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Stell dich nicht so an! Warum Sie Luxusprobleme im Job ernst nehmen sollten

Kennen Sie die Geissens von RTL2? Dann wissen Sie, was Luxusprobleme sind. Wenn Carmen der Fingernagel mitten in Saint-Tropez einreißt oder Rooobert Hunger schiebt, weil seine Liebste beim Frisör noch Schampus schlürft. First World Problems genannt. Auch auffällig viele meiner Klienten nehmen das Wort Luxusproblem in den Mund, wenn sie mir ihr Anliegen im Karriere-Coaching schildern. Sie sind unsicher, ob sie wirklich ein Problem haben, denn sie wissen, dass es vielen anderen Angestellten schlechter geht. Sind solche Luxusprobleme im Job nur jammern auf hohem Niveau?  Nein, ganz und gar nicht! Warum Sie Ihre vermeintlichen Luxusprobleme im Beruf nicht länger kleinreden, sondern ernst nehmen und lösen sollten.

Luxusprobleme im Job – Drei Beispiele aus der Praxis

Jenny erledigt ihre Aufgaben im Büro in den ersten zwei Stunden des Tages und sitzt dann nur noch ab bis zum Feierabend. Sie surft privat, liest viel im Netz, neulich hat sie eine Online-Weiterbildung begonnen. Und dafür bekommt sie jeden Monat pünktlich ein gutes Gehalt. Sie weiß aus ihrem Freundeskreis, dass sich viele vor Arbeit nicht retten können und Überstunden leisten. Es ist ihr unangenehm, mir von ihrer Langeweile im Job zu erzählen und eigentlich ist sie sich auch nicht sicher, ob es nicht nur ein Luxusproblem sei und sie sich zu sehr anstelle. Doch es belastet sie und es kommen ihr die Tränen, als sie von ihrem Chef und der Arbeit erzählt.

Heiko liebt schon lange nicht mehr, was er tut und quält sich dennoch jeden Tag zur Arbeit. Viel Routine, keine Entwicklung mehr, keine Perspektiven. Doch die Stimmung im Team sei super und mit dem Chef verstehe er sich auch bestens, sagt er. Und das überdurchschnittlich hohe Gehalt entschädige ja auch jeden Monat aufs Neue für den Job-Frust. Er würde gerne den Arbeitgeber wechseln, doch seine Freunde sagen ihm, er solle zufrieden sein damit, was er hat. Es könne ihn viel schlimmer treffen. Heiko wünscht sich insgeheim, sein Arbeitgeber kündigt ihm, dann wäre er endlich dieses Luxusproblem los und müsste in die Gänge kommen.

Michael ist Anfang 50 und blickt auf eine steile Karriere zurück. Er war zuletzt als Manager für einen großen Bereich in einem Konzern verantwortlich, hat viele Mitarbeiter geführt. Er habe viel Geld verdient, ein schönes Haus, seine beiden Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Er möchte wieder mehr Zeit für sich und seine Familie haben und kürzer treten im Beruf. Weniger Verantwortung, ein kleineres Team. Er kommt zu mir, weil er nach etlichen Bewerbungen keine Einladungen zum Gespräch bekommt. Auch er spricht von einem Luxusproblem, weil er doch schon so viel erreicht habe, doch bis zur Rente seien es auch noch einige Jahre und er habe Lust, noch viel zu bewegen. Sein Frust ist groß, trotz Erfahrungen und bisherigen Erfolgen als Bewerber nicht zu punkten.

 Jetzt stell’ dich nicht so an! – Jammern auf hohem Niveau?

Vielleicht denken Sie jetzt, die Fälle von Jenny, Heiko und Michael, deren Namen ich geändert habe, seien seltene Ausnahmen? Langeweile im Job, das gibt’s doch nicht? Werfen Sie einen Blick auf die vielen Kommentare unter meinem Artikel aus 2015, der seitdem einer der meistgelesenen Texte über Google hier im Blog ist.

