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Gutes Betriebsklima. Mit Emotionen echte Wohlfühltemperatur schaffen.

Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen, um Höchstleistungen zu erbringen. Diese Aussage wird jeder Arbeitgeber und Arbeitnehmer sofort unterschreiben. Was macht ein gutes Wohlfühlklima im Unternehmen aus? Ist es irgendwann einfach da? Eine Mischung aus Freude am Job, eigener Zufriedenheit und wertschätzendem Miteinander –  ein schlecht fassbares Emotions-Irgendetwas? Wer ist eigentlich zuständig für das Betriebsklima? Und überhaupt, sind nicht am Ende die harten Zahlen, Daten und Fakten das Entscheidende für das Wohlergehen eines Unternehmens und damit auch seiner Mitarbeiter?

Als mich Stephan Stockhausen zu seiner Blogparade „Emotion schafft mehr Wert“ einlud, ging mir beim Gedanken an Emotionen im Unternehmen sofort der Begriff „Betriebsklima“ durch den Kopf. Denn das Betriebsklima ist für mich der zwingend erforderliche Nährboden für jegliche Form von Emotionen. Wie steht es um das Klima in deutschen Unternehmen und warum geben die meisten Angestellten jeden Morgen einen Großteil ihres wertvollen Repertoires an Emotionen am Empfang ab?

Minusgrade in deutschen Unternehmen?

Vielleicht liegt es an meiner Zielgruppe und ich höre nur die schlimmsten Geschichten, doch auch der Blick auf die Angestellten in meinem Freundeskreis zeichnet ein ähnliches Bild: Mangelnde Wertschätzung, steigender Leistungsdruck, fehlende Anerkennung, nicht stattfindende Führung, großes Hauen und Stechen, jeder gegen jeden.“Ich muss da raus!“ – mit diesem Weglauf-Ziel kommen fast alle Klienten zu mir.

Ist es wirklich so schlimm oder habe ich eine verzerrte Wahrnehmung? Ein weiteres Indiz ist für mich das enorme öffentliche Interesse an Themen rund um die sogenannte NewWork, der Arbeitswelt von morgen. Erst kürzlich hat XING den New Work Award verliehen und am 13. März findet der New Work Day statt. Und auch der ARTE-Film „Mein wunderbarer Arbeitsplatz“ sowie der Film und die Initiative Augenhöhe geben neuen Arbeitsvisionen ein Gesicht.

Es steht außer Frage. Das Betriebsklima hat hohen Einfluss auf die emotionale Verfassung und auf die Produktivität von Mitarbeitern. Konkret messbar wird dies etwa in Form von Fehltagen, denn ein gutes Arbeitsklima sorgt für eine gute Gesundheit.

Was unternehmen Unternehmen? Große Konzerne erheben regelmäßig im Rahmen von Mitarbeiterbefragungen deren Zufriedenheit. Die häufigen Folgen: schlecht abschneidende Führungskräfte bekommen Coachings verschrieben. Ganze Abteilungen werden in Team-Entwicklungen gesteckt. Einzelne Störenfriede werden versetzt oder man trennt sich in bestem gegenseitigem Einvernehmen. Wenn es ganz schlimm kommt, wird an der Unternehmens- oder Abteilungsstrategie geschraubt.

Ja, Strategie- und Effizienzprogramme kennen wir zu genüge aus den letzten Jahren. Aber haben Sie schon einmal gehört, dass ein Unternehmen (vielleicht Ihres?) ein umfassendes Betriebsklimaprogramm gestartet hat, das über ein wenig Gesundheitsmanagement hier und Mitarbeiter-Betüddelung dort hinausgeht? Ich nicht und meine Recherche ist ins Leere gelaufen. Die Einflussfaktoren Kultur und Betriebsklima auf den ökonomischen Erfolg sind zwar längst im Bewusstsein des Top-Managements angekommen, doch mir scheint, dass gerade die Großen weiterhin recht hilflos auf neue Kulturen schielen.

