Karriere-Coaching Mann Blickt Auf Private Themen

Karriere ist Privatsache! Warum Karriere-Coaching mehr ist als die Job-Reparatur.

Wie intim darf ein Business-Coaching sein und haben private Themen überhaupt Raum im Karriere-Kontext? Eine interessante Frage, die Nico Rose mit seinem Beitrag bei Lead Digital letzte Woche thematisiert und Svenja Hofert gleich darauf in ihrer Replik aufgegriffen hat. Ich bespreche dieses Thema und meine Haltung als Coach mit jedem Klienten im Vorgespräch und vor allem auch mit Auftraggebern aus Unternehmen, deren Führungskräfte zu mir kommen sollen. Denn ich halte es für absolut wichtig, dass auch im Business-Coaching Platz für jedes Thema ist, wenn es in einer bestimmten Situation für mein Gegenüber und damit vielleicht auch für die Lösung des Anliegens von Bedeutung erscheint. Dies sind meine Gedanken, warum ich eine bewusste Trennung von Privat und Beruf im Business- oder Karriere-Coaching ablehne:

Trennung von Berufs- und Privatleben ist nicht mehr zeitgemäß

Erinnern Sie sich noch an die aufkommende Work-Life-Balance-Diskussion damals? Rettet den Feierabend! – titelten die Karriere-Magazine. Böse Arbeit – gutes Privatleben. Eine Sichtweise, die zu Beginn der mobilen Kommunikationstechnologien aufkam und zunächst vor allem die Führungskräfte vor den rechteckigen Augen im Blackberry-Format beschützen sollte. Die räumliche und zeitliche Trennung von Privat- und Arbeitsleben begann zu verschwimmen.

Das Thema ist heute aktueller denn je, denn die Möglichkeiten, an jedem Ort der Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit zu arbeiten, sind grenzenlos. Der Wunsch nach mehr Arbeit im Homeoffice wird momentan immer lauter und spätestens dann findet Arbeit mitten im Privaten statt.

Arbeit ist längst integraler Bestandteil des Lebens. Persönliche Anliegen aus dem Business- oder Karriere-Kontext lassen sich heute kaum vom privaten oder familiären Umfeld trennscharf separieren. Jegliche Veränderung im beruflichen Bereich hat Einfluss auf den privaten Lebensbereich.

Wer hier bewusst die Augen verschließt, gelangt aus meiner Sicht im Coaching-Prozess möglicherweise nicht nur zu in der Umsetzung wenig praktikablen Lösungen, sondern läuft vor allem Gefahr, gute Möglichkeiten zu übersehen.

Frust im Job – Frust zu Hause

Fast alle Klienten, die mit einem beruflichen Thema zu mir kommen, erklären schon im Vorgespräch, dass sich der Jobfrust längst auch auf ihr Privatleben ausgebreitet hat. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, die meisten Angestellten suchen sich erst dann professionelle Hilfe, wenn der Partner mit der Trennung droht, die Kinder „abrutschen“ oder zu Hause nur noch dicke Luft herrscht. Im Job wird noch ausgehalten, doch sobald das Privatleben davon bedroht ist, wird es Zeit, den Hintern hoch zu bekommen und etwas zu unternehmen. Auch die anderen Fälle kommen vor: Die Trennung vom Partner wird als Neuanfang gesehen und dann liegt es auch nahe, mit dem neuen Gefühl der Freiheit auch den Job zu optimieren.

Ich überlasse es in den meisten Fällen den Klienten, welches Thema sie (zuerst) bearbeiten möchten. Viele starten mit dem beruflichen Thema, denn gefühlt sind sie ja deswegen bei mir, doch oft gelangen sie zu dem Bewusstsein, dass die private Schieflage im Moment viel stärker belastet und erst dort eine Klärung notwendig ist, bevor sie an die nächsten Schritte im Beruf denken können.

