Gedankenlesen Im Job. Karriere-Blog Bernd Slaghuis

Gedankenlesen im Job: Der Chef trägt heute Blau – besser nicht stören!

Sind Sie auch so ein Gedankenleser und wissen ganz genau, wie es in den Köpfen Ihrer Kollegen oder des Chefs aussieht? Sie entwickeln daraus Theorien und im nächsten Augenblick werden Ihre Hypothesen zur sicheren Wahrheit. Und weil Sie das so gut können, müssen auch alle anderen die perfekten Gedankenleser sein: „Der Chef muss doch sehen, dass ich gestresst bin!“ Oder in der Partnerschaft: „Merkst Du nicht, dass Du gerade störst?!“ Die Folgen: Missverständnisse in der Kommunikation, Kollegen, die nur nerven, unnötige Fehler, Streiterei und Stress. Warum nicht einfach Klarheit schaffen? Das Leben wäre so viel einfacher ohne Gedankenlesen!

Ich weiß, was Du denkst

Beobachten. Interpretieren. Schlussfolgern. Und dann: Entweder handeln oder nochmal von vorne. Ich frage mich, wann wir uns eigentlich diese hohe Kunst des Gedankenlesen angeeignet haben. Und vor allem, wofür das heute im zwischenmenschlichen Umgang überhaupt noch notwendig ist.

Vielleicht stammt es noch aus der Steinzeit, als wir am Gesichtsausdruck des Nachbarn aus der Höhle gegenüber abschätzen mussten, ob er uns gleich mit dem Speer bewirft oder ob er nur für eine gemeinsame Wandmalerei vorbei schaut.

Oder kommt es aus der Erfahrung mit Babies, die uns nicht mitteilen können, dass der erste Zahn drückt oder der Bauch schmerzt? Das würde zumindest erklären, warum ich besonders bei Frauen beobachte, dass sie perfekt im Gedankenlesen ausgebildet sind ;-)

Spaß beiseite – wir interpretieren ständig, was wir sehen und glauben, die Wahrheit zu kennen. Wahrscheinlich gibt es niemanden von Ihnen, der jetzt behaupten würde „Nein, ich doch nicht!“ – das würde ich auch nicht von mir behaupten können.

Und ich weiß auch, was Du brauchst

Interessant finde ich, dass wir ganz oft aus „Ich weiß, was Du denkst“ in der nächsten Sekunde auch „Ich weiß, was Du brauchst“ ableiten. Ja, vielleicht funktioniert das bei Paaren, die 20 Jahre zusammen sind und sicher wissen, was das Richtige für den Partner in bestimmten Situationen ist. Doch im Job und unter Kollegen oder in der Zusammenarbeit zwischen Chef und Mitarbeiter kann diese Logik auch ordentlich schief gehen:

Der Meier hat aber gerade laut ausgeatmet …
Ob ich mal rüber gehe und ihm helfe?

Sie geht rüber. „Hey, brauchst Du Hilfe?“ – „Nein, wieso?“ – „Du hast so laut geschnauft.“ – „Was Du so alles hörst.“ – „Ja. Ich dachte schon, Du schaffst das mit der Präsentation für den Chef nicht und Du könntest Hilfe gebrauchen.“ – „Doch doch, lass mich einfach nur in Ruhe arbeiten!“ Sie geht wieder an ihren Schreibtisch und denkt sich „Idiot! Ich wollte doch nur helfen!“

Tatsächlich ist Meier erkältet, die Nase ist dicht und das nervt ihn.

Herr Schmidt bleibt aber lange im Büro …
Ob ich ihn als Chef überfordere?

Herr Schmidt ist neu bei ihm im Team. Schon der vierte Abend in Folge, wo er als Chef vor ihm geht. „Herr Schmidt, warum machen Sie nicht auch Feierabend?“ – „ Ich brauche noch etwas.“ – „Haben Sie Fragen oder kommen mit etwas nicht klar?“ – „Nein nein, kein Problem!“ – „Wenn es Ihnen zu viel wird gerade, dann sprechen wir morgen früh.“ – „Nein, das ist nicht nötig.“

Tatsächlich bleibt Herr Schmidt länger im Büro, weil er dann nach dem Feierabendverkehr deutlich schneller zu Hause ist.

Seit gestern ist die Steffi so still …
Ob ich ihr etwas getan habe?

Mit der Kollegin spricht sie noch, also muss es ja an mir liegen … ob sie es mir übel genommen hat, dass ich gestern ihre neuen Schuhe gelobt habe, aber nicht gemerkt habe, dass sie auch eine neue Brille trägt? … Oder vielleicht, weil ich nicht mit ihr, sondern mit Paul in die Mittagspause gegangen bin? … Vielleicht hat Sie auch zu Hause Stress? … Ob ich sie darauf ansprechen soll? … Lieber nicht, erstmal weiter beobachten … usw.

Das ist wohl der Klassiker. Wir geben uns selbst die Schuld für ein Verhalten, das wir bei anderen Menschen beobachten. Mit Gedankenlesen versuchen wir dann, den anderen zu verstehen und die wahren Hintergründe zu erfahren. Entweder, um uns selbst rein zu waschen oder aber als Retter wieder alles gut zu machen.

