Blog Coaching Schwerer Fall FB

Coaching. Bin ich ein schwieriger Fall?

Eine Frage, die mir in den letzten Wochen wirklich auffallend häufig gestellt wurde. Manchmal auch in der gesteigerten Version als glaubhaft gesicherte Feststellung mit warnendem Ausrufezeichen. Langzeit-Arbeitslose sind schwer vermittelbar – weil es ihnen sogar amtlich bestätigt wird. Neuorientierung mit 50? – Vergessen Sie’s! Bewerbung als Überqualifizierter? – Das wird schwer! Wer sagt das alles – und stimmt das überhaupt? Wie entstehen diese Bewertungen? Was ist mit dem Stempel »Schwieriger Fall« verbunden und warum scheint es für viele Menschen in Veränderungssituationen so wichtig zu sein, diese ‚Diagnose‘ zu erhalten? Ist es womöglich in unserer gestressten Gesellschaft heute auch angesagt, ein schwieriger Fall zu sein?

Der Typ Mensch »Schwieriger Fall«

Achtung, jetzt kommt ein wenig Schubladendenke, aber vielleicht gibt es ja die eine oder andere Gemeinsamkeit, die diesen Typ Mensch vereint und wir so der Sache auf die Spur kommen. Diese drei Beobachtungen fallen mir bei meiner Arbeit mit selbsternannten »schwierigen Fällen« auf:

Beobachtung 1: Keine eigene Wertschätzung

Nahezu alle können ihre bisherigen Leistungen, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten sowie ihre Erfahrungen aus vielen Jahren im Beruf nicht wertschätzen. Was ist denn das schon wert? Das kann doch jeder! So ein bisschen internationales Projektgeschäft, drei erfolgreiche Existenzgründungen, die Führung von 25 Mitarbeitern!

In einem Moment, in dem ich noch ein »Wow!« in meinem Kopf habe, weil mich der geschilderte berufliche Werdegang, das Managen der Familie oder der Umgang mit schwierigen Situationen in der Vergangenheit wahrhaftig beeindrucken, machen sie genau das Gegenteil: alles normal und nichts besonderes.

Beobachtung 2: Größtenteils Frauen

Ok, auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt Haue von meinen treuen Leserinnen bekomme – Frauen sind es größtenteils, die sich selbst als schwierige Fälle einstufen. Ich bin kein Psychologe und werde hier jetzt keine Hypothesen für meine Beobachtung aufstellen (auch wenn ich welche im Kopf habe). Ich lasse es einfach mal so stehen.

Beobachtung 3: Angst vor Veränderung

Es gibt Menschen, die freuen sich auf Veränderungen. Sie wissen vielleicht nicht, wie sie diesen Schritt selbst in Angriff nehmen können oder suchen Unterstützung bei der Priorisierung von Handlungsmöglichkeiten, doch sie haben Lust und sind von innen heraus motiviert, einen neuen Weg zu gehen.

Die »schwierigen Fälle« haben Angst vor Veränderung. Sie haben selbst bemerkt oder es wurde ihnen aus dem Umfeld klar gemacht, dass es wie bisher nicht weiter geht und sie zwingen sich, einen neuen Weg zu finden. Dass dieser Weg steinig ist und es ganz bestimmt nicht leicht werden wird, das ist ihr fester Glaube und das gehört dazu. Warum genau das auch gut sein kann, dazu später mehr.

Schwierig oder leicht? Alles nur in Ihrem Kopf!

»Schwieriger Fall« ist eine Bewertung. Sie entsteht im Kopf des Bewertenden aus dessen momentaner Perspektive auf seine Erfahrungen der Vergangenheit, die aktuelle Situation sowie auf seine Vorstellungen für die Zukunft.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, diese Bewertung ist berechtigt. Denn sie erscheint in diesem Moment für den Bewertenden als richtig. Es geht mir auch nicht darum, dieses Gefühl zu egalisieren, weil ich die Situation anders sehe. Denn auch das ist wiederum nur in meinem Kopf und es wäre anmaßend, jemanden vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

Aber ein Hinterfragen wird erlaubt sein ;-) Wer sagt, dass es schwierig ist? Warum glauben Sie, dass Sie ein schwieriger Fall sind? Mal angenommen, Ihr Fall wäre doch gar nicht so schwierig, wie wäre es dann? Gab es in Ihrem Leben auch schon leichte Fälle? Und so weiter …

Wer sich lange genug selbst sagt, dass das Leben schwierig ist, der Chef und die Kollegen böse sind und die Welt irgendwie insgesamt total ungerecht ist, der glaubt irgendwann daran.