Ein Problem wird dann zu einem Luxusproblem, wenn wir zwar Handlungsdruck empfinden, uns jedoch von außen suggeriert wird – oder wir es uns selbst einreden, das alles sei doch gar nichts im Vergleich zu …

„Stell dich nicht so an, andere haben es viel schlechter!“ oder „Im Vergleich zu früher hast Du es doch gut heute!“ oder „Sei doch froh, dass Du überhaupt noch einen Job hast!“

Wir denken, es ist jammern auf hohem Niveau. Das belastende Problem wird durch das Gefühl von Luxus klein gemacht und abgewertet. Bei vielen meiner Klienten kommt es mir so vor, als schämen sie sich regelrecht für das, was sie doch so sehr belastet und zu mir geführt hat. Weil sie wissen, dass sie in einer komfortablen Lage sind und es vielen anderen Berufstätigen oder Arbeit Suchenden deutlich schlechter geht.

Du bist nicht allein!

Vielen meiner Klienten hilft es, dass jemand ihr Problem ernst nimmt, ihnen zuhört und ihr Anliegen nicht mit einer vorschnellen Bewertung „Stell’ Dich nicht so an!“ abtut. Es spielt für mich keine Rolle, wie groß ein Problem ist. Wer kann schon die Relevanz, Belastung oder Tragweite eines Problems anderer Menschen in einer spezifischen Lebens- und Arbeitssituation objektiv beurteilen? Wer sind wir, anderen das Gefühl zu vermitteln, bei ihrem Problem handele es sich um luxuriöses Jammern ohne Grund?

In den Kommentaren unter meinem Langeweile-Artikel schreiben viele Betroffene, wie wichtig es für sie ist, zu sehen, mit ihrem vermeintlichen Luxusproblem nicht allein auf der Welt zu sein. Gleichzeitig steigt so die eigene Erlaubnis, das Thema sowie die eigenen Gefühle, Ängste und Sorgen selbst ernst zu nehmen, darüber zu sprechen und sich auch externe Hilfe suchen zu dürfen.

Auch Luxusprobleme dürfen Sie lösen

Ja, am Ende ist es Ihre Entscheidung, ob und in welcher Intensität Sie einen Zustand als Problem bewerten und versuchen, es zu lösen, oder nicht. Jenny aus dem Beispiel oben könnte sich dafür entscheiden, das gute Geld fürs Nichtstun mitzunehmen und zufrieden Ruhe zu geben. Oder sie entscheidet sich, mit ihrem Chef zu sprechen und mehr Aufgaben einzufordern – auch auf die Gefahr hin, dass ihr Arbeitgeber auf die Idee kommt, dass ihre Stelle eigentlich überflüssig ist.

Bei als Luxusproblem empfundenen Zuständen fehlt der Handlungsdruck für eine Veränderung. Es ist ein Problem, aber irgendwie doch auch nicht. Viele Menschen neigen dann dazu, den Versuch einer Lösung auf die lange Bank zu schieben. Aus Sorge vor den Reaktionen des eigenen Umfeldes, die ihre Lösungsversuche für völlig überzogen abtun könnten, vor allem aber aus eigener Überzeugung, es sei ja alles doch nicht so schlimm. Aushalten wird dann schnell zur bequemen Lösung. In der Erwartung, es löse sich von selbst oder müsse erst noch deutlich schlimmer werden, bevor es Zeit wird, aktiv zu werden. Ein Irrglaube aus meiner Erfahrung.

Es klingt vielleicht paradox, aber warum freuen Sie sich nicht darüber, dass Ihr Problem noch „Luxus“ und nicht bereits Existenz oder Ihre Gesundheit gefährdend ist? Dass Sie noch nicht die Kündigung auf dem Tisch haben und sich zwar frustriert, aber entspannt aus einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis bewerben können. Oder dass Sie vielleicht auch die finanzielle Sicherheit genießen, eine längere Zeit der beruflichen Orientierung zur Not auch ohne Job überbrücken zu können.

Nutzen Sie den Luxus als Teil Ihres Problems. Nutzen Sie die selbst noch als komfortabel empfundene Lebens- oder Arbeitssituation, um die nötige Zeit, vielleicht auch die finanziellen Mittel sowie einen freien Kopf zu haben, eine für Sie gute Lösung zu finden und den Weg dorthin bewusst einzuschlagen.

Unser Leben ist zu wertvoll, dass wir aus Problemen Luxus machen.
Arbeiten Sie an Luxuslösungen, denn Lösungen dürfen auch leicht sein.