Ich bin nur beruflich hier, Sie sind ja Ökonom und Karriere-Coach

Ja, das höre ich auch häufig. Besonders oft von männlichen Klienten als gestandene Führungskräfte. Es geht ums Business, das bitteschön auf Vordermann gebracht werden soll. Sie suchen nach dem Coach als Sparringspartner, der sie versteht und weiß, wie es im Business läuft. Wie sie den nächsten Karriere-Schritt schaffen oder endlich die Probleme mit dem Team oder dem eigenen Chef lösen können.

Es ist immer wieder spannend zu sehen, dass ausgerechnet Klienten, denen es im Vorgespräch noch so wichtig war, dass sie „nur beruflich“ zu mir kommen, dann im geschützten Raum sehr schnell freiwillig und viel über ihre privaten Themen sprechen.

Ich bohre nicht ohne Erlaubnis im Privatleben meiner Klienten, nur weil ich eine Hypothese habe, dass es dort „Nebenkriegsschauplätze“ gibt. Wenn private Themen für die Lösung eines Anliegens wichtig sind, dann werden sie im Prozess an irgendeiner Stelle auftauchen. Mit diesem Grundvertrauen bin ich zumindest in den letzten Jahren gut gefahren.

Die von mir aktive Einbeziehung auch des privaten Umfeldes halte ich immer dann für wichtig, um mein Gegenüber gezielt andere Perspektiven einnehmen zu lassen. Eine Frage wäre zum Beispiel „Angenommen, Ihre Frau wäre jetzt hier, was sagt sie zu Ihrer Idee?“ Ich würde diese Fragen jedoch nur dann stellen, wenn die Frau meines Klienten vorher schon einmal Thema im Gespräch war. In der Regel zeigt sich im Verlauf eines Coaching-Prozesses sehr schnell, welche Menschen wichtige Bezugspersonen im privaten Umfeld sind.

Die Firma zahlt, wir dürfen nur übers Business sprechen

Es gibt Business-Coachs, die so denken und kategorisch jeglichen Abstecher in das Privatleben ihres Klienten ausschließen. Und es gibt auch von ihren Chefs ins Coaching geschickte Führungskräfte, die sich eine solche Reglung für die Zusammenarbeit wünschen. Oft steckt die Sorge dahinter, dass der zahlende Arbeitgeber oder der eigene Chef etwas über das Privatleben des Mitarbeiters erfahren könnte.

Für meine Arbeitsweise und Haltung als Coach funktioniert das nicht. Wenn ich mit HR-Verantwortlichen oder dem Auftraggeber in Unternehmen über Coachings für ihre Mitarbeiter spreche, dann ist die Klärung dieses Punktes und damit auch meiner Rolle für mich wichtig:

In meinen Coachings hat alles Platz, was im Prozess auftaucht. Und wenn es der Zwist mit dem Partner oder der Partnerin, die Probleme mit dem Töchterchen oder der Stress mit dem Nachbarn ist – das alles hat auch Auswirkungen auf das Befinden eines Menschen sowie die aktuelle Denk- und Verhaltensweise im Beruf.

Und klar ist auch, dass solche Inhalte aus dem vertraulichen Coaching-Gespräch den Raum nicht verlassen. Wenn ich mit Führungskräften arbeite, deren Coachings durch den Arbeitgeber finanziert werden, dann liegt es in ihrer Verantwortung zu entscheiden, was sie im Unternehmen über die Inhalte und Ergebnisse des Coachings preisgeben.

Ich erlebe heute jedoch kaum noch Unternehmen, die im Rahmen der Auftragsklärung ausdrücklich Wert darauf legen, private Themen auszuklammern. Würde ein Auftraggeber in den Coaching-Prozess derart eingreifen wollen, wäre ich wahrscheinlich auch nicht der richtige Coach für sie.

