Jobwechsel 50plus: Bewerbungs-Tipps für alte Hasen.

Mit über 50 den Job zu wechseln, das ist heute kein Vergnügen! Das höre ich zumindest überall. Viele Angestellte 50+ sind fest der Meinung, dass sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben und als alte Hasen auf der Reservebank landen. Einige Fachleute warnen sogar davor, in diesem Alter noch einmal den Job zu wechseln, wenn es nicht unbedingt sein muss. Doch manchmal ist ein Wechsel erforderlich, denn es sind noch ein paar Jahre bis zur Rente. Entweder, weil die Kündigung auf dem Tisch liegt oder weil die Tätigkeit oder das Umfeld nicht mehr passen. Der Job-Frust ist in der Lebensmitte häufig am größten, das zeigen die Ergebnisse meiner aktuellen Karriere-Studie sehr deutlich. Ich behaupte nicht, dass der Jobwechsel 50plus ein Kinderspiel ist. Doch wer mit der richtigen Haltung und einer altersgerechten Bewerbungsstrategie vorgeht und gezielt bei solchen Arbeitgebern anklopft, die nicht dem Jugendwahn verfallen sind, sondern die Berufserfahrung alter Hasen im Geschäft schätzen, der hat heute durchaus gute Karten.

Die wichtigste Voraussetzung: Sie stehen sich nicht selbst im Weg. Vergessen Sie für die nächsten 5 Minuten beim Lesen doch einmal, dass Sie eh keine Chance mehr haben, nichts wert sind und Sie wirklich niemals mehr irgendjemand nehmen wird. Ich frage Sie stattdessen:

Wissen Sie eigentlich, wie toll Sie sind ..?

Ihre Erfolge im Beruf und im Leben

Ist Ihnen eigentlich bewusst, was Sie als alter Hase im Geschäft schon alles geschafft haben? Die schnelle Einarbeitung in einen neuen Job. Das Einstellen auf neue Chefs. Vielleicht auch der Wechsel in eine ganz andere Branche. Welche Herausforderungen haben Sie gut gemeistert? Projekte, bei denen Sie beteiligt waren. Vorschläge, die Sie gemacht haben und von denen Ihr Arbeitgeber profitiert hat. Erfolgreiche Kundenabschlüsse oder andere Ziele, die Sie erreicht haben. Das Überwinden von Krisen, Insolvenzen oder die erfolgreiche Abwehr drohender Gefahren. Was haben Sie für sich selbst alles erreicht im Leben? Worauf sind Sie stolz, wenn Sie auf Ihr Berufsleben und auch Ihr privates Leben zurückschauen? Die Erziehung der Kinder. Umzüge in eine andere Stadt. Der Hausbau. Der Umgang mit dem Verlust lieber Menschen. Die Überwindung von Krankheiten. Der Aufbau und die Pflege von wichtigen Freundschaften, und und und.

Viele vor allem ältere Bewerber sind ein Meister darin, ihre Erfolge zu vergessen oder ihre Leistungen klein zu reden. Was ist das schon, das ist doch normal! sagen sie mir häufig. Natürlich, denn alles das, was wir gut können und uns leicht fällt, das halten wir aus der eigenen Perspektive für nichts Besonderes. Wenn wir Dinge mehrfach getan haben oder sie sogar zur Routine geworden sind, dann werden sie Normalität. Doch das bedeutet nicht, dass es auch für andere Normalität ist. Gehen Sie in Gedanken Ihren ganzen Lebenslauf durch und erinnern Sie sich an Ihre Erfolge und guten Zeiten. Was sollte Ihr neuer Arbeitgeber hiervon wissen?

Ihr wertvollster Schatz: Erfahrungswissen eines alten Hasen

Neben den Erfolgen, auf die Sie in Ihrem Berufsleben zurückblicken, ist Ihr Erfahrungsschatz das wertvollste Gut im Vergleich zu jungen Berufseinsteigern. Sie wissen, wie der Hase läuft. Sie sind Experte in einem Gebiet oder haben Führungserfahrung gesammelt. Sie wissen, wie Sie sich schnell neues Fachwissen aneignen und erfolgreich im Beruf anwenden. Sie kennen die typischen Arbeitsabläufe in Unternehmen einschließlich ihrer Stolperfallen. Denn über einige von ihnen sind Sie ganz sicher auch schon gestolpert und irgendwie danach immer wieder aufgestanden. Sie haben Fehler gemacht und daraus gelernt. Mit Ihrem Erfahrungswissen können Sie sich heute in vielen Situationen auf Ihr gutes Bauchgefühl und Ihre Intuition verlassen. Sie haben Tausende von großen oder kleinen Entscheidungen getroffen und ich frage Sie, wieviele von ihnen Sie heute wirklich bereuen.

