Business Mann Viele Hände Arbeit Jonglieren Generalist Spezialist

Generalisten: Warum es Alleskönner im Job schwerer haben

Zählen Sie auch zu diesen alles und nichts richtig Könnern? Generalisten interessieren sich für vieles, verfügen über breites Wissen, doch wenn es ins Detail geht, dann müssen sie passen. Wie ist es bei Ihnen? Haben Sie bei Ihrer Karriere bisher darauf Wert gelegt, sich nicht zu stark auf eine Richtung oder Position festzulegen und ist es Ihnen wichtig, verschiedene Türen als Optionen offen zu halten? Dann haben Sie wahrscheinlich wie viele meiner Klienten auch das Gefühl, dass Sie eigentlich so vieles machen könnten und beim Jobwechsel das Problem haben, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Doch nicht nur beim Jobwechsel oder als Bewerber haben es Generalisten schwerer als Spezialisten, auch im Beruf sind sie es häufiger, die über Überlastung klagen. Warum es Alleskönner im Job schwerer haben und worauf Sie in bestimmten Situationen achten sollten, wenn auch Sie zu den Generalisten zählen:

Generalisten sind bei der Jobsuche überfordert

Generalisten interessieren sich für vieles, auf Basis ihrer Ausbildung oder Berufserfahrung könnten sie vielleicht im Marketing, im Vertrieb, im Business Development, im Kunden-Service, dem Einkauf oder im Controlling arbeiten. Ob Produktionsunternehmen, Dienstleister, Non-Profit-Organisation, Großkonzern oder Mittelstand – vielen Generalisten ist selbst das egal, wenn ich sie nach ihren Präferenzen frage. „Ich komme überall irgendwie zurecht“ antworten sie mir.

Doch in einer konkreten Entscheidungssituation sind sie überfordert: „Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ oder „Ich habe so viele Möglichkeiten, doch ich kann nicht bewerten, was wirklich das Richtige für mich ist.“ sind typische Aussagen von Generalisten auf der Suche nach einem neuen Beruf und Arbeitgeber. Viele von ihnen suchen so kreuz und quer in den großen Jobbörsen und je mehr Stellen so halb in Frage kommen, umso größer wird ihre Unsicherheit. Ihnen fehlen die Keywords für Berufe, nach denen sie gezielt suchen können.

Was Sie als Generalist bei der Jobsuche beachten sollten:

  • Werden Sie sich Ihrer Stärken bewusst! Die Breite Ihrer Ausrichtung geht vermutlich mit sehr vielen verschiedenen Stärken einher. Was sind Ihre größten Stärken? Finden Sie es heraus, zum Beispiel mit diesem Stärkentest. Sofern Sie auf der Suche nach einem anderen Aufgabengebiet sind, erstellen Sie danach eine Liste mit Suchbegriffen für Berufe oder Positionsbezeichnungen, die zu Ihren Stärken und bisherigen Erfahrungen passen könnten. Vielleicht führt es Sie auch weiter, nicht nach Stellen, sondern nach attraktiven Arbeitgebern zu suchen und erst im zweiten Schritt zu schauen, ob und welche Positionen ausgeschrieben sind – und vielleicht ist auch eine Initiativbewerbung dort sinnvoll.
  • Planen Sie Ihren Karriereschritt! Werden Sie sich selbst darüber bewusst, was der für Sie sinnvolle nächste Karriereschritt ist. Möchten Sie weiter eher in der Breite arbeiten oder möchten Sie sich jetzt auf einem Gebiet spezialisieren? Updaten Sie Ihre persönlichen Werte und Ziele im Beruf und im Leben. Wo möchten Sie hin und welcher Schritt zahlt auf diese Entwicklung am besten ein?

