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Haben Sie kurz Zeit? 10 Minuten am Tag, die auch Ihr Leben verändern werden.

Ich gebe es zu, die Überschrift ist reißerisch. Und das, was hinter diesem Beitrag steckt, umso simpler. Aber extrem wirkungsvoll. Kurzum: Nehmen Sie sich jeden Tag 10 Minuten Zeit für sich selbst. Ich habe mich am 1.1.2014 selbst entschieden, meine ICH-Zeit-Routine – wie ich sie nenne –  in mein Leben zu integrieren. Wie das tägliche Zähneputzen. Diese 10 Minuten haben seitdem mein Leben verändert. Ich gehe bewusster durch den Tag und bin achtsamer, was meine eigenen Werte und Bedürfnisse betrifft. Ich handele zielorientierter, setze besser Prioritäten und bin motiverter, denn ich sehe auch die kleinen, aber wichtigen Fortschritte und Erfolge. Und jetzt,  so kurz vor dem Jahresausklang, möchte ich Ihnen von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen. Ein Beitrag außerhalb der Themen Karriere, Bewerbung oder Führung, die Sie sonst gewohnt sind. Eine Art Erfahrungsbericht nach einem Jahr ICH-Zeit. Und mein Anliegen, auch Ihnen mehr ICH-Zeit ans Herz zu legen.

Auf die Idee zu meiner eigenen ICH-Zeit kam ich Ende letzten Jahres in einem Coaching-Gespräch mit einer Klientin. So wie viele Menschen, die zu einer Sitzung zu mir kommen, sagte auch Sie am Ende, wie gut es ihr getan habe, eine ganze Stunde einmal nur über sich und ihr Leben nachzudenken. So viel Zeit habe sie sich bisher noch nie für sich genommen.

Ich dachte mir: Warum schaffen wir es eigentlich nicht, mehr auf uns selbst zu schauen? Ist es tatsächlich ein Mangel an Zeit in der Hektik des Alltags? Oder das mangelnde Bewusstsein? Vielleicht auch die fehlende Routine? Oder haben wir einfach keine Lust, uns diesen selbst-kritsichen Fragen zu stellen? Ist es nicht viel einfacher, anderen Menschen in unserem Umfeld kluge Ratschläge zu geben als sich um sich selbst zu kümmern? Wollen wir am liebsten einfach so in den Tag hineinleben? Ich vermute, es ist meistens eine Mischung aus alledem.

Meine ICH-Zeit-Routine

Bis auf wirklich ganz wenige Ausnahmen habe ich es bis heute durchgezogen, jetzt fast ein ganzes Jahr. Meine ICH-Zeit findet meist direkt nach dem Gang ins Bad und vor dem Frühstück statt. Für mich ist es gut, hierfür nicht am Schreibtisch zu sitzen, denn dann bin ich schon wieder mittendrin im Geschehen. Ich setze mich meistens an den Esszimmertisch oder wenn ich auf Reisen bin an einen ruhigen Ort möglichst ohne Ablenkung. Probieren Sie einfach aus, wo und wann am Tag Sie Ihre ICH-Zeit am besten verbringen können.

Manchmal, jedoch immer seltener schreibe ich mir Dinge auf, die mir so durch den Kopf gehen. Besonders aber solche Impulse, die nicht den heutigen Tag betreffen und es wert sind, festgehalten und an mein Whiteboard gepinnt zu werden. Für mich persönlich geht es bei meiner ICH-Zeit nicht um einen festen Tagesplan, den ich am Abend abhaken kann. Ich finde Ziele im Leben zwar wichtig, aber das Leben lässt sich nicht minutiös planen. Und ich glaube, dass uns bei der sturen Abarbeitung eines Tagesplans viele Chancen rechts und links des Weges nicht ins Bewusstsein rücken und wir vor lauter Planerfüllungsdrang blindlings daran vorbeilaufen. Das wäre sehr schade, denn das Leben bietet sehr viel ungeplantes Gutes, sofern wir den Blick und auch die Zeit hierfür haben.

Jede ICH-Zeit ist anders

Als ich mit diesem Ritual begonnen habe dachte ich noch, ich müsste meiner ICH-Zeit eine feste Struktur geben. Und ich hatte den Anspruch, am Ende mit so etwas wie Vorsätzen für den Tag dazustehen. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es darum für mich persönlich nicht geht. Vielleicht, weil ich an sich ein eher strukturierter und disziplinierter Mensch bin, meine Termine überblicke und einen solchen Tagesplan nicht benötige.