Ist Betriebsklima Chefsache?

In welches Ressort fällt das Betriebsklima? Mein Eindruck aus verschiedenen aktuellen Diskussionen ist, dass es hier sehr unterschiedliche Meinungen gibt. Gerade die ich nenne sie mal frustriert Konzerngeschädigten haben die Hoffnung aufgegeben, dass Impulse für eine veränderte Arbeitswelt und damit auch für eine Verbesserung des Betriebsklimas vom Top-Management ausgehen können. Die Denkweisen werden als zu verkrustet wahrgenommen, die Konzernstrukturen als kaum manövrierbare Ozeandampfer.

Vielleicht funktionieren Wir-sind-das-Volk-Initiativen in einigen Unternehmen und es braucht diesen Ansatz des Aufbegehrens, um gerade in großen Konzernen etwas zu bewegen. Ich bin da sehr skeptisch, aber warum nicht ausprobieren?!

Ich vertrete die Sichtweise, dass der Fisch nicht nur vom Kopf stinkt, sondern genauso auch die positiven Veränderungen ausschließlich von dort initiiert und in die Organisation hinein getragen werden können.

[Tweet „Der CEO ist der Wettergott des Betriebsklimas. „]

Mitarbeiter spüren, ob der Big-Boss schlechte oder gute Laune hat und Sie glauben gar nicht, wie schnell sich das auf eine ganze Organisation ausbreitet. Gutes Betriebsklima muss von oben vorgelebt werden. Und zwar authentisch, emotional, aus eigener Motivation und ohne angezogene Handbremse. Doch Vorleben allein reicht nicht. Die Kultur muss von Führungskräften und allen Mitarbeitern angenommen, getragen und offen gelebt werden.

Die drei entscheidenden Klimafaktoren

Bleibe ich bei meiner Perspektive des Chefs als Klimamacher, so steht das Thema Führung für mich als Erfolgsfaktor für ein gutes Betriebsklima an der Spitze. Es bildet die fachliche und zugleich auch emotionale Verbindung zwischen Management und Basis. Hier geht es um das gegenseitige Miteinander, um Vertrauen, immer seltener um Kontrolle, sowie um Kommunikation und das gemeinsame Erreichen von Zielen. Als eine Aufgabe von moderner Führung sehe ich es an, Mitarbeitern Freiräume zur Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung anzubieten, aber gleichzeitig auch einen Handlungsrahmen aus Sicherheit und Klarheit zu schaffen. Gesunde Führung fokussiert darüber hinaus auf Achtsamkeit, Wertschätzung und ein gesundes Bewusstsein sowohl bei der Führungskraft selbst als auch bei den Mitarbeitern. Das Betriebsklima wird maßgeblich durch das Führungsverständnis sowie die Führungskompetenzen in einer Organisation geprägt.

Jegliches Verhalten von Menschen innerhalb einer Organisation orientiert sich an Werten und Zielen. Jedes Unternehmen hat ein bestimmtes Werte- und Zielsystem – manchmal in Hochglanzbroschüren niedergeschrieben, manchmal auch nur mehr oder weniger in den Köpfen verankert und gelebt. Neben dem Wertesystem des Unternehmens existieren die persönlichen, individuellen Werte und Ziele. Passen Unternehmens- und persönliche Werte einigermaßen zusammen und werden auch Wertekonflikte in der Kommunikation und Führung geachtet, wirkt sich dies positiv auf das Betriebsklima aus. (Ich weiß, das ist jetzt ziemlich pauschal und allgemein, aber über Werte- und Zielkonflikte ließe sich ein eigener Artikel schreiben.)

Ein weiterer Einflussfaktor auf das Betriebsklima ist die Ausstattung des Arbeitsplatzes sowie des Arbeitsumfeldes. Wir verbringen einen Großteil des Tages dort und es ist wichtig, dass wir uns in dieser Umgebung wohlfühlen. Wer angewidert vom schimmeligen Teppichboden und verranzten Möbeln täglich ins Büro fährt, der wird keine guten Leistungen erbringen.