Das Erfahrungswissen teilt bei älteren Bewerbern oftmals das gleiche Schicksal wie die Erfolge: Vergessen, verdrängt, nicht bewusst oder nichts wert! Schreiben Sie alles auf, was Ihnen in den Sinn kommt. Danach bewerten Sie, was für den nächsten Job und Ihre angestrebte Zielposition besonders relevant ist – und ab damit ins Anschreiben!

Ihre Routine in schwierigen Situationen

Ihr Wissen und der Schatz an Erfahrungen lassen Sie heute in vielen Situationen gelassen bleiben. Was früher große Herausforderungen waren, machen Sie heute mit Links. Schwierige Situationen, vor denen Sie vor Jahren noch größten Respekt hatten, meistern Sie heute routiniert. Was gleichzeitig vielleicht für Sie ein wenig nach Langeweile und Normalität klingt, ist ein extrem wichtiger Pluspunkt für Ihre Bewerbungsstrategie.

In welchen Situationen im Beruf sind Sie im Vergleich zu jungen Bewerbern klar im Vorteil? Versuchen Sie, gezielt solche Positionen in Ihrem Berufsfeld ausfindig zu machen, in denen genau diese Erfahrungen besonders gefragt sind. Ein Beispiel: In einer jungen, dynamischen Werbeagentur wird Ihre 20-jährige Erfahrung und Souveränität im Umgang mit Journalisten bei der Krisenkommunikation keine Begeisterung wecken. Bei Volkswagen hätten Sie in diesen Monaten vielleicht bessere Chancen. Sie verstehen, was ich meine?

Ihre Augenhöhe mit Vorgesetzten

So wie viele Unternehmen junge Mitarbeiter suchen, weil sie sie formen, ihnen bedingungslos alles aufbrummen und passend zur Unternehmenskultur entwickeln können, so können Sie den Spieß umdrehen. Sie kommunizieren mit Vorgesetzten gleichen Alters auf Augenhöhe. Sie geben Feedback, wo es wichtig ist und schlucken nicht alles, was Ihr Chef oder die Kollegen für richtig halten. Viele Chefs gerade im mittleren und oberen Management wünschen sich Mitarbeiter als echte Sparringspartner. Keine Blender und Möchtegern-Gefaller, die nur ihre Karriere im Blick haben, sondern Menschen mit Lebenserfahrung, die mit beiden Füßen auf dem Boden stehen.

Ihr Bewusstsein, was Sie (nicht) wollen

Wenn Bewerber 50+ zu mir ins Coaching kommen, dann können sie mir sehr genau sagen, was sie im nächsten Job alles nicht mehr möchten. Sie haben viel gesehen und erlebt: Verschiedene Branchen, unterschiedliche Unternehmensgrößen, jeweils andere Chef-Typen. Daraus erarbeiten wir in der Umkehrung im Coaching ein konkretes Zielbild. Hiermit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie sich bewusst für eine neue Position bei einem Arbeitgeber bewerben, die zu Ihnen und Ihren Werten und Zielen im Beruf passt.

Während viele junge Bewerber per Gießkannenprinzip ihre Bewerbungen streuen und beide Seiten erst im Vorstellungsgespräch mühsam herausfinden, ob es wirklich passt, können Sie mit Ihrer Erfahrung bewusster und gezielter vorgehen. Und genau das ist Ihr Vorteil gegenüber jungen Bewerbern und etwas, das Sie einem potenziellen Arbeitgeber auch mitteilen sollten: Sie wissen, was Sie suchen und was Sie benötigen, um motiviert und leistungsfähig zu sein. Bringen Sie Ihre Anforderungen und Ziele mit Ihrer Bewerbung klar zum Ausdruck.

