    Sie können nicht mehr ohne Smartphone aus dem Haus gehen, im Urlaub fehlt Ihnen etwas. Sie werden unruhig oder schlafen schlecht.
  5. Rückzug aus dem Sozialleben.
    Sie haben kaum noch Kontakt zu Freunden und unternehmen weniger mit Ihrem Partner. E-Mails dominieren Ihren Alltag.

Dass dies auf Dauer nicht gesund ist, wird Sie jetzt nicht überraschen. Doch warum gelangen wir überhaupt in diese Situation hinein? Und wenn wir damit schon unsere Gesundheit und unser privates Glück aufs Spiel setzen, tut dieses Investment dann wenigstens unserer Karriere gut?

Erreichbarkeit ist Karriere fördernd?

Sie glauben, dass die ständige Erreichbarkeit für Kollegen oder den Chef der eigenen Karriere gut tut. Also antworten Sie immer schnell auf neue Mail-Eingänge und zeigen auch im Feierabend, dass Sie bereit sind, sich voll und ganz für den Job zu engagieren. Grundsätzlich sind Engagement und Einsatzbereitschaft zu lobende Tugenden und wichtige Voraussetzungen, um im Beruf weiter zu kommen.

Ich habe aber den Eindruck, dass viele Menschen nicht mehr kontrollieren und steuern können, ob eine E-Mail zwingend am gleichen Abend oder auch erst am nächsten Morgen beantwortet werden muss bzw. kann. Die Priorisierungs-Kompetenz kommt uns hier scheinbar abhanden. „Diese eine Mail ist schnell geschrieben, dann habe ich das aus dem Kopf raus“, denken wir. Und schwupps kommen beim Schreiben neue Nachrichten rein und ruck zuck ist der Abend vor dem Firmen-Laptop verbracht.

Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass Weltuntergänge, Firmenpleiten und Job-Kündigungen niemals per E-Mail kommuniziert werden. Wenn Ihr Chef Ihnen unbedingt nach Feierabend noch etwas sehr sehr wichtiges zu sagen hat, was nicht bis morgen früh warten kann, dann wird er Sie hierfür wahrscheinlich anrufen.

Es gibt also eigentlich rational oftmals keinen Grund, im Feierabend geschäftliche E-Mails zu lesen – geschweige denn zu schreiben. Keine Regel ohne Ausnahmen. Vielleicht sind Sie in ein wichtiges internationales Projekt eingebunden und arbeiten mit Menschen in anderen Zeitzonen zusammen. Das erfordert sicherlich auch Mails oder Telefonkonferenzen zu ungewöhnlichen Zeiten. Aber dann ist dies auch Teil Ihres eigentlichen Jobs.

Gute Erreichbarkeit und schnelle Reaktion auf Nachrichten sind wichtig, um einem Arbeitgeber zu signalisieren „Ich bin für Dich da“ und „Ich engagiere mich“.

Aber was ist,

… wenn Sie täglich nur noch vor dem PC oder Smartphone sitzen und in Ihren Mails versinken?
… wenn Sie Ihre eigenen Mitarbeiter aus dem Blick verlieren und auch mit ihnen nur noch schriftlich kommunizieren
… wenn Sie in Ihrer Freizeit keine Zeit mehr haben, Ihre Batterien aufzuladen und soziale Kontakte zu pflegen?

Das alles führt Sie als Mitarbeiter, Führungskraft, Partner, Vater oder Mutter an den Rand der Belastbarkeit. Sie verlieren die wichtigen Dinge in Ihrem Beruf und im Leben aus den Augen. Sie haben im Job keine Freiräume mehr, um sich um konzeptionelle oder strategisch für Ihren Arbeitsplatz bedeutende Themen zu kümmern. Ihre Arbeit an Ihrer eigenen Karriere bleibt auf der Strecke, solange Sie sich in diesem Hamsterrad aufhalten.

Selbstverantwortung für Ihr Mail-Verhalten

Wie in vielen Coachings mit meinen Klienten rate ich auch bei diesem Thema: Übernehmen Sie selbst die Verantwortung. Es ist Ihre Entscheidung, wann Sie welche Mail in welcher Form an wen verfassen oder beantworten.