Der Arbeitsplatz und das Umfeld sind die beliebtesten Stellschrauben für das Management, am Betriebsklima zu drehen. „Stellen wir jedem Mitarbeiter eine Pflanze ins Büro und in jeden Flur einen Wasserspender nebst Kaffeeautomat.“ Achso, wenn Sie so richtig auf der Höhe der Zeit sein wollen, dann führen Sie Hängemattenzonen, Kicker, das Fitness-Center auf dem Dach und täglich frisches Obst ein. Im ernst: Lässt sich ein gutes Betriebsklima einfach so mit Geld kaufen? Werfe ich einen Blick in die Geschäftsberichte und auf Karriereseiten, dann ja. Doch sind wir mal ehrlich: das sind alles feine Geschenke, die die Arbeit versüßen und zudem den Wert der Arbeitgebermarke in die Höhe treiben, aber die Realität sieht trotz Luxusbüros und eigener Kitas doch oft ganz anders aus!

Gutes Betriebsklima ist der Nährboden für Emotionen

Emotionen sind immer eine Begleiterscheinung von etwas. Ärger oder Frust als Folge von ungerechter Führung, Freude nach einer gelungenen Präsentation, Glücksgefühle nach dem Abschluss eines Projektes, Angst vor einem schwierigen Gespräch mit dem Chef, Spaß bei der Arbeit im Team oder auch Trauer beim Abschied ausscheidender Kollegen am letzten Arbeitstag. Jeder von uns verspürt ständig irgendwelche Emotionen und es spielt dabei keine Rolle, ob wir privat oder im Job sind.

Ein gutes Betriebsklima zeichnet sich aus meiner Sicht insbesondere dadurch aus, dass es Emotionen erlaubt. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Ein gutes Betriebsklima fördert Emotionen. Es gibt den Freiraum für jeglichen Ausdruck von Emotionen und es normalisiert sie.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, damit möchte ich weder sagen, dass es Normalität werden soll, dass Ihr Chef jeden Tag mit der Faust auf den Tisch schlägt und Sie wutentbrannt anbrüllt, noch, dass Emotionen als Normalität im Alltag untergehen. Ich mache es an einem Beispiel deutlich: Einige Menschen weinen, wenn sie bei mir im Coaching sind. Sie schämen sich, wenn die Tränen die Wangen hinunterfließen und oft sagen sie „Das ist mir jetzt peinlich“ oder „Ich hatte mir fest vorgenommen, hier nicht zu weinen.“ Ich habe Taschentücher in der Schublade und reiche sie ihnen. Oft reicht ein selbstverständlicher Umgang mit der Situation schon aus, um zu signalisieren „Das ist in Ordnung.“ Manchmal spreche ich es auch genau so aus. Ich nehme wahr, was geschieht und ich gewähre ganz bewusst einen Raum für Emotionen und lasse sie zu – weil sie wichtig sind, unsere Persönlichkeit ausmachen und weil sie geschehen, um Situationen zu verstehen, sie zu verarbeiten und auch den Kopf für neue Schritte freizumachen.

Diesen Raum gibt es in vielen Unternehmen heute nicht. „Jetzt reißen Sie sich doch mal zusammen!“ So oder ähnlich klingt die häufige Reaktion von Chefs, wenn Mitarbeitern z. B. nach einer schlechten Beurteilung die Tränen in die Augen schießen. Viele Chefs und auch Mitarbeiter können mit bestimmten Emotionen, wenn sie im Job auftreten, heute nicht umgehen. Es ist ihnen unangenehm, sie sind unsicher und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Das ist schade, denn so haben wir gelernt, einen Großteil unserer Emotionen im Job immer schnell unter den Teppich zu kehren – in dem Glauben, dass wir sie nicht zeigen dürfen. Doch erst die Vielfalt an Emotionen im Unternehmen schafft mehr Werte.