Ich finde es wichtig, solche Bewertungen, die sich in unseren Köpfen im Laufe des Lebens massenweise eingenistet haben, regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen. Denn: das ist alles nur in Ihrem Kopf!

 Schwierige Fälle dürfen Hilfe in Anspruch nehmen.

»Ich leiste mir jetzt einen Coach, weil es mir so schlecht geht. Ich habe ja schon viele Bücher gelesen, aber die haben alle nicht geholfen. Meine Freundinnen können mein Gejammer nicht mehr hören und wissen auch nicht mehr weiter. Ich bin halt ein echt schwieriger Fall!«

Braucht es den schwierigen Fall, um Hilfe und professionelle Begleitung bei persönlichen oder beruflichen Veränderungsprozessen in Anspruch zu nehmen? Ist diese Bewertung nur die Legitimation hierfür? Weil ich so ein schwieriger Fall bin, erlaube ich mir jetzt, mir helfen zu lassen?

Ja, ich denke, diese Bewertung ist normal und auch logisch. Denn wir fahren auch unser Auto in die Werkstatt, weil wir den Ölwechsel nicht selbst hinbekommen. Wir beauftragen den Steuerberater, weil wir keine Lust oder Zeit haben, uns durch Gesetze und Formulare zu quälen. Jeder Dienstleister hat seine Berechtigung, weil es sich lohnt, Geld gegen Wissen, Erfahrung oder Talent oder auch die eigene Zeit zu tauschen.

Doch es ist ein Unterschied, ob Sie zum Werkstattleiter sagen: »Sehen Sie, mein Auto ist von 1965, der Ölwechsel ist sicher ein schwieriger Fall für Sie!« oder ob Sie sich bei eigenen Veränderungsprozessen selbst zum schwierigen Fall deklarieren – und sich damit auch selbst gehörig im Weg stehen können.

Schwierige Fälle akzeptieren keine leichten Lösungen.

Manchmal liegt die Lösung einfach auf der Hand. Es ist nicht meine Lösung, sondern eine Idee meines Gegenübers. Doch sofort kommt eine Armee von ABERs. Leichte Lösungen werden bei schwierigen Fällen nicht akzeptiert. Ich habe den Eindruck, sie dürfen einfach nicht akzeptiert werden. Das kann doch schließlich nicht so einfach sein, denn ich bin doch ein schwieriger Fall!

Bevor das kleine Pflänzchen einer Lösung auch nur den Hauch einer Chance bekommt, ernst genommen zu werden, wird auf ihr mit allen Kräften herumgetrampelt. Es gibt immer gute Gründe, die diesem Weg entgegenstehen – und wenn nicht, dann wird einfach das Problem wieder hervorgeholt und breitgewälzt. Für den eigenen Zuspruch zum schwierigen Fall.

So wie ich hier gefragt habe »Darf Erfolg auch leicht sein?« stelle ich in solchen Situationen manchmal diese Frage: Darf Ihre Lösung auch leicht sein?

Gehört es etwa bei Veränderungen dazu, dass sie mit hoher Anstrengung verbunden sein müssen und sind sie nur dann etwas wert? Können wir das Erreichen eines gesetzten Zieles stärker wertschätzen, wenn es für uns ein harter Weg war?

Ist denn nicht Ziel gleich Ziel? Hauptsache, angekommen! Und wäre es nicht rückblickend sogar viel besser, dieses Ziel möglichst Ressourcen schonend erreicht zu haben? Jeder rational wirtschaftlich denkende Mensch würde jetzt mit dem Kopf nicken.

Schwierige Fälle möchten nichts verändern.