Für mich ist die ICH-Zeit inzwischen wichtig geworden, um motiviert und kraftvoll in den Tag zu starten. Und um mich immer wieder aufs Neue darauf zu fokussieren und daran zu erinnern, was mir im Leben und im Beruf wichtig ist. Ich lasse den gestrigen Tag kurz Revue passieren und schaue auf das, was gut gelaufen ist und überlege für solche Erfahrungen, die nicht so toll waren, was ich in Zukunft anders machen werde. Ich rufe mir ins Gedächtnis, welche Dinge ich heute unbedingt erledigen möchte und was ich heute auch tun kann, um in meinem Business einen Schritt weiter zu kommen. Ich überlege mir genauso, was ich mir auch mal erlauben darf.

Dies sind meine Gedanken, die mir jeden Tag weiterhelfen. Ihre persönliche ICH-Zeit kann ganz anders aussehen. Vielleicht ist es für Sie gut, sich einen konkreten Plan für den Tag zu machen. Mit definierten Aufgaben, Zeiten, Freizeit-Aktivitäten und Kontakten. Vielleicht besteht Ihre ICH-Zeit auch darin, ein bestimmtes Musikstück zu hören und sich nach innen zu fokussieren und Energie und Kraft für den Tag zu tanken. Also eine Art Meditation oder Trance-Zustand innerer Ruhe.

Jede ICH-Zeit – und deswegen habe ich sie auch ICH-Zeit genannt – ist etwas ganz Individuelles. Es ist aus meiner Sicht nicht hilfreich, Ihnen Tipps oder konkrete Fragen an die Hand zu geben, wie und wo Sie Ihre ICH-Zeit am besten verbringen. Ich bin mir sicher, Sie werden sehr schnell durch Ausprobieren für sich selbst herausfinden, was Sie benötigen und was Ihnen gut tut.

Geht das auch als Angestellter?

Vielleicht denken Sie jetzt: Ja, er als Selbständiger steht bestimmt gemütlich um 9 Uhr auf und kann sich ganz in Ruhe überlegen, was er am Tag tut. Und natürlich hat er immer Zeit für die ICH-Zeit. Aber bei mir als Angestelltem, da geht das doch nicht, denn ich muss ja tun, was mir gesagt wird und ich habe ja eh keine Wahl.

Sie ahnen es schon, von mir kommt da ein klares „Doch!“. Gerade Angestellte berichten mir im Coaching, dass sie sich im Job (und auch im Leben) oft zu stark fremdgesteuert fühlen. Sie verlieren vor lauter Arbeit und es allen anderen recht zu machen sich selbst aus dem Blick. Sie haben im Job das Gefühl, ständig zu wenig Zeit zu haben, um ihre Aufgaben zu erledigen. Der Mail-Postkorb ist dauer-voll und täglich konkurrieren die Kollegen, der Vorgesetzte und vielleicht auch die eigenen Mitarbeiter um die knappe Zeit. Willkommen im Hamsterrad, das ich auch allzu gut kenne! Gerade dann ist es wichtig, bewusst die eigenen Bedürfnisse zu (be-)achten und regelmäßig auch an sich selbst zu denken. Bevor Sie also vom ersten Kollegen „Haben Sie kurz Zeit?“ morgens hören, nehmen auch Sie sich Ihre ICH-Zeit.

Finden Sie für sich heraus, ob Ihre ideale ICH-Zeit noch zu Hause ist oder ob Sie sich hierfür vielleicht auch im Büro Zeit nehmen. Auch wenn es Ihre ICH-Zeit ist, wird maßgeblich auch Ihr Arbeitgeber hiervon profitieren. Sie starten motivierter, gelassener und „aufgeräumt“ in den Tag. Im Unternehmen sollten Sie ein klares Signal setzen, dass Sie in dieser Zeit nicht gestört werden möchten. Wenn Ihre Tür sonst offen ist, schließen Sie sie für ein paar Minuten. Wenn Sie im Großraumbüro Ihren Platz haben oder in der Produktion arbeiten, dann ist es wahrscheinlich besser, wenn Sie sich Ihre ICH-Zeit in Ruhe zu Hause gönnen.