(Bild: 123rf.com, 47635475)

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 13 Kommentare
  1. Hallo Leute, mir geht es genauso wie der Jenny oben im Blog. Ich bin im Öffentlichen Dienst und hocke meine 8 Stunden ab. Arbeit habe ich leider nur für 1,5 Stunden am Tag. Diese habe ich schon in der Früh erledigt. Das beste ich habe seit 01.01. einen Tag in der Woche Home Office. Die Zeit nutze ich um mit meinen Kids zu spielen und falls mal jemand anruft, bin ich da bereit es zu erledigen.

    Meine Familie und Freunde sagen mir auch immer wieder wie gut ich es habe. ich soll das geld nehmen und glücklich sein. :)

    Ich weiß aber nicht was ich machen soll?

    1. Hallo Markus,
      wie Du an den Kommentaren im Langeweile-Beitrag siehst, bist Du nicht (mit Jenny) allein.
      Was würdest Du tun, wenn es vollkommen egal wäre, was alle anderen um Dich herum sagen?
      Viele Grüße,
      Bernd

      1. Hallo Bernd,

        ich denke ich werde mich aus meiner Komfortzone bewegen und mich anderweitig bewerben. Heute habe ich ein Vorstellungsgespräch bei einer Bank. Dort soll ich in der IT Abteilung arbeiten. Leider würde ich dann meinen Home Office Tag verlieren, den ich dafür nutze mit meinem Sohn (2 Jahre alt) zu spielen. … Was ist sinnvoll…???

        1. Am Ende muss jeder für sich entscheiden und seine eigenen Erfahrungen machen. Ich würde mit Ihrem Sohn (2 Jahre alt) spielen. Arbeiten können Sie immernoch, wenn er 10 Jahre alt ist und sie nicht mehr so sehr braucht. Ich habe es leider nicht so gemacht und habe nur das eine Kind. D. h. ich kann es höchstens mal bei meinen Enkeln besser machen und mehr Zeit mit ihnen verbringen, gesetzt den Fall, ich komme überhaupt in diesen Genuss.

  2. Ja, diese Probleme kenne ich auch. Und als Luxus würde ich es nicht bezeichnen. Denn gerade vermeintlich kleine Probleme können einem den schönsten Job vermiesen.
    Klar, diese Probleme sind nicht direkt existenzbedrohlich. Zumindest sieht das auf den ersten Blick nicht so aus. Aber sie führen zu einer innerlichen Trennung von einem eigentlich guten Job.
    Ich habe genau aus diesen Gründen, die das als Luxusproblem titulierten, Jahre gebraucht um mich umzuorientiern.
    Es hört sich immer toll an für andere, wenn man sagt, dass man nur 2 h Arbeit hat. Nur, wer schonmal 6 h mit der Eindruckvermittlung von intensiver Tätigkeit verbracht hat weiß, wie unbefriedigend das ist. Man kommt sich einfach blöd vor. Alles um einen herum ist sich am Überschlagen und man selber macht sich auf die Socken, um irgendwo etwas zu bekommen, um wenigstens irgendwie was zu tun. Wie hoch da die Bezahlung ist, spielt da keine Rolle. Man (ich) wird unzufrieden und das Arbeitsergebnis leidet. Dadurch wird man (ich) noch unzufriedener und so weiter. Man wünscht sich dann wirklich, dass der Arbeitgeber einen kündigt.

    Ihr letztes Beispiel ist da ein ganz anderes Kaliber. Wenn ich so sehe, was Verbände und Wissenschaft zu berufserfahrenen, neue Tätigkeitsfelder suchenden Personen veröffentlichen und wie der tatsächliche Bewerberalltag aussieht. Meist macht das auf mich den Eindruck, dass da von zwei verschiedenen Welten berichtet wird. Da gibt es im Zweifel nur eins, man muss die Unternehmen mit seinem Angebot überraschen. Das kann durch ungewöhnliche Arbeitsmodellangebote oder auch fachliche Angebote geschehen. Weiterhin muss man sichtbar werden und bleiben. Dabei können Berufsforen, eigene Internetseiten und Seiten wie XING, Linkedin und sogar die Gesucheseite der BAA helfen. Einfach Stellengesuche veröffentlichen auf den Job-Seiten. Aber das kommt immer auf einen selbst an.
    Und man muss sich einfach sagen, dass denen durch die Ablehnung etwas entgeht und ein anderer jetzt die Möglichkeit bekommt, einen einzustellen.
    Ich sehe jedenfalls keine Absage als mein Versagen, sonderen als deren Verlust an. Ich habe auch schon öfters gesehen, dass Stellenanzeigen, bei denen ich eine Absage bekommen habe, nach ein paar Monaten wieder veröffentlicht wurden.
    Da kann ich dann nur noch drüber lächeln und mir sagen, da hat wieder einer versucht, den Preis zu drücken und ist damit auf die Nase gefallen. Recht so!