Auch die Menge machts! Sie können gezielt und ganz bewusst an vielen Stellschrauben drehen, um weniger Mails als Empfänger zu erhalten, sich weniger durch eingehende Mails von Ihrer Arbeit ablenken zu lassen und auch selbst weniger E-Mails zu schreiben.

Was Sie hierfür konkret tun können, lesen Sie am Freitag in meinem Beitrag „Endlich mehr Zeit. Wie Sie Ihre E-Mails auf ein Minimum reduzieren.“

Mich interessiert Ihre Meinung.

Übertreibe ich hier maßlos und dramatisiere eine technologische Entwicklung, die unsere Ökonomie und unser Arbeitsleben auch extrem positiv verändert hat? Kennen Sie Menchen oder kennen Sie es vielleicht auch von sich selbst, regelrecht auf Entzug zu sein, wenn Sie „off“ sind? Schreiben Sie mir Ihre Meinung und Erfahrungen unten als Kommentar.

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Hallo Zusammen,

    also ich finde nicht, dass Du hier übertreibst. Vieler meiner Kollegen arbeiten rund um die Uhr! Das setzt mich persönlich schon ganz schön unter Druck! Zeitgleich überkommt mich meist ein Gefühl, dass ich auch den Wunsch nach Freizeitausgleich hege, weshalb ich mir bestimmte Zeiten in meinem ARBEITSTAG für Mails eingeplant habe. Natürlich in der Früh nach meinem Kaffee am Arbeitsplatz und dann kurz bevor ich um 18 Uhr das Haus verlasse. Dazwischen auf jeden Fall noch am Mittag und im Takt von 2h. Ich kann mich so besser struktrieren und wenn mein Kollege meint, die Mails von meinem Chef immer sofort beantworten zu müssen, dann muss er das machen. Ich arbeite lieber auch gern einmal und wenn es wirklich dringend ist, kann man A, die Mail als solche auch so kennzeichnen und B, soll jeder dann einfach gleich einmal anrufen!

    Gruß
    Markus

    1. Hallo Markus,

      Ja, sich feste Zeiten am Tag für Mails zu setzen ist gut. Und wenn Du für Dich einen 2-Stunden-Rhythmus gewählt hast, dann dauert die Antwort ja auch nicht allzu lange. Ich kenne auch Menschen, die checken und beantworten nur morgens früh ihre Mails … Das ist aber sicher auch Job-abhängig, ob das geht.

      Viele Grüße
      Bernd

  2. Eine Übertreibung ist das nicht. Es geht doch sehr vielen Menschen so und insbesondere die Arbeitnehmer leider immer mehr darunter. Ich denke auch eine Selbstverantwortung ist das eine das Problem in den Griff zu bekommen. Zusätzlich gehört dann aber auch eine Verantwortungsübernahme im Unternehmen seitens der UL eine Email oder Kommunikationskultur zu vereinbaren, dass solche Auswüchse nicht passieren. Da geht es viel um Erwartungshaltungen und die lassen sich regeln bzw. vereinbaren, so dass beide Arbeitgeber- aber auch Arbeitnehmerinteressen gewahrt bleiben. Dann braucht auch niemand wieder nach Vater Staat rufen, der sich dann aufgefordert fühlt hier mit Gesetzen zu intervenieren.
    Man kann sich auch fragen, warum die Email eigentlich so beliebt ist und ausufernd benutzt wird. Meine These dazu ist, das es das bequemste und unkomplizierteste Dokumentationswesen für Kommunikation ist. Auch hier anzusetzen kann Wunder bewirken. Indem geregelt wird, wie also mit welcher Kommunikationsform Aufgaben verteilt werden, welche Kommunikationswege für welche Inhalte relevant sind etc. Dann sprechen die Mitarbeiter auch wieder mehr untereinander und etwaige Fehlinterpretationen, unzureichende Beschreibungen oder unklare Anweisungen werden gar nicht erst durch die Weltgeschichte verschickt und verursachen viel Aufwand aber keine Arbeitsergebnisse.

Ihre Perspektive? Schreiben Sie einen Kommentar.