Jobsuche-50plus

4 Tipps für Ihre erfolgreiche Bewerbung als alter Hase

Wenn Sie über die Arbeitgeber schimpfen, die alten Hasen keine Chance mehr geben, dann können Sie dies tun und sich als Opfer des ungerechten Arbeitsmarktes in Ihren Hasenbau zurückziehen. Wenn Sie Ihre Chancen jedoch ergreifen möchten, dann benötigen Sie hierfür eine besondere Bewerbungsstrategie. Ihre Alte-Hasen-Bewerbung sollte sich deutlich von der eines jungen Bewerbers unterscheiden – und zwar nicht nur durch einen längeren Absatz ‚Berufserfahrung‘ im Anschreiben:

1. Brainstormen Sie: Was können Sie besser als junge Hüpfer?

Schaffen Sie für sich das Bewusstsein, was genau Sie von jungen Bewerbern positiv abhebt. Was sind Ihre persönlichen Vorteile des Alters? Nehmen Sie sich noch einmal Ihre Notizen zu Ihrem Fach- und Erfahrungswissen zur Hand und schauen Sie auf Ihre Erfolge. Brainstormen Sie – mit sich selbst und vielleicht auch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Denn oft hat das eigene Umfeld noch einmal einen anderen Blick und sieht Stärken oder Erfolge, die Ihnen nicht bewusst sind. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen in den Sinn kommt – ohne gleich zu bewerten! Was hiervon werden Sie für Ihr Bewerbungsschreiben nutzen?

2. Machen Sie sich auch Ihre Schwächen als alter Hase bewusst.

Dass Sie als alter Hase nicht nur Vorzüge gegenüber der Jugend haben und sich auf Ihren Erfolgen ausruhen können, ist Ihnen sicher auch klar. Sie kennen wahrscheinlich nicht die letzten Kniffe in PowerPoint und auch die Analyse Ihres Kostenstellenreports direkt in SAP dürfte Ihnen zumindest anfänglich Probleme bereiten. Das mit dem Smartphone geht vielleicht gerade noch so. Google Hangout mit den Kollegen. Hä?! Ach ja, Ihre Lernkurve und Auffassungsgabe ist wohl auch nicht mehr die eines 20-Jährigen. Und der Rücken schmerzt ab und zu, wenn Sie sich zu wenig bewegen.

Gehen Sie ehrlich mit Schwächen und dem um, was Sie gegenüber einem Jungspund nicht mehr so gut können. Klären Sie für sich, was dies für Ihre gewünschte neue Position bedeutet. Oftmals sind dies bei genauer Betrachtung keine k.o.-Kriterien, wenn Sie sich nicht ausgerechnet als Trendscout für Skateboards bewerben. Ich finde es auch nicht verwerflich, als alter Hase zu bestimmten Schwächen im Vorstellungsgespräch zu stehen. Vielleicht gibt es ja auch etwas, in das Sie sich neu hineinfuchsen möchten?

3. Halten Sie Ausschau nach Arbeitgebern, die alte Hasen noch zu schätzen wissen.

Dies ist aus meiner Erfahrung mit Bewerbern 50plus der wichtigste Teil einer guten Bewerbungsstrategie – und sicherlich auch die schwierigste Aufgabe. Denn wie bekommen Sie heraus, ob im Unternehmen der Jugendwahn herrscht und Angestellte ab Mitte 40 aufs Abstellgleis versetzt werden? Das schreibt kein Arbeitgeber auf seine Karriereseiten. Hier sind Ihr Bauchgefühl, detektivische Kreativität und Ihre Erfahrung gefragt.

Recherchieren Sie zu Stellenanzeigen die zugehörigen Chefs oder die späteren Kollegen, die dort in der Abteilung arbeiten. Oft bekommen Sie dies entweder über die Webseiten der Unternehmen heraus oder Sie suchen bei XING und LinkedIn nach Positionen im Unternehmen.

Recherchieren Sie alles über einen potenziellen Arbeitgeber, was Sie finden können. Pressemitteilungen, die wichtigsten Manager und Führungskräfte, mit denen Sie zu tun haben werden. Schauen Sie auf Bewertungsportalen wie etwa kunu, Glassdoor, jobvoting oder companize nach Arbeitgeberbewertungen mit Fokus auf Altersthemen.

Manchmal lassen auch die Branche, die Zielgruppen und Kunden eines Unternehmens einen Schluss zu. Ich war neulich hier in Köln in einem großen Geschäft für Hörgeräte-Akkustik – also rein beruflich ;-) Der Altersdurchschnitt der Kundenberater lag deutlich über 50. Ja, Sie schmunzeln jetzt vielleicht, aber genau so bekommt Ihr Projekt ‚Jobwechsel 50plus‘ System.