Warum sollen wir also im Job acht oder mehr Stunden am Tag unterdrücken, was wir tatsächlich fühlen und uns damit permanent emotional beschneiden? Warum sollen wir im Job Entscheidungen nur rational treffen, wo sich doch inzwischen der Großteil der Entscheidungstheoretiker einig ist, dass gute Entscheidungen eine Mischung aus Kopf- und Bauchentscheidung sind? Warum dürfen wir nicht vor Freude über den Flur springen, wenn uns etwas gut gelungen ist und wir stolz darauf sind? Warum umarmen wir nicht auch mal den Chef oder die Chefin, wenn uns danach ist? Warum dürfen wir nicht weinen, wenn wir traurig oder auch positiv emotional bewegt sind? Offenbar gibt es im Job eine Reihe an Emotionen, die tabu sind. Häufig haben sie zu tun mit Schwäche, Freude oder Nähe. Uns wurde beigebracht, dass wir uns in bestimmten Situationen unter Kontrolle haben, denn …

Das macht man nicht!
Diese Emotionen haben im Beruf nichts verloren!
Profis zeigen keine Gefühle – erst recht nicht als Mann!

Solange diese Weisheiten in Ihrem Unternehmen und auch in Ihrem Kopf vorherrschen, sollten Sie weiterhin auf den neuen Schreibtisch und die Orchideen am Empfang setzen, um ein gutes Betriebsklima zu zelebrieren.

Lassen Sie alle Emotionen im Unternehmen zu! Vielleicht ist es am Anfang ungewohnt, doch sofern das hierfür richtige Betriebsklima im Unternehmen herrscht, wird dies nicht nur Sie persönlich, sondern auch die Kollegen, Mitarbeiter und das gesamte Unternehmen bereichern (schöne Infografik von Andreas Gerhardt).

Und hier schließt sich der Kreis zu den Zahlen, Daten und Fakten: Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu motivieren sowie Kunden für die eigenen Produkte und Dienstleistungen zu begeistern erfordert Emotionen. Schaffen Sie ein neues Betriebsklima und nutzen Sie die volle Stärke der Vielfalt der Emotionen im Unternehmen, um sie auch im Außen wirken zu lassen.

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. Guten Morgen Herr Dr. Slaghuis,

    ein wert- und emotion-voller Beitrag innerhalb der Blog-Parade!

    Klima und Kultur als Nährboden für das wertvolle Repertoire an Emotionen.
    Das Bild, welches Sie hier malen, gefällt mir.

    Sehr schön auch – und deshalb frage ich augenzwinkernd:
    Haben Sie den Artikel über Werte- und Zielkonflikte schon geschrieben?

    Herzliche Grüße sendet
    Ihnen Christine Paulus

    1. Guten Morgen Frau Paulus,
      schön, dass Ihnen der Beitrag gefällt. Nein, über Werte- und Zielkonflikte gibt es noch keinen eigenen Beitrag hier im Blog – höchstens mal zwischen den Zeilen – aber dieses gerade für die Führung wichtige Thema wäre sicherlich auch mal gut für einen Perspektivwechsel. Kommt auf die Themen-Liste :-)
      Herzliche Grüße
      Bernd Slaghuis

  2. […] Hier hatte ich schon einmal über das Thema Betriebsklima in Verbindung mit Emotionen im Unternehmen geschrieben und die aus meiner Sicht hohe Bedeutung der Vorbildfunktion des Top-Managements und seiner Führungsmannschaft betont. Wer als Chef einen schlechten Tag hat, sollte dies entweder seinen Mitarbeitern erklären und so der Unsicherheit und dem Flurfunk aktiv begegnen oder aber so agieren, dass diese Emotionen hinter der eigenen Bürotür bleiben. […]

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