Generalisten passen nie so richtig auf Stellenausschreibungen

Nicht nur, dass Generalisten selbst oft nicht wissen, was sie können oder wirklich wollen, hinzu kommt bei der Jobsuche, dass es keine Stellenanzeigen gibt, die gezielt nach Generalisten suchen – wenn Sie nicht gerade auf Geschäftsführungs- oder Vorstandsebene unterwegs sind und ein General Manager gesucht wird. Immer geht es um x Jahre Berufserfahrung in einem Spezialgebiet, spezifisches Fachwissen oder Branchenkenntnisse.

Vielen Generalisten fällt es schwer, den ersten Schritt zu gehen und sich überhaupt auf eine ausgeschriebene Stelle zu bewerben. Denn bis dahin haben sie schon Hunderte Ausschreibungen durchgeklickt und immer das Gefühl gehabt, dass es nicht so richtig passt. Außerdem glauben sie fest daran, dass es viele andere Bewerber gibt, die über das geforderte Spezialwissen verfügen und eh viel besser geeignet sind. Wer sich dies über mehrere Wochen oder Monate der Jobsuche einredet, verliert nicht nur das nötige Selbstbewusstsein als Bewerber, sondern macht den Generalisten in sich dafür verantwortlich, dass alles so schwer ist. Am Ende heißt es dann: „Hätte ich doch bloß etwas anderes als BWL studiert!“

Was Sie als Generalist bei Stellenanzeigen beachten sollten:

  • Vergessen Sie die Stellenausschreibungen! Gehen Sie für diesen Schritt zurück auf die grüne Wiese. Wie sähe Ihr idealer Traumjob aus? Malen Sie sich diesen so konkret wie möglich aus. Ja, dies wird Ihnen als Generalist auch sehr schwer fallen, es hilft aber für die Konkretisierung im nächsten Schritt: Überlegen Sie, welche Positionen Ihrem Traumjob möglichst nahe kommen und suchen Sie so gezielt nach ausgeschriebenen Stellen.
  • Schicken Sie den eigenen Kritiker in Urlaub! Unschärfen Sie Ihren Blick bei der Jobsuche. Akzeptieren Sie, dass es wahrscheinlich keine Stellenausschreibung gibt, auf die Sie zu 100 Prozent passen. 70 Prozent reichen auch aus. Legen Sie interessant klingende Jobs nicht gleich zur Seite, sondern überlegen Sie, was gerade Sie als Generalist hierfür mitbringen – auch wenn das Unternehmen dies vielleicht heute noch nicht weiß.

Generalisten sind als Bewerber schlecht greifbar

Was für die gefühlt mangelhafte Passung auf Stellenausschreibungen zutrifft, setzt sich häufig in der Bewerbungsphase fort. Generalisten bieten ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber gerne den ganzen bunten Strauß an Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen an. Nach dem Motto: „Soll sich der Arbeitgeber doch selbst aussuchen, was er hiervon gebrauchen kann.“ Aus meiner Sicht der größte Irrtum von Generalisten-Bewerbern. Denn sie machen sich damit nicht greifbar und unterscheidbar. Dem Leser wird es von der Fülle der Informationen schwindelig und es fällt schwer, überhaupt zu beurteilen, ob der Kandidat wirklich den Anforderungen an diese spezielle Position gerecht werden kann.

Viele der Bewerbungen von Generalisten, die ich lese, sind butterweich. Denn zum bunten Strauß an Erfahrungen und Kompetenzen werden diese mangels Selbstbewusstsein auch noch weichgespült: Ein bisschen hiervon, mal dort reingeschnuppert, dieses und jenes auch noch gemacht. Typisch für Generalisten: Alles, aber nichts so richtig richtig.

