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Durchhalten im Job. Wieviele Jahre müssen Sie noch?

Neulich im Feierabendverkehr in der Bahn neben mir. Zwei Männer unterhalten sich:

„Ich habe noch 15 Jahre. Wie lange musst Du noch?“ –
„Ich komme vielleicht etwas früher raus.“

Hätte ich vorher nicht geschrieben, wo ich dieses Gespräch belauscht habe, dann wäre sicher auch Ihr erster Gedanke: Gefängnis. Gehören Sie mit Anfang 50 auch schon zu den Arbeitnehmern, die die Jahre bis zur Rente zählen ? Nach letztmalig 2012 erfolgter Anpassung des Renteneintrittsalters müssen Arbeitnehmer offiziell bis 67 durchhalten. Und „Durchhalten“ trifft es für viele der sogenannten Silverager ziemlich gut. Denn machen wir uns nichts vor, mit 50 oder älter noch einmal den Arbeitgeber zu wechseln ist in der heutigen Zeit völlig utopisch. Wer stellt so alte Hasen denn noch ein? Gegen die jüngeren Bewerber hat doch niemand eine Chance. Das sehen Sie doch bestimmt auch so, oder?  

U30 wechselt alle 2 Jahre.

Vor Kurzem ist mir eine Studie in die Hände gefallen, nach der Arbeitnehmer unter 30 im Durchschnitt 652 Tage beim gleichen Arbeitgeber bleiben (Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung). Das ist wenig und wird immer weniger, denn vor 20 Jahren waren es laut Studie noch 834 Tage. Die Autoren der Studie begründen diese Entwicklung mit dem Anstieg befristeter Arbeitsverträge. Grundsätzlich passt dieser Trend aber auch zu meinen Erfahrungen mit Berufsanfängern, die ganz gezielt zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn häufig einen Arbeitgeber wechseln möchten, um Sprünge in der Position und im Gehalt zu realisieren oder um einfach etwas Neues auszuprobieren.

Ü40 muss bis zur Rente durchhalten.

Doch bereits ab 40 scheint sich ein Schalter im Denken vieler Berufstätiger umzulegen. Die meisten über 40-Jährigen, die zu mir auf der Suche nach beruflicher Orientierung kommen, vertreten folgende Meinung:

„Ich muss jetzt die richtige Entscheidung treffen,
denn das ist die letzte Chance, um den Arbeitgeber zu wechseln.“

Sie setzen sich einem extremen Druck aus und diese eigene Einschätzung über die zukünftigen Wechselmöglichkeiten wird umso düsterer, je näher die magische 50 rückt.

Ich verstehe das angesichts des Jugendwahns in vielen Branchen und Berufen. Nehmen wir die Unternehmensberater oder auch die Kreativbranche. Möchten Sie mit Mitte 40 noch in einer Marketing-Agentur zwischen all den jungen Hüpfern arbeiten, die gerade frisch Mediendesign studiert haben und sich perfekt mit Photoshop und Illustrator auskennen? Keine schöne Vorstellung, das bis zur Rente duchzuhalten. Es sei denn, Sie haben es in Ihrer Karriere bis zum Kreativdirektor der Agentur geschafft und die Jungen dürfen zu Ihnen aufschauen. Aber wer schafft das schon und das ist auch nicht jedermanns Ziel.

Augen zu und durch?

Die Vision, die nächsten 15 oder mehr Jahre bei ein und demselben Arbeitgeber und auf der gleichen Stelle bleiben zu müssen, bis die Rente durch ist, wird schnell zu einer Sichtweise voller Resignation und Passivität. Sie entwickeln das Ziel, sich in dieser Zeit möglichst unauffällig zu verhalten, sich keine Schnitzer zu erlauben und einfach nur gut den eigenen Job zu machen. Und ruck zuck hat die tägliche Arbeit mehr mit „Aushalten“ als mit „Freude“ zu tun.