4. Überzeugen Sie mit Ihrer Attraktivität als alter Hase.

Warum vertuschen, was auf den ersten Blick in Ihren Lebenslauf offensichtlich wird? Stehen Sie zu Ihrem Alter und ich lege noch einen drauf: Lenken Sie den Blick des Lesers Ihrer Bewerbung ganz gezielt auf Ihr Alter. Wer nur einen jungen Hüpfer sucht, da sind Sie eh sofort aus dem Rennen.

Wer dem Alter eines neuen Mitarbeiters jedoch offen gegenüber steht, dem sollten Sie die Vorteile Ihrer Berufserfahrung klar und deutlich auf einem Silbertablett präsentieren. Da Sie wahrscheinlich um einiges teurer als ein Hochschulabsolvent oder fertiger Auszubildender sind, muss mit Ihrer Bewerbung auf Anhieb klar werden: Ihr Alter und Ihre Erfahrung als alter Hase im Geschäft sind für den neuen Arbeitgeber und die jeweilige Position besonders wertvoll.

Doch hierfür müssen Sie selbst zunächst (an-)erkennen, wie toll Sie sind und welchen Wert Sie auch als alter Hase noch haben. Vielleicht gelingt Ihnen dies ja jetzt ein wenig besser.

Wenn Sie auch zu den erfahrenen alten Hasen gehören und gerade Ideen im Kopf haben, was Sie gegenüber jungen Bewerbern auszeichnet, dann schreiben Sie sie gerne in die Kommentare und bringen damit auch andere Jobwechsler 50plus auf gute Ideen. Welche Erfahrungen haben Sie als Jobwechsler und Bewerber 50+ gemacht?

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 9 Kommentare

  1. Ute

    Lieber Bernd,

    stellvertretend für alle Jobsuchenden sage ich einfach mal danke für diesen beherzten Artikel!

    Ich kann nur hinzufügen,dass es auch noch die Möglichkeit der Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit gibt. Es ist auch mit 50+ noch möglich, sich beruflich selbst zu verwirklichen. Mit soviel Erfahrung und mit dem Wissen um die eigenen Talente kann dies besser gelingen als so manchem Gen-Y-Starter, der sich selbst erst wesentlich kürzer beobachten und reflektieren konnte…

    Außerdem möchte ich, weil es gerade passt, darauf zu sprechen kommen, dass Erfahrung eben nicht nur aus Fachwissen besteht, sondern vielmehr ein Cocktail aus Lebenserfahrung und dem Bewusstsein um die eigenen Talente ist. Mir fällt es sehr häufig auf, dass viele Stellenanzeigen so formuliert sind, dass eigentlich nur alles „prüfbare“ und „belegbare“ gefordert wird. Ich meine hier z.B. Seminare und Fortbildungen für das Fachwissen oder Vereinszugehörigkeiten und Ehrenamt für das Engagement.

    Was ist hier mit den Menschen, die sich im Rahmen der Digitalisierung viele Talente angeeignet haben, die nicht belegbar sind? Oder z.B. In der Familie, bei Freunden oder in der Nachbarschaftshilfe stark aktiv sind und sozial Gutes tun? Die fallen alle irgendwie durchs Raster, weil es keine Scannertauglichkeit hat und somit schwieriger ist, „auszuwerten“.

    All diese Themen kommen, meines Erachtens, viel zu kurz bei den Recruiting-Prozessen und finden gar keine Berücksichtigung. Alles muss messbar, belegbar, prüfbar sein. Brauchen Sie ein Zertifikat, um Kinder in diese Welt setzen zu dürfen oder um einen Lebenspartner|in zu finden? Würden wir uns tatsächlich füreinander interessieren und ginge es tatsächlich auch um einen weiteren passenden Mitarbeiter für die Unternehmensfamilie, dann müssten wir die Anforderungen doch endlich einmal „anders“ formuliert bekommen als das übliche Einerlei…

    Ich habe mich bewusst aus dem Bewerbungs-Szenario herausgezogen und bin selbstständig als Freiberuflerin. So begegnen mir kollaborationsbereite Auftraggeber auf Augenhöhe und interessieren sich vielmehr für das was ich mit Ihnen gemeinsam oder für Sie tun werde als für das, was ich bislang gemacht habe…

    Ich hoffe ich konnte das einigermaßen erklären ;-)

    Weiterhin gutes Gelingen für Deinen Blog, lieber Bernd! Ich lese deine Zeilen sehr gerne!