Was Sie als Generalist bei der Bewerbung beachten sollten:

  • Nehmen Sie Haltung ein! Täuschen Sie nicht den Spezialisten vor, sondern stehen Sie zu Ihrer Ausrichtung als Generalist. Schaffen Sie mit Ihrer Motivation für eine Stelle oder einen Arbeitgeber Klarheit, warum gerade Sie als Generalist aus Ihrer Sicht besonders gut geeignet sind. Wenn Ihnen dies nicht gelingt, dann sollten Sie auch Ihre Bewerbung für diese Position kritisch hinterfragen.
  • Zeigen Sie Kante! Fokussieren Sie sich auf eine kleine Auswahl Ihrer Erfahrungen und Kompetenzen, von denen Sie glauben, dass diese besonders nützlich für den zukünftigen Job sind. Verzichten Sie im Anschreiben auf den bunten Strauß. Das erkennt der interessierte Leser im Lebenslauf.

Generalisten sind angestellte Mädchen für alles

Meist sind es Generalisten, die zu mir kommen und Hilfe suchen, weil sie im Hamsterrad stecken und über eine zu hohe Arbeitsbelastung klagen. Mitarbeiter, die bei jeder spannenden Aufgabe laut „Hier!“ rufen, weil sie sich selbst für vieles interessieren. Alleskönnern traut man fast alles zu und sie bekommen aufgebrummt, wofür es keine klare Zuständigkeit (eines Spezialisten) gibt. Sie können sich schnell flexibel auf neue Themen einlassen und mögen sogar die Abwechslung im Job. Eigentlich ein Traum für jeden Chef, oder? ;-)

Was Sie als Generalist bei der Arbeit beachten sollten:

  • Lernen Sie Nein zu sagen! Nur weil Sie breit interessiert sind, schon vieles gemacht haben und sich auch gerne neue Aufgaben zutrauen, heißt dies nicht, dass Sie die Allzwecklösung im Unternehmen sind. Grenzen Sie für sich selbst und gemeinsam mit Ihrem Chef den regulären Aufgabenbereich ab. Sagen Sie Nein, wenn Sie die Breite der Aufgaben überfordert oder der Stapel auf dem Schreibtisch zu hoch wird.
  • Sehen Sie Ihre Stärken als Generalist! Es gibt Unternehmenskulturen, in denen Spezialisten ein höheres Ansehen als Generalisten genießen. Treffen Sie für sich eine Entscheidung, wie Sie damit umgehen, falls Sie in einem solchen Umfeld arbeiten. Sich als Generalist in die Opfer-Haltung zu flüchten und ein falsches Studium oder den verkorksten Lebenslauf für eine Unzufriedenheit oder Überlastung im Beruf verantwortlich zu machen, das ist zu kurz gedacht und wird Sie nicht weiter führen. Erkennen und nutzen Sie stattdessen Ihre Stärken, die Sie als Generalisten ausmachen!

Generalist oder Spezialist: Wer hat die besseren Karriere-Aussichten?

Ich bewerte die Ausrichtung als Generalist oder Spezialist an dieser Stelle nicht und bin der Meinung, dass dies jeder auf der Basis seiner individuellen Werte, Motive und Ziele für sich selbst klären sollte. Beide können Karriere machen und im Beruf auf ihre Art erfolgreich und glücklich sein, beide können in ihrem Berufsleben auch höchst unzufrieden werden.

Auch eine Mischung aus Generalist in einer bestimmten Funktion und der Rolle des Spezialisten auf definierten Gebieten ist für mich denkbar. Ebenso der Wechsel im Verlauf eines Berufslebens zwischen generalistisch geprägten Management-Aufgaben und Spezialisten-Tätigkeiten sollte in Zeiten der sogenannten Mosaikkarrieren möglich und auch akzeptiert sein.

Ich bin der Meinung, dass die Arbeitswelt von morgen sowohl Generalisten als auch Spezialisten benötigt. Die zunehmende Komplexität und Dynamik in unserer Arbeitswelt erfordert mehr Flexibilität sowie Koordination für Anpassung und Veränderung. Hier sind generalistisch starke Arbeitnehmer und Führungskräfte im Vorteil. Gleichzeitig werden mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen zukünftig Aufgaben entstehen, die tiefes Spezialisten-Know-how erfordern.