Business-Coaching ist kein stures Mitarbeiter reparieren

Denn ein gutes Business-Coaching ist für mich weit mehr als stures Mitarbeiter reparieren, auch wenn Auftraggeber aus Unternehmen es manchmal so formulieren: „Machen Sie unseren Herrn Meier mal wieder fit!“ Die Fitness, also die Motivation, Gesundheit und Leistungsbereitschaft eines Mitarbeiters wird doch nicht nur gestärkt durch den Job selbst, sondern vor allem durch die Lebenseinstellung und das eigene Bewusstsein für den Beruf sowie durch Menschen, Aktivitäten und Zeit im Privatleben, die ebenso für neue Kraft und Energie sorgen.

Wer als Coach – und auch als Klient – die Augen im Coaching-Prozess vor den auftauchenden und womöglich für die Lösungsfindung auch relevanten privaten Themen bewusst verschließt, der läuft Gefahr, nur oberflächlich an den Symptomen zu arbeiten und vordergründige Vermeidungsstrategien anzutrainieren, damit aber in der Regel nicht zu wirklich nachhaltigen, guten Lösungen zu finden.

 

6 private Fragen, die für Ihre Karriere-Planung nützlich sind

Karriere-Coaching-Fragen

Karriere ist Privatsache! Sie bestimmen als Chef Ihres Lebens, was Karriere für Sie persönlich bedeutet und welche Ziele Sie im Leben verfolgen möchten. Diese sechs sehr persönlichen Fragen sind Teil der meisten meiner Karriere-Coachings und unterstützen Klienten dabei, zu mehr Orientierung und Klarheit für ihre nächsten beruflichen Schritte zu finden:

1. Was heißt Karriere für Sie persönlich?

Meist ist „Karriere“ auch nur eine dieser Worthülsen, mit denen wir täglich um uns werfen, ohne genau zu wissen, was drin ist, wo Karriere drauf steht. Also, was bedeutet Karriere für Sie persönlich und Ihr Leben? Nicht man macht Karriere, sondern Sie. Für die meisten der Teilnehmer an meiner Studie bedeutet Karriere Selbstverwirklichung. Und damit wird Karriere sehr privat. Karriereplanung sollte immer zu Ihrer Lebensplanung passen.

2. Was möchten Sie im Leben noch erreichen?

Menschen, die mir vor einer halben Stunde noch erklärt haben, es gehe in unserem Coaching nur um den Job, bringen bei dieser Frage folgende Ziele aufs Flipchart: Das eigene Haus am Meer, ein Instrument lernen, eine glückliche Beziehung bis ins Alter, die Kinder gut erziehen, die Welt bereisen, mehr Bücher lesen, Freundschaften pflegen, die eigene und die Gesundheit der Familie. Ach ja, und dann erinnern sie sich, warum sie eigentlich bei mir sind und ergänzen – fast etwas pflichtbewusst: Ein Job, der mich erfüllt.

Es sind an erster Stelle fast immer die privaten Ziele, die für ein glückliches Leben bedeutend sind. Für viele und vor allem für jene eine wichtige Erkenntnis für die nächsten beruflichen Schritte, bei denen in den letzten Jahren zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für Privates geblieben ist.

3. Womit und wann stehen Sie sich selbst im Weg?

Ja, diese Frage ist unbequem und manchmal geht meinem Gegenüber auch der Gedanke durch den Kopf, ob er jetzt auf der Couch des Psychologen sitzt. Tut er nicht, aber wenn es um das Erreichen von Zielen geht, halte ich den Blick auf die Blockaden und Stolpersteine auf dem Weg zum Ziel für wichtig. Denn nur dann kann aus einem Plan und einem guten Gefühl im Coaching auch Realität im Alltag werden.

Es geht hierbei um Ängste, Sorgen, persönliche Ticks, Bedenken oder eingeschliffene Glaubensmuster. Es geht um das Bewusstsein, was genau es ist, was jemanden auf seinem Weg hin zu definierten Zielen an der kurzen Leine hält und was dies für die nächsten Schritte bedeutet. Hier wird es im Karriere-Coaching sehr privat. Denn viele dieser Themen stammen aus der Kindheit, der Erziehung oder den Denkmustern und Weltbildern des eigenen privaten Umfeldes.