    Ute

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Liebe Ute,
      danke für Deine Ergänzungen. Teile ich alles. Daher habe ich im Beitrag auch das Erfahrungswissen so stark in den Fokus gerückt. Denn viele 50plus-Bewerber machen natürlich auch mit beim Zertifikate-Marathon, dabei glänzen sie doch viel mehr mit ihren Erfahrungen. Was sagt denn ein Abi-Zeugnis von vor 25 Jahren noch aus?!
      Ein guter Hinweis zur Selbständigkeit, den ich auch im Kopf hatte, aber am Ende war der Text eh wieder so lang ;-) Das ist natürlich eine ernst zu nehmende Option für Angestellte 50+, zumal in diesem Alter auch oft das Thema Sicherheit an Relevanz verliert (Kinder groß, Haus abbezahlt), was häufig das Gegenargument für diesen Schritt ist.
      Den Appell an HR für mehr Mensch mit (Lebens-)Erfahrungen statt scannbare Maschine mit Zertifikaten vertrete ich in vielen anderen Beiträgen hier im Blog, und ich habe das Gefühl, da ist auf HR-/Unternehmens-Seite auch schon etwas positiv in Bewegung.
      Danke Dir für die lieben Wünsche und ich freue mich immer über Deine Perspektive.
      LG, Bernd

  2. Florian Schrupp

    Lieber Herr Slaghuis,

    Danke für den ansprechenden Artiekl und ja, auch Menschen 50+ haben durchaus die Chance, sich beruflich zu verändern. Das kann ich aus der Praxis meiner Tätigkeit als Personalvermittler bestätigen. Beispiel gefällig für alle, die es nicht glauben? Gerne!

    Letzte Woche Donnerstag war Frau B. bei mir im Gespräch. Frau B. ist Mitte 50 und seit 20 Jahren als Assistentin der Geschäftsführung einer Unternehmensberatung tätig. Vor zwei Jahren wurde das Unternehmen von einem großen Player im Business aufgekauft und seitdem stark umstrukturiert. Das führte letztendlich dazu, dass man Frau B. nahelegte, ihren Job zu kündigen und sich anderweitig umzusehen. Das Vertragsverhältnis endet nun im Januar, Frau B. ist bereits freigestellt und aktiv in der Bewerbungsphase.

    Das erste, was mir positiv auffiel, war die einwandfreie Bewerbung. Der Lebenslauf und die Unterlagen von Frau B. waren ordentlich und strukturiert. Sie waren auch nicht überfrachtet, wie viele Bewerbungen von Menschen über 50. Es ist in dieser Lebensphase nicht mehr wichtig, dass das Abiturzeugnis oder das Ausbildungszeugnis noch mitgeschickt werden. Die unendliche Anzahl an Fortbildungsnachweisen über die Jahre brauchen auch nicht mitgeschickt werden. Ja, wenn eine Weiterbildung wirklich optimal auf die Stelle passt, kann sie ruhig angefügt werden. Grundsätzlich gilt aber, dass die Ordnung und Übersichtlichkeit an erster Stelle steht. Sollte einem Arbeitgeber ein bestimmtes Dokument wichtig sein, dann kann es auch nachgereicht werden.

    Ich las also „nur“ die letzten drei Zeugnisse von Frau B. und Lebenslauf. Die Zeugnisse waren allesamt ausgezeichnet und mit dem Wissen, dass sich hier niemand mit einer dreimonatigen Kündigungsfrist beworben hat, denn Frau B. würde ja ab Februar verfügbar sein, griff ich zum Hörer und wählte die angegebene Handynummer (ja, auch ältere Menschen nutzen Handys und können damit sogar sehr gut umgehen!). Am Telefon erläuterte mit Frau B. die Situation, erzählte mir, warum sie jetzt auf der Jobsuche ist und was ihre Vorstellungen seien:

    „Gerne wieder Unternehmensberatung. Eine Anwaltskanzlei würde mich auch reizen. Als Partnerassistentin. […] Ja, das ist eine andere Branche, aber Phonodiktate auf Deutsch und auf Englisch kann ich schreiben. Und ob ich für den Consultant oder für den Anwalt Termine organisiere und verwalte, ist doch Jacke wie Hose.“ Da hat sie recht! Die Einladung zum Vorstellungsgespräch ging raus.