Ja, es mag für ältere Arbeitnehmer schwieriger werden, das Unternehmen oder sogar die Branche zu wechseln. Sie sind weniger gut „formbar“ und können sich langsamer als ihre jungen Kollegen an neue Strukturen und Prozesse anpassen. Und sie sind spezialisiert und daher nicht mehr so universell für jede Position einsetzbar – was aber auch ein entscheidender Vorteil sein kann – dazu später.

Doch bedeutet die selbst empfundene Beschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten im Umkehrschluss „Augen zu und durch?“ Halte ich einen Job, der mir keine Freude mehr macht und für den ich mich jeden Morgen zwingen muss, zur Arbeit zu gehen, einfach bis zum Ende durch? Ich kenne Menschen, die dies durchaus für einen Zeitraum von 15 Jahren in Erwägung ziehen und als völlig normal empfinden. Und das nur, weil sie sich vom Arbeitsmarkt und unserer Gesellschaft einreden lassen, sie seien als ätere Arbeitnehmer nichts mehr wert.

Besser Kopf hoch und Augen auf!

Was viele Berufserfahrene vergessen und unterschätzen ist ihre enorme Berufserfahrung. Mit der Einstellung „Was kann ich schon?“ oder „Wer will mich denn jetzt noch?“ fällt es schwer, etwas Neues zu finden. Wer aber erkennt, welche Vorteile er oder sie gegenüber frisch gebackenen Bachelor-Absolventen hat und mit dem entsprechenden Selbst-Bewusstsein im Arbeitsmarkt auftritt, hat zu jedem Zeitpunkt seines aktiven Berufslebens gute Chancen.

Es ist schon verrückt. Ich erlebe im Karriere-Coaching den jungen Berufseinsteiger, der sich von keiner Stellenanzeige angesprochen fühlt, weil in allen Ausschreibungen mindestens zwei Jahre Berufserfahrung aufgeführt werden. Im nächsten Moment sitzt mir der Berufserfahrene mit Mitte 40 gegenüber, der den Wert seiner Erfahrungen der letzten 20 Jahre als für die Zukunft nicht relevant beurteilt. Warum sehen viele Bewerber oftmals nur, welchen Anforderungen sie nicht genügen? Warum können so viele Berufserfahrene ihre reichhaltige Erfahrung nicht richtig wertschätzen?

Ach, das ist doch nichts Besonderes!

Das höre ich ständig. Und ja, Sie haben natürlich völlig Recht! 20 Jahre in einem Beruf, die vielen guten Entscheidungen, die Sie in dieser Zeit getroffen haben, das viele Wissen, das Sie sich in Ihrem Gebiet im Laufe der Jahre angeeignet haben und die Menschenkenntnis, die Sie durch die Zusammenarbeit mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden gesammelt haben – das ist alles wertlos! Ja, und die paar Verbesserungsvorschläge, die wären ja auch jedem anderen Kollegen eingefallen. Und die Weiterbildungen, die Sie in den letzten Jahren gemacht haben, die wurden Ihnen ja auch nur auf´s Auge gedrückt.

Sie lachen? Ja, das klingt lustig (sollte es auch), aber dieses Denken schleicht sich bei vielen älteren Bewerbern, die schon länger und vergeblich auf der Suche nach einem neuen Job sind, langsam aber sicher ein. Jede Absage kratzt am Selbstbewusstsein – bei Berufserfahrenen viel stärker als bei Uni-Absolventen. Doch das alles spielt sich nur im Kopf ab und ist eine Frustspirale, die es immer schwieriger macht, überzeugend beim nächsten Vorstellungsgespräch aufzutreten.