Wenn Beobachtung zur Hypothese zur Wahrheit wird

Die Beispiele zeigen, dass die Motive für ein bestimmtes Verhalten völlig andere sein können als wir glauben. Es gibt so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt. Jeder von uns blickt durch seine eigene Brille auf die Welt. Jeder hat andere Wertevorstellungen und Ziele.

Gedankenlesen produziert konstruierte Wahrheiten Click to Tweet

Es wird ein vermeintlich logisches Gerüst aus Puzzlestücken aufgebaut, welches in der eigenen Wahrnehmung am Ende nur zu einer einzigen Wahrheit führen kann. Selbst im Gespräch miteinander ist diese so stark verankert, dass wir oftmals gar nicht auf den Gedanken kommen, dass unser Gegenüber durch eine ganz andere Brille schaut. Wir sind oft so stark in unserem eigenen Film gefangen, dass uns die Offenheit und das Bewusstsein für alternative Sichtweisen fehlen. Unverständnis und Missverständnisse sind in der Kommunikation und Interaktion häufig die Folgen.

Bewerber lieben Gedankenlesen

Besonders in der Arbeit mit Bewerbern mache ich die Beobachtung, dass sie sich das Leben schwer machen und sich den Kopf der Personaler zerbrechen. Hinter jeder potenziellen Fangfrage wird der tiefere psychologische Hintergrund vermutet.

Was machen Sie denn in Ihrer Freizeit gerne?

Und schon beginnt das Gedankenkarussell beim Bewerber: Achtung Falle! – Die wollen bestimmt bei dieser Frage etwas zu Teamgeist und Führungsqualitäten hören. – Dem Typ gegenüber gefällt bestimmt, wenn ich Bergsteigen sage. – Und der netten Personalerin könnte ich meine ehrenamtliche Arbeit im Seniorenheim gut als Hobby verkaufen. – Oh jeh! Sie guckt mich jetzt ganz verstört an und reibt sich das rechte Auge. Das war bestimmt die falsche Antwort und sie nehmen mich nicht.

Wenn Sie das Gedankenlesen abschalten, haben Sie nicht nur viel mehr Ressourcen frei für eigene gute Antworten, sondern Sie kommen auch eloquenter rüber. Ja, und wenn Sie in diesem Moment nicht genau wissen, wo Sie dran sind, dann fragen Sie: „Interessieren Sie sich wirklich für meine echten Hobbies oder erwarten Sie, dass ich Ihnen solche Hobbies aufzähle, die gute Rückschlüsse auf meine Arbeit bei Ihnen zulassen?“

Nicht Gedanken zu lesen bedeutet auch, das auszusprechen, was Ihnen gerade durch den Kopf geht und somit für Sie Klarheit zu schaffen. Ich bin der Meinung, das dürfen Sie heute als Bewerber, dazu hatte ich hier schon mal geschrieben.

Wenn Mitarbeiter ihre Chefs zu Gedankenlesern erziehen

Wäre es nicht praktisch, wenn jeder Chef seine Mitarbeiter blind verstehen könnte? Ohne lange Erklärungen sieht er alles und bringt die Welt jederzeit wieder in Ordnung. Ein Traum, oder?

Nein, leider manchmal Realität. Denn gewiefte Angestellte erziehen ihre Führungskräfte und auch Kollegen dazu, ihre Gedanken zu lesen. Letze Woche habe ich hier über Kollegenschweine geschrieben. Die Diva ist so ein typischer Fall von Persönlichkeit im Büro, die erwartet, dass ihr gesamtes Umfeld sie in Watte packt, sofort erkennt, wenn es ihr schlecht geht und weiß, was sie dann braucht.

Wer sich als Führungskraft einmal auf dieses Spiel einlässt und springt, sobald das kleinste Problemchen im Team auftritt, der macht sich abhängig und entzieht gleichzeitig den Mitarbeitern ihre Selbstverantwortung. Der Eltern-Chef als Gedankenleser wird es schon von selbst sehen und wieder richten – so die Haltung dieser Mitarbeiter.

Sie verlernen durch dieses Verhalten, Probleme und Fragen bei ihrer Führungskraft oder auch im Team offen anzusprechen. Sie sind stattdessen unentwegt bemüht, durch ihr Verhalten oder ihre Körpersprache andere darauf zu bringen, dass etwas nicht stimmt. Ja, das klingt anstrengend, aber es ist Alltag in so vielen Unternehmen und verschlingt Unmengen an Ressourcen. Und es ist ein Verhalten, das in der mobilen Arbeitswelt morgen ganz sicher nicht mehr funktionieren wird.

3 Tipps, wie Sie ohne Gedankenlesen einen besseren Job machen

1. Aktiv nachfragen, um Klarheit zu schaffen

Gedankenlesen ist der Versuch, Klarheit zu schaffen, ohne zu kommunizieren. Ein Großteil der Konflikte sowohl in der Führung als auch im Team, die ich im Coaching erlebe, resultieren schlicht aus mangelnder Klarheit in der Kommunikation. Dinge, die nicht ausgesprochen werden, weil sie für selbstverständlich angenommen werden oder Informationen, die infolge unklarer Kommunikation falsch zwischen Sender und Empfänger übermittelt werden.