    Und so saß Frau B. letzte Woche Donnerstag bei mir im Gespräch. Zugegeben, auf dem Profilbild sah sie noch etwas jünger aus, aber wenn zwischen dem Ist-Zustand und Alter des Profilbildes nicht Jahrzehnte liegen, kann ich das durchgehen lassen. Was mich überrascht hat, war die Klarheit von Frau B. und die realistische Einschätzung ihrer Chancen:

    „Zuletzt habe ich 83TEUR brutto p.a. verdient. Mir ist klar, dass ich nicht sofort wieder dort hinkomme. Aber mit 50TEUR wäre ich für den Einstieg zufrieden. Hauptsache, ich werde nicht arbeitslos.“

    Viele ältere Bewerber bringen zu hohe Gehaltsvorstellungen mit. Ich gönne ihnen wirklich jeden Cent und ja, sie haben sich nach vielen Berufsjahren und einem großen Erfahrungsschatz auch ein gutes Gehalt verdient, aber man muss realistisch bleiben. Wer die Branche wechselt, von einem Konzern zu einem Mittelständler geht oder grundsätzlich neu anfängt, der kann nicht zwingend sein aktuelles Gehalt mitnehmen. Viel mehr sollte man sich eine Schmerzgrenze überlegen. Was brauche ich im Monat, um gut über die Runden zu kommen und um meine Kosten zu decken. Was sind branchenübliche Gehälter?

    Frau B. hatte das sehr realistisch eingeschätzt. Als wir über die Stelle in der Rechtsanwaltskanzlei sprachen und über ihre Gehaltsvorstellung, merkte ich, Mensch das passt! Ja, 50TEUR war die Obergrenze, aber die konnten wir erreichen im Hinblick auf den Erfahrungsschatz, den Frau B. mitbrachte. Und so schlug ich Frau B. bei unserem Kunden vor. Einen Tag später, am Freitag letzte Woche, kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Gestern hat sich Frau B. bei der Rechtsanwaltskanzlei als Partnerassistentin vorgstellt. Heute kam die Zusage, dass Frau B. am 1. Februar starten darf. Am 31. Januar läuft ihr aktueller Vertrag aus. Besser hätte es kaum laufen können.

    Mit diesem Beispiel will klarmachen, dass ältere Bewerber durchaus Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Natürlich müssen auch ein paar Faktoren mitspielen, damit es klappt:

    – Saubere Bewerbungsunterlagen sind Pflicht (Viele ältere Bewerber waren lange nicht auf Jobsuche. Informieren Sie sich, wie der aktuelle Standard aussieht.)
    – Bewerbung nicht aufblähen und nur relevante Dokumente (z.B. letzte Arbeitszeugnisse) anhängen
    – Ein aktuelles und professionelles Bewerbungsfoto gehört dazu (nicht ohne Bild bewerben und kein Bild aus dem letzten Jahrzehnt verwenden)
    – Für die Erreichbarkeit sollte ein Handy vorhanden sein
    – Klare Vorstellungen für den neuen Job definieren
    – Gehaltsvorstellungen realistisch anpassen (lieber mit weniger starten, als längere Zeit arbeitslos sein und es noch schwerer haben, einen Job zu finden)
    – Mutig sein! Fragen Sie nach, was ihre Bewerbung macht. Erstellen Sie ein XING-Profil, besuchen Sie Gruppen und posten dort ihren Jobwunsch
    – Nutzen Sie Ihre Netzwerke (Frau B. kannte z.B. die Kanzlei, bei der sie jetzt anfängt. Früher arbeitete die Kanzlei mit der Unternehmensberatung zusammen. Das war sicher ein Pluspunkt beim Bewerbungsgespräch)
    – Positiv bleiben und weitermachen! Auch wenn Absagen nerven. Lernen Sie daraus für die nächste Bewerbung!