    1. Hallo Herr Ende,
      danke fürs Teilen Ihrer Erfahrungen zu den Luxusproblemen und klasse, dass Sie es heraus geschafft haben.
      Teil 2 Ihres Kommentars betrifft eher das Thema Neuorientierung/Bewerbung bzw. Quereinstieg. Ich erlebe es auch oft, dass Arbeitgeber vorgeben, offen für Quereinsteiger, Generalisten etc. zu sein, doch dann im Bewerbungsprozess doch lieber den Experten oder langjährigen Branchen-Kenner bevorzugen. Ich denke aber, es ist ein Prozess im Gange und es wird sich in den nächsten Jahren einiges tun.
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

      1. Hallo Herr Slaghuis,

        erst mal, ich finde es gut, dass Sie sich auch die Zeit nehmen individuell zu antworten.

        Mein zweiter Teil holt sicherlich etwas aus, ist aber eigentlich auf Ihr Beispiel des Herrn „Michael“ abgestellt. Da ich auch in der Altersklasse unterwegs bin, kann ich das schon aus eigener Erfahrung nachvollziehen.
        Das tolle Argument, dass man da dann immer zu hören bekommt ist:“Man müsse sich schon von liebgewonnenen Besitzständen trennen.“ Soll schlicht bedeuten, dass man mit 35 Jahren Berufserfahrung für das Gehalt eines Einsteigers arbeiten soll. Aber das Thema ist ein anderes.
        Also, mein Tipp an alle, die als zu alt angesehen werden, ist: Durchhalten.
        Stellen sie dar, was sie in der Zukunft erreichen wollen und das bieten sie dann an.

        Gruß
        Jürgen Ende

  3. Was hier beschrieben ist kenn ich nur zu gut. Nur was macht man, wenn man einfach keine Lösung findet?

    Ein kurzer Abriss vorab – Ich bin Ende 30, sehr aufgeweckt, kreativ, kommunikativ, weder dumm noch faul und aus heutiger Sicht finde ich mein Berufsleben komplett schief gelaufen.
    Warum? Ich wusste immer, dass ich etwas im kreativen Bereich machen möchte, Unterstützung der Eltern gabs dafür leider nie (mit 18 war ich leider nicht so selbstbewusst wie manche heute). Sattdessen kam das Schlimmste – eine Ausbildung in einer Versicherung (Gesundheitswesen) mit Mobbing = Alptraum. Danach war ich erst recht verunsichert und dachte, ich müsste wenigstens etwas Berufserfahrung darin sammeln um nicht ganz blöd dazustehen. Beworben, gesucht, Umzug in eine größere Stadt.
    Dort Arbeitstage, nach denen ich mit Ohrenpfeifen und Gleichgewichtsstörungen aus der Arbeit kam. 72 Stunden Tage hätten für die Arbeit nicht gereicht aber noch schlimmer waren die Beleidigungen und Pöbeleien der Kunden am Telefon. Es war wie ein Strudel, der mich immer weiter nach unten zog und ich schaffte es nicht, mich selber da rauszuziehen. Nachvollziehen konnte es auch keiner. Ich wurde depressiv, konnte teils nichts mehr essen, kotzte vor der Arbeit und wollte nach acht Jahren nur noch vor die U-Bahn springen. Eine sehr unfaiere Behandlung meiner Chefin war dann aber genug und ich kündigte in der naiven Annahme, in einer anderen Versicherung könnte es besser sein – nein.