Der Chef muss nicht der beste Spezialist im Team sein. Vielmehr sollte es ihm gelingen, die besten Spezialisten in seinem Team zu versammeln, sie weiter zu entwickeln und den Rahmen für gute Teamarbeit zu schaffen. Generalisten sehen eher das große Ganze, Spezialisten haben den Blick fürs Detail.

Sehen Sie Ihre generalistische Ausrichtung nicht als Makel oder mangelnden Entscheidungswillen! Beurteilen Sie, was Ihnen heute wirklich wichtig ist und was Sie in Zukunft benötigen, um Freude an der Arbeit zu empfinden, motiviert zu sein und vor allem gesund zu bleiben. Dies ist aus meiner Sicht entscheidend für Ihre weiteren Karriere-Schritte.

Es geht nicht um Generalist versus Spezialist. Beide sind wichtig für Wertschöpfung im Unternehmen. Generalist und Spezialist brauchen sich, um gemeinsam mehr zu erreichen und sich gegenseitig zum Glänzen zu bringen. Dies umso mehr, je komplexer, interdisziplinärer und agiler die Formen der Zusammenarbeit in Zukunft werden.

(Bildnachweis: 123rf.com, 34927680, Marcin Maslowski)

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Noch ein Zusatztipp von mir:

    Spezialistentum ist in größeren Unternehmen meiner Erfahrung nach stärker gefragt, weil Arbeitsprozesse dort logischerweise mehr zerlegt werden können und gar müssen. Ausnahme ist vielleicht der Vorstand.

    Bei Mittelständlern hingegen können Generalisten oft richtig punkten, weil sie allein aufgrund der kleinen Mitarbeiterzahl vielseitig eingesetzt werden müssen.

    Mir ist das jedenfalls gelungen, denn ich bin Generalist.
    :-)
    Beobachtet habe ich das aber auch bei vielen Absolventen unserer Weiterbildungen: Je generalistischer umso erfolgreicher bei kleinen.

  2. Hallo,

    ein sehr interessanter Artikel, der natürlich auch mich anspricht. Ich bin wohl das klassische Beispiel eines Generalisten. Das geht aber nun mal nicht anders, weil man als Selbständiger nicht die notwendigen finanziellen Ressourcen hat, um alle Aufgaben auszulagern. Wer selbständig ist muss daher viele Dinge selber machen, ob gewollt oder nicht und wird dadurch zu einem Generalisten.

    Wenn ich mir dann mal Stellenanzeigen anschaue und sehe was da gefordert wird, dann geht es mir oft genau wie im Artikel beschrieben. Irgendwie passt meine Biografie nicht dazu. Vor allem deshalb finde ich den Artikel toll, weil dieser vielen Menschen die so sind wie ich helfen wird.

    Es kommt aber auch darauf an, wie Herr Hahn schon geschrieben hat, wie groß das jeweilige Unternehmen ist. In kleineren Firmen werden meiner Ansicht nach, für bestimmte Aufgaben schon eher Generalisten genommen. Ein kleiner Handwerksbetrieb kann sich nicht Buchhalter, Personaler, Vertriebler usw. leisten. Häufig wird dann auf wenige Mitarbeiter gesetzt, die mehrere Aufgaben gleichzeitig abdecken können.

    Viele Grüße
    Josef Altmann

  3. Hallo,
    danke für diesen Artikel. Er spricht mir aus der Seele, ich bin ein klassischer Generalist. Jeder Headhunter sah in mir einen Wahnsinnskandidaten und fand dann doch nicht das richtige für mich. Ich habe jetzt eine Aufgabe, die mich nicht nur fordert, sondern bei der man genau das Wissen haben möchte, welches ich mitbringe. Ich bin sehr froh darüber.

    Viele Grüße
    V.Leitner

Ihre Perspektive? Schreiben Sie einen Kommentar.