Die Routine ist das Geheimnis

Sie kennen es wahrscheinlich von Ihren eigenen Neujahrs-Vorsätzen. Prima Ideen nach dem Motto „Müsste man unbedingt mal machen und dieses Jahr ziehe ich es auch durch.“ Und spätestens Ende Januar ist dann alles verpufft. Da ich genau dies auch sehr gut von mir kenne, war ich gespannt, wie lange ich wohl dieses Vorhaben durchhalte. Es war ganz erstaunlich, meine ICH-Zeit wurde nach ungefähr 3 Wochen sehr konsequenter Morgen-Routine zum festen Bestandteil meines Lebens. Heute fehlt mir etwas, wenn ich einmal keine Möglichkeit dafür habe oder so sehr abgelenkt bin, dass ich es vergesse, was wirklich selten vorkommt. Manchmal dauert meine Zeit für mich auch nur 5 Minuten oder weniger und ab und zu verlege ich sie auch unter die Dusche ;-). Es bleibt aber trotzdem meine ganz bewusste Zeit für mich selbst – übrigens inzwischen auch am Samstag und Sonntag. Entscheiden Sie für sich selbst, ob es eine 7-Tage-ICH-Zeit gibt oder ob Sie am Wochenende eine Pause einlegen.

Es kommt weniger auf die Dauer oder die konkreten Ergebnisse an. Das Geheimnis (m)einer wertvollen ICH-Zeit liegt in der Regelmäßigkeit dieses Perspektivwechsels.

Und wenn Sie sich einmal an die eigene Nase fassen, dann werden Sie wahrscheinlich auch zugeben, dass es jeden Tag – so hektisch und vielfältig Ihr Leben auch sein mag – immer ein paar Minuten gibt, die Sie abzwacken können. Ich verspreche Ihnen, dass Sie schnell feststellen werden, dass Ihnen durch diesen Perspektivwechsel nicht 10 Minuten am Tag fehlen, sondern Sie ganz im Gegenteil jeden Tag viel Zeit gewinnen werden.

Vielleicht entscheiden ja auch Sie sich für Ihre ganz persönliche ICH-Zeit?

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 10 Kommentare

  1. Um noch ein paar Beispiele zu geben: Meine ICH-Zeit verbringe ich seit Jahren zum einen mit kurzen Meditationen (also einfach mal den Kopf leer machen) und in Form von walk&work, also kurzen Spaziergängen auf denen ich über das nachdenke was mich so antreibt, das, was ansteht und das was kommen mag. Ein Ergebnis eines walk&work war die Idee zu den ArbeitsVisionen2025.

    walk&work funktioniert übrigens auch für Meetings (ideal mit 3-4 Personen). Einfach mal rausgehen, statt am Besprechungstisch zu sitzen. Lüftet den Kopf, macht kreativ und tut einfach gut. Nilofer Merchant hat das in einem TED Talk mal sehr schön beschrieben: http://www.ted.com/talks/nilofer_merchant_got_a_meeting_take_a_walk?language=de

    1. Lieber Herr Bosbach,

      schöne Idee mit walk&work. Ich bin mit zwei Personal Trainerinnen sehr gut befreundet und beide verfolgen mit „Coaching in Bewegung“ eine ähnliche Idee. Gut für´s Gehirn und ein toller Perspektivwechsel für mehr Kreativität im Vergleich zum gewohnten Sitz-Meeting. Danke für Ihren Beitrag und das Video.

      Herzliche Grüße
      Bernd Slaghuis

  2. Meine Erfahrung ist: Die ICH-Zeit wird letztlich zur WIR-Zeit, da sich die Wirkung der Reflexion auch direkt im Umfeld auswirkt. Es ist also gut investierte Zeit. Danke für den Denkanstoß, Herr Slaghuis.

  3. Gefällt mir die ICH-Zeit. Seit Jahren habe ich meine ICH-Zeiten. Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Es sind die kleinen Meditationen, die wir machen, ohne uns groß darauf vorzubereiten oder im Lotussitz die Gedanken uns aus dem Kopf zu „denken“.
    Morgens die Balkontür aufmachen, die frische Luft einatmen und den Tag begrüßen, die täglichen kleinen Putzarbeiten in der Küche oder die Vögel im Garten anschauen, da bin ich ganz bei mir, da tanke ich auf, da komme ich zur Ruhe.
    Seit heute nenne ich diese Perlen des Tages ICH-Zeit.
    Nehmt Euch so viele ICH-Zeiten wie ihr braucht, einfach so zwischendurch und das Leben wird besser gehen.
    Liebe Grüße
    Monika A. Albicker

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