Immer, wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas nicht klar ist oder Sie den Verdacht haben, Sie könnten etwas falsch verstanden haben, fragen Sie aktiv nach, anstatt Ihre eigene Wahrheit zu konstruieren. Und wenn Sie Ihren Chef dreimal fragen müssen, bis Sie wissen, was genau er von Ihnen möchte, ist dies besser als aus Scham eigenständig Hypothesen zu bilden und vielleicht Fehler oder unnötige Arbeit zu machen.

2. Vertrauen, dass der andere sagt, was er wirklich denkt

Wer erwartet von Ihnen, dass Sie hellseherische Fähigkeiten besitzen? Sie könnten auch entspannt darauf vertrauen, dass sich Ihr Kollege bei Ihnen meldet, wenn ihn etwas stört. Sie glauben, er würde es dann nicht sagen? – Ja, dann ist es aber sein Problem und nicht Ihres.

Von einem anderen Menschen zu erwarten, dass er in meinen Kopf hineinschauen kann, das ist ein ziemlich hohes Anspruchsdenken. Versuchen Sie, sich beim nächsten Anflug von Gedankenlesen zu entspannen und geben Sie die Verantwortung an Ihr Gegenüber ab. Wenn es ihm wirklich wichtig ist, dass Sie wissen, was er denkt oder fühlt, dann kann er das sagen anstatt darauf zu hoffen, dass Sie selber darauf kommen. Haben Sie auf der anderen Seite ein echtes Interesse, es zu erfahren, dann können Sie fragen.

3. Offenheit für andere Perspektiven und nicht von sich auf andere schließen

Das Gefährliche am Gedankenlesen ist, dass wir dabei oft von uns auf andere schließen. Wenn Sie laut schnaufen, sobald Sie in einer Sache nicht weiter kommen, dann muss dies nicht für Ihren Kollegen auch zutreffen. Wenn Sie gerne früh Feierabend machen, um bei Ihrer Familie zu sein, dann kann vielleicht Ihr Kollege am Abend am produktivsten arbeiten. Schaffen Sie für sich das Bewusstsein, dass nicht alle so sind wie Sie.

Machen Sie sich bewusst, dass andere Menschen die Welt mit anderen Augen sehen. Was in Ihrer Welt zählt, hat für andere Menschen vielleicht eine andere Bedeutung. Das macht Gedankenlesen unmöglich, denn Sie können nie sicher wissen, was gerade in einem anderen Kopf vorgeht. Wenn es Sie wirklich interessiert, dann fragen Sie doch einfach: Was geht Dir gerade durch den Kopf?

Was geht Ihnen gerade durch den Kopf, nachdem Sie dies hier gelesen haben? Ich interessiere mich für alle Ihre Gedanken als Kommentar – oder unter vier Augen per Mail.

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. Lieber Herr Slaghuis,

    Gedankenlesen: Aktiv nachfragen macht sehr viel Sinn; doch der meist hohe Alltags-Stress und unsere Automatismen (Daniel Kahneman) verhindern das oft.

    In Organisationen braucht es dann eine geerdete und belastbare Dialogkultur, die unsere „unbewussten“ Automatismen und „Verzerrungsfehler“ einschätzen kann und diese freundlich in die Kommunikation bringt. Das sind, denke ich, im Alltag sehr hohe Anforderungen. Gut, wenn die Geschäftsführung aktiv vorlebend dabei ist. Mit Höhen und Tiefen.

    Beste Grüße, Christoph Schlachte

    1. Hallo Herr Schlachte,
      ja, Gedankenlesen ist meist Gewohnheit und Automatismus. Das muss zunächst bewusst unterbrochen werden, wenn es darum geht, etwas anders zu tun. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Job ohne Gedankenlesen auf Sicht weniger Stress verursacht, aber das anstrengende, weil ungewohnte „Tal der Veränderung“ muss dafür durchschritten werden. Wenn es das Management vorlebt und die Mitarbeiter durch Kultur/Kommunikation dafür sensibilisiert, lieber Klarheit zu schaffen statt Hypothesen zu bilden, dann ist das als Vorbildcharakter natürlich sehr hilfreich.
      Danke für Ihre Einschätzung und viele Grüße,
      Bernd Slaghuis

  2. Hallo Bernd, ich fand Kollegenschweine schon so gut und fand sie tatsächlich zumindest teilweise wieder. Es hat mir geholfen, dass auch andere sie kennen. Gedanken lesen wird mich beruhigen und lässt mich mit Sicherheit wieder konzentrierter arbeiten. Vielen Dank für Ihre hilfreichen Impulse. GLG Tanja

    1. Hallo Tanja,
      vielen Dank, das freut mich.
      Wenn Sie nichts verpassen wollen, einfach rechts Blog per Mail oder unten für meinen kostenlosen Newsletter eintragen ;)
      Schönes Wochenende und viele Grüße
      Bernd Slaghuis

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