    Das angeführte Beispiel ist wirklich so passiert. Die Kanzlei, und das wusste ich, findet es gut, wenn eine Bewerberin oder ein Bewerber wenig Berufswechsel mitbringt. Bei Frau B. war das gegeben, denn sie war ja 20 Jahre bei einem Unternehmen beschäftigt. Natürlich kommt es immer auf den Kunden bzw. das Unternehmen an, ob er auch ältere Bewerber zu Gesprächen einlädt. Es stimmt, dass das nicht alle Arbeitgeber machen. Aber es machen immer noch mehr als genug, um wirklich gute Chancen am Arbeitsmarkt zu haben. Gerade jetzt, wo jeder vom Fachkräftemangel redet…

    Viele Grüße aus Düsseldorf
    Florian Schrupp

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Hallo Herr Schrupp,

      danke für dieses Beispiel aus der Praxis und die Tipps für Bewerber 50+ aus Ihrer Erfahrung als Personalvermittler.

      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

  3. Martina Frahn

    Hallo Herr Dr. Slaghuis,

    herzlichen Dank für diesen tollen Artikel, der auch meine Erfahrung auf den Punkt bringt.

    Ich kann nur bestätigen: 50+ hat so viel Mehrwert, dass man ihn super verkaufen kann.
    Genau das erarbeite ich mit meinen Kundinnen.

    Gerade habe ich einer Kundin geholfen, einen neuen Job zu finden. Und das mit Anfang 50.
    Natürlich hat auch sie zu Anfang gesagt: naja, jetzt bin ich schon Anfang 50. Da stehen meine Chancen bestimmt schlecht.
    Im gemeinsamen Prozess hat sich dann jedoch etwas anderes herausgestellt.

    Denn sie hat eben all diese Erfahrung, das Wissen und die ganzen Lernschritte, die es ihr ermöglichen, viel gelassener mit Veränderungen umzugehen.
    Wir haben dann überlegt, welche Strategie sie fährt, um Kontakte aufzubauen.
    Dabei hat ihr vor allem ihr Engagement auf XING geholfen.
    Darüber hat sie auch tatsächlich ihren neuen Arbeitgeber gefunden. Zwar nicht über den direkten Kontakt, der sie auf XING angesprochen hat, aber eben darüber, dass sie selber aktiv geworden ist und ihre Suche genau diesem Kontakt gegenüber geäußert hat.

    Die neue Funktion ist auf einer höheren Ebene, besser vergütet und in dem Ort, in den sie wollte. Das letztere ist sicherlich schon auch ein wenig Glück.
    Aber sie hat schnell Gefallen daran gefunden, ihr Wissen „an den Mann zu bringen“, als sie sich ihrer Selbst sicher wahr.

    Ich freue mich auf Ihre weiteren Artikel.

    Herzlichen Dank dafür.
    Martina Frahn

    1. Dr. Bernd Slaghuis

      Hallo Frau Frahn,
      danke Ihnen, XING ist nochmal ein guter Hinweis, das vergessen auch auch viele 50+ Bewerber. Oft haben sie schon wertvolle Kontakte aus den Jahren zuvor im Beruf aufgebaut, dass auch der gezielte (strategische) Blick durch die eigene Kontaktliste vor dem aktuellen Hintergrund der Jobsuche hilfreich ist. Und ja, in diesem Alter fällt es vielen Berufserfahrenen auch leichter, im solchen Businessnetzwerken gezielt neue Kontakte zu knüpfen, denn es gibt mehr gemeinsame Anknüpfungspunkte und Erfahrungen.
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

  4. Pingback: Fehltritte im Lebenslauf? Ihre Haltung als Bewerber entscheidet!

  5. Wolfgang Rottler

    Sehr geehrter Herr Slaghuis,
    Im September letzten Jahres wurde ich im September betriebsbedingt entlassen. Mit 57 Jahren. Ich hatte mich jedoch die vergangenen Jahre mental gut vorbereiten können, stand sozusagen hinter mir und hatte drei Monate später mehrere qualifizierte Jobangebote.
    Fast lustig war dabei ein Vorstellungsgespräch mit einer privaten Arbeitsvermittlerin, die mir rundweg das Zeug zum Projektleiter Medizintechnik absprach. Auf dem Weg nach Hause klingelte das Telefon und ich wurde von einer renomierten Firma, bei der ich mich eben um eine solche Stelle beworben hatte zum Vorstellungsgespräch eingeladen. „Leider“ hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits meinen neuen Arbeits-vertrag bereits in der Tasche. Luxusprobleme.

    Schöne Grüße
    Wolfgang Rottler

  6. anton bongni

    es geht … wenn auch manchmal etwas länger in der zeit. aber auch wir 50+ haben für unsere entwicklung zeit und geduld gebraucht.

    beste grüsse
    anton bongni

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