    In diesen Jahren überlegte ich immer wieder, wie ich in einen anderen beruflichen Bereich kommen könnte, machte Praktikas in verschiedenen Berufsbildern und schenkte mir selbst ein 3 Tage Berufscoaching zu Weihnachten. Das war sehr gut und irgendwie waren mir die Ergebnisse mehr oder weniger vorab klar aber nochmal vor Augen war das anders. Aber auch hier die Frage -was, wenn das alles Tätigkeiten sind, die brotlose Kunst oder sehr schwer zu entern sind? In eine Versicherung wollte ich nie wieder, das Thema Design oder Genussmittel war immer noch nicht greifbar aber zumindest aus der Versicherungszeit konnte ich etwas mitnehmen – ich hatte viel mit Burnout Opfern usw. zu tun – die Geschichten waren oft die gleichen und ich dachte mir, warum machen Unternehmen immer die selben Fehler, man hätte es so einfach vermeiden können.
    Betriebliches Gesundheitsmanagement oder Employer Branding fand ich sehr interessant. Nur Stellen dafür waren auch nie ausgeschrieben, das wird dann eher an bestehende Stellen rangehängt. Also versuchte ich, in den Personalbereich zu kommen. Das gelang mir mit Anfang 30, wenn auch nicht in einem Unternehmen wie ich es mir vorgestellt hatte sondern in sowas ähnlichem wie öffentlicher Dienst. Allerdings merkte ich schnell, hier lebt man in einer anderen Dimension, der Laden funktioniert ungefähr wie ein Amt im deutschen Kaisserreich. Ich fands grausig aber blieb, ging über drei Jahre auf die Abendschule und qualifizierte/ mich im Personalbereich mehrfach. Am Ende war ich 37 und hatte die Hoffnung, ich würde in ein richtiges Unternehmen kommen.

    Die Realität ist aber – man konkuriert ohne Studium mit 25jährigen FH Absolventen und kommt aus einer nicht-Firma-Struktur und in Vorstellungsgesprächen sitzen oft 25jährige Personalreferenten die viel klugscheißen aber sonst auch wenig Ahnung haben. Sorry, muss ich wirklich so sagen. Lebens- oder Berufserfahrung zählen heute nicht mehr viel. Ich fragte auch Recruiter aus dem Bekanntebereich nach Ihrer Meinung und die war überwiegend gut aber die sagten mir auch, mit einer Bewerbung ist es wie mit einem Aufsatz je nachdem welcher Lehrer es liest kommt die Note 1-6.Teils wurde mir am Telefon auch indirekt gesagt ich sei einfach schon zu alt oder man stellt sich ein Monatsbrutto vor das in einer teueren Großstdt lächerlich ist. Nach zwei Jahren gezielter Bewerbung, da bin ich inzwischen Profi, (nicht blind und 100fach), Kontakt- und Netzwerkversuchen auf verschiedenen Kanälen war die Luft raus.

    Und nun? Bin ich in einer sehr teueren Stadt, habe einen Job, in dem ich ziemlich gut verdiene, einen Chef mit Suchtproblemen der inkompetent ist, jeden nur kleinhalten will und alles an sich reißt, eine Geschäftsleitung und einen Betriebsrat der wegschaut, ein überwiegend übles Betriebsklima und ein Haufen hirntote Zombies um mich rum, weil ca. 60% der Leute da nix zu tun haben. Ach mir sagen Eltern, Freunde immer wieder, stell dich nicht so an, sei froh, leicht verdientes Geld und ich weiß auch, dass andere beruflich viel größere Probleme haben als ich.
    Nur machts das für mich besser? Jeden Tag unterfordert zu sein, kaum Kontakt zu Menschen zu haben und zu denken, das Hirn zersetzt sich langsam kann keine Lösung bis zur Rente sein. Allerdings hab ich inzwischen auch große Angst, in der normalen Arbeitswelt die Ansprüche nicht mehr zu erfüllen bzw. zu blöd zu sein, denn man verliert ja auch sein Fachwissen.Und in dem Alter in der Probezeit zu fliegen ist alles andere als einfach. Ich komme zu dem Schluss, für die meisten guten Jobs braucht man Glück oder Beziehungen, denn ein Großteil der Stellen wird doch unter der Hand schon vorab vergeben.

    Zwar versuche ich, nebenei eine kreative Idee umzusetzen, auf die ich gestoßen bin . Das ist auch viel Arbeit und komplex und noch nie habe ich etwas so gern gemacht und mir sind dabei auch ganz andere Stärken von mir bewusst geworden. Ob sich daraus ein Beruf machen lässt, von dem man leben kann, weiß ich nicht nur leider überwiegt der aktuelle Job nach wie vor mein Leben/Befinden. Was also tun? Was macht man, wenn man weiß wo man hin will aber einfach nicht den Zugang findet?