Machen Sie sich stattdessen bewusst, welchen riesig großen Erfahrungsschatz Sie im Laufe Ihres Berufslebens schon gesammelt haben. Auf was sind Sie besonders stolz? Was würde Ihr Chef oder Ihre Chefin sagen, was Sie gut können? Wofür wurden Sie von Ihren Kollegen bisher geschätzt? Was können Sie besser als ein frisch gebackener Uni-Absolvent? Welchen Nutzen bringen Sie einem Arbeitgeber, wenn er Sie als Berufserfahrene(n) einstellt? Was möchten Sie gerne noch lernen? Lesen Sie sich Ihre Zeugnisse durch und wertschätzen Sie alles das, was dort positiv über Ihre bisherige Arbeit geschrieben steht. Ja, Zeugnisse klingen immer toll, aber glauben Sie auch ruhig ein wenig von dem, was dort über Sie gesagt wird.

Den richtigen Arbeitgeber finden.

Wer sich mit 50 auf Trainee-Stellen oder für Praktika bewirbt, darf sich über Absagen nicht wundern. Sowohl die Position als auch der Arbeitgeber sollten zu Ihrer Berufserfahrung und zu Ihrem Alter passen. Schauen Sie sich auch auf den Webseiten Ihres potenziellen neuen Arbeitgebers um und recherchieren Sie bei XING, welche Menschen dort arbeiten. Sicher gibt es Unternehmen, die verstärkt auf junge Mitarbeiter setzen und sich freuen, wenn ihre Angestellten mit Mitte 50 nach einer Altersteilzeit- oder Abfindungsregelung fragen. Es gibt aber auch Arbeitgeber, die die Erfahrung und die höhere Loyalität ihrer älteren Arbeitnehmer sehr zu schätzen wissen. Diese Unternehmenskultur finden Sie eher in kleinen und mittelständischen, vor allem inhaber- oder familiengeführten Unternehmen als in großen DAX-Konzernen. Schauen Sie sich gezielt nach Arbeitgebern um, für die Ihr Erfahrungsschatz wertvoll ist.

Es ist nie zu spät, das Leben in die Hand zu nehmen.

Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie die Zeit bis zur Rente aussitzen oder aktiv gestalten. Wenn Sie als sogenannter „Silverager“ beruflich etwas verändern möchten, dann haben Sie hierfür zu jedem Zeitpunkt die Chance. Mit einer wertschätzenden und selbstbewussten Grundhaltung können Sie Ihre besonderen Stärken und Ressourcen erkennen und für Ihren Weg zum neuen Arbeitgeber nutzen.

Welche Wechsel und Bewerbungs-Erfahrungen haben Sie als Arbeitnehmer „in den besten Jahren“ gemacht? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Hallo Bernd,

    das ist ein toller Beitrag, der mir wirklich aus der Seele spricht!

    Das „Absitzen“ der Arbeitszeit und das Zählen der Jahre bis zur vermeintlich erlösenden Rente ist eine ziemlich traurige Angelegenheit. Aber unter „abhängig Beschäftigten“ leider weit verbreitet.

    Häufig ist der Glaube an die Selbstwirksamkeit irgendwann so verkümmert, dass das weitere Berufsleben einfach stillschweigend ertragen wird. Auch wenn man eigentlich nur noch unzufrieden ist.

    Erschwerend kommt die Bereitschaft hinzu, sich für Wohneigentum hoch und langfristig zu verschulden. Die monatlichen Forderungen der Bank ersticken dann den letzten Rest an Mut und Veränderungswillen.

    Ich war so frei, deinen Artikel in einem Kommentar auf meinem Blog zu verlinken, da er einfach gut in die Diskussion passte:
    http://zendepot.de/warum-du-vermoegen-bilden-willst-gedanken-zum-leben-im-hamsterrad/#comment-3818

    Herzliche Grüße
    Holger

    1. Hallo Holger,

      Danke Dir. Und die Verlinkung passt sehr gut, denn natürlich spielen oft auch finanzielle Aspekte eine große Rolle, warum Arbeitnehmer nichts an ihrem Leben (und Beruf) verändern und aus Angst lieber im Status Quo verharren.

      Viele Grüße,
      Bernd

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