4. Wofür schätzt Sie Ihr privates Umfeld besonders?

Insbesondere bei Anliegen zur beruflichen (Neu-)Orientierung fällt es vielen Menschen schwer, die eigenen Stärken zu erkennen und auch anzuerkennen. „Ich kann doch nichts! Ich bin nichts wert! Was habe ich denn schon geschafft im Leben?“ An dieser Stelle nicht nur die Sichtweise des Chefs oder der Kollegen mit einzubeziehen, sondern auch das private Umfeld „abzuklopfen“ führt meist zu Stärken, Talenten und Fähigkeiten, die längst in Vergessenheit geraten sind.

5. Wie ticken Sie eigentlich so persönlich?

Wenn Sie meine Beiträge regelmäßig verfolgen, dann wissen Sie, dass ich es wichtig finde, etwa im Bewerbungsschreiben auch etwas über die eigene Persönlichkeit zu schreiben. Wie soll der künftige Chef sonst beurteilen, ob ein neuer Mitarbeiter zu ihm, ins Team und zur Unternehmenskultur passt? Und auch für Führungskräfte halte ich das Bewusstsein über die eigene Persönlichkeit für wichtig, um eine gute und gesunde Grundhaltung als Führungskraft einzunehmen. Wenn ich Sie jetzt fragen würde, was genau Ihre Persönlichkeit ausmacht, was antworten Sie mir? – Sie bemerken an dieser Stelle vielleicht, dass die Antwort gar nicht so einfach und auch sehr persönlich ist.

6. Wer ist von diesem Karriere-Schritt betroffen?

Berufliche Entscheidungen werden selten im luftleeren Raum getroffen. Es muss gar nicht der Umzug für den neuen Job in eine andere Stadt sein, auch 2 Stunden täglich mehr auf der Autobahn können für das Familienleben große Veränderungen bedeuten. Sobald es im Business- oder Karriere-Coaching um konkrete Schritte zur Erreichung eines gewünschten Zustands geht, finde ich es wichtig, die verschiedenen Systeme (Familie, Kollegen, Freunde etc.) einzubeziehen, die von den Entscheidungen meines Klienten betroffen sind, und auf dieser Basis die Schritte zu hinterfragen.

Ich stochere dabei nicht im privaten Umfeld, sondern nutze auch hier die Informationen, die ich bereits über das Umfeld erhalten habe oder stelle zunächst die Frage so allgemein, wie sie oben steht.

Fazit – Wie privat darf Karriere-Coaching sein?

Für mich gilt: So privat wie nötig und sinnvoll für einen lösungsorientierten Coaching-Prozess. Diese Grundhaltung steht für mich für eine wertschätzende und absichtslose Einstellung gegenüber meinen Klienten. Inhalte von vornherein nicht zuzulassen, weil nur ich der Meinung bin, dass sie für den Lösungsprozess keine Rolle spielen oder dem Klienten (oder sogar auch mir) nicht guttun, halte ich im Coaching für falsch. Denn das Bild in meinem Kopf entspricht nicht zwingend dem, was für mein Gegenüber am besten ist.

 

Wie halten Sie es als Business-Coach in Ihrer Arbeit? Welche Erfahrungen machen Sie mit Unternehmen als Auftraggebern und wo ziehen Sie für sich selbst die Grenze zwischen Business-Coaching und Lebenshilfe? Braucht es so eine Grenze überhaupt?

Mich interessiert auch die Meinung von Lesern, die bereits Erfahrungen mit Karriere- und Business-Coaching gemacht haben oder darüber nachdenken, es in Anspruch zu nehmen. Wie stehen Sie zu privaten Themen im Kontext beruflicher Coaching-Anliegen? Ich freue mich über Ihre Meinungen unten als Kommentar.

 

Hier finden Sie die Beiträge von Svenja Hofert und Dr. Nico Rose. Wer noch zum Thema schreiben möchte und mich darüber informiert, dessen Beitrag nehme ich gerne hier als Link mit auf.

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

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