    1. Hallo Herr Suche ;)
      Vielen Dank für das Teilen Ihrer Erfahrung und der Fragen, die Sie sich stellen. Eine individuelle Beratung kann ich hier im Blog nicht leisten. Wenn Sie möchten, schreiben Sie mir gerne eine Mail und wir besprechen die Möglichkeiten.
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

      1. Lieber Herr Slaghuis, eine individuelle Beratung habe ich nicht erwartet. Ich wollte in dem Blog einfach auch meine Erfahrung beschreiben und womöglich hat ja der eine oder andere Leser auch einen Kommentar dazu übrig.
        Ich denke Beratung hin oder her, letztlich muss man doch selber eine Lösung finden oder Entscheidung treffen. Das kann einem auch keiner abnehmen, dafür sind bei jedem Menschen die Umstände viel zu verschieden. Nur hat man heute im Vergleich zu früher m. E. den Luxus, dass man mehr über seine Probleme nachdenken kann.

  4. Hallo.
    Ich bin auch durch Google zu dieser Seite gekommen und habe zuerst den Artikel aus 2015 gelesen. Leider kann auch ich mich in dem Artikel und in den Kommentaren wiederfinden.
    Nur bezieht sich mein Problem nicht nur auf die Langeweile im Job.

    Eine kleine Erläuterung:
    Ich bin fast 29 Jahre alt und habe keinen klassischen Lebenslauf vorzuzeigen. Nach meinem Abitur studierte ich Lehramt. Die Uni-Zeit war schrecklich für mich, da ich niemanden dort kannte, ich viel Zeit durch Pendeln verplemperte und viel gearbeitet habe. Ich litt unter Depressionen, da ich meinen eigenen Anforderungen nicht gerecht wurde. Nachdem ich kein BAFÖG mehr bekam, ging ich Vollzeit arbeiten und studierte nur noch nebenbei. Dann lief mein Studiengang aus (neue Verordnung) und kurz gesagt, wenn ich in den neuen gewechselt hätte, hätte ich quasi von vorne studieren können.
    Ich entschied mich innerhalb von 2 Wochen die Uni zu schmeißen und suchte mir eine Umschulung. Diese machte mir zwar viel Spaß, aber ich merkte, dass ich ihn später nur schwer ausüben könnte, da es sich um einen körperlichen, schweren „Männerberuf“ handelte. Ich habe die Umschulung als Beste der Handwerkskammer absolviert und bin trotzdem unzufrieden, dass mir ein paar Prozent zu den 100% gefehlt haben. Nun arbeite ich seit 3 Monaten im Büro eines Großkonzerns. Die Bezahlung ist sehr gut, die Mitarbeiter sind nett (man kommt nie mit allen Leuten aus) und ich sollte zufrieden sein. Mir wurde der Job angeboten, nachdem ich mich dort für ein Praktikum beworben habe. Ich wurde nach fast 2 Jahren angeschrieben, da ich und meine Bewerbung wohl im Gedächtnis belieben sind. Schön und gut.
    Ich nahm den Job an, obwohl es sich um einen Bürojob handelt und ich nur durch den handwerklichen Background qualifiziert bin und Wissen habe.

    Ich weiß, ich bin noch nicht lange in dem Job und werde teils noch eingearbeitet. Aber ich langweile mich so sehr. An vielen Tagen habe ich nur 1-2 Stunden zu tun und versuche, wie die Leute in den Kommentaren, die Zeit zu überbrücken.

    Ich befinde mich im Zwiespalt. Einerseits denke ich mir: Ich bin noch nicht lange hier, vielleicht bekomme ich doch noch mehr Arbeit oder es sind nur ruhige Monate. Andererseits denke ich mir, ich bin zu unterfordert und (auch wenn es nicht gut klingt) zu intelligent, um hier zu sitzen und Briefe und Rechnungen zu schreiben.
    Ich habe schon selbst unterrichtet und es war stressig und viel zu tun. Aber ich habe das Gefühl, ich brauche diese Forderung. Aber ich traue mich nicht, wieder zur Uni zu gehen. Ich habe Angst zu versagen und weiß nicht, wie ich es finanzieren soll. Zudem bin ich fast 30 Jahre alt…. Und habe, in meinen Augen, nichts erreicht. Den Job traue ich mich auch nicht zu schmeißen. Alle sagen mir, wie gut ich es habe.: wenig Arbeit, „viel“ Geld, einen unbefristeten Vertrag.

    Aber ich will mehr.

    Manchmal kann ich nicht mehr rational entscheiden, was richtig und was falsch ist.

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