Ich habe den Eindruck, vielen schwierigen Fällen geht es gar nicht wirklich um die Erreichung des Ziels. Ob bewusst oder unbewusst – die angestrebte Veränderung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht attraktiv genug. Weitermachen wie bisher ist attraktiver – aus welchen Gründen auch immer.

Diese Gründe sind ernst zu nehmen. Es kann sein, dass Veränderungen von außen getrieben sind, etwa von den Eltern, dem Partner, den Arbeitskollegen oder der Gesellschaft.

Ich bin der Meinung, wir wissen in unserem Innersten sehr genau, was tatsächlich gut für uns ist. Wir verlieren nur ab und zu den richtigen Zugang zu diesem Wissen.

Entspringt der Drang nach Veränderung nicht der eigenen Überzeugung und tragen wir die echte Motivation hierfür nicht in uns, so wird der »schwierige Fall« zum willkommenen Grund, so schnell erst einmal nichts zu verändern, denn das geht ja schließlich nicht.

Unter diesem Gesichtspunkt leistet unser Kopf (oder Bauch) doch eigentlich auch sehr gute Arbeit, indem uns die Veränderung durch die Bewertung der Situation erschwert wird. Denn es wäre nicht der eigene Weg und es wären nicht die eigenen Ziele.

Schwierige Fälle möchten gerettet werden.

Weil es schwierige Fälle längst aufgegeben haben und nicht mehr daran glauben, dass sie selbst zu einer Lösung und ihren Zielen finden, hoffen Sie auf Rettung von außen.

Sie sind voll der Hoffnung: Es muss doch irgendwo auf dieser Welt jemanden geben, der mir endlich sagt, was ich tun soll, damit es wieder besser wird. Sie lehnen sich zurück und schrauben ihre Erwartungshaltung hoch. Ob an mich innerhalb des Coaching-Prozesses oder auch (vorher) gegenüber ihrem Umfeld.

Ich bin der Meinung: Wer sich selbst entscheidet, ein schwieriger Fall zu sein, gibt die Verantwortung für das eigene Handeln ab.

Schwierige Fälle sehnen sich nach Aufmerksamkeit.

Haben Sie schon einmal von sekundärem Krankheitsgewinn gehört? Was geschieht, wenn Sie Ihren Freunden zum wiederholten Mal die Ohren voll jammern? Sie erhalten Aufmerksamkeit und Zuwendung. Von allen Seiten bekommen Sie wundervoll bestätigt »Ach, Du armes Ding, Du hast es ja echt soo schwer.« Dazu mitleidige und zugleich verständnisvoll mitfühlende Blicke und die feste Umarmung mit wohlwollendem Klopfen auf den Rücken.

Jammern verbindet. Und nach Aufmerksamkeit, Harmonie und Nähe sehnen wir uns doch alle irgendwie. Doch braucht es hierfür den Glauben daran, ein besonders schwieriger Fall zu sein?

Ich denke nicht, denn zum einen schwächt Sie das Mitleid anderer und zieht Sie nur noch tiefer hinunter und zum anderen versperrt Ihnen diese Haltung den Blick auf das Positive im Leben und auf die vielen Chancen, die sich Ihnen im Leben auch bieten.

Belastende Situation oder schwieriger Fall?

Ganz klar, eine Situation kann als belastend empfunden werden und natürlich gibt es Dinge im Leben, die uns stark beanspruchen und uns an unsere Grenzen führen. Die Welt ist nicht jeden Tag eitel Sonnenschein. Krankheiten, der Tod geliebter Menschen, Ärger und Druck im Job oder Sorgen und Probleme in der Familie oder der Partnerschaft. Alles das kann unser Leben extrem belasten und uns unseren Weg schwer machen. Trauer und die Verarbeitung oder Klärung dieser Situationen sind genauso wichtig wie die Nähe und Zuneigung unseres Umfeldes in diesen Zeiten.

Auch wenn die Situationen von den Betroffenen als belastend wahrgenommen werden, ist der »schwierige Fall«, den ich in diesem Beitrag betrachte, aus meiner Perspektive etwas anderes. Es ist die eigene oder manchmal auch fremdbestimmte Entscheidung, das Leben und seine Umstände schwer zu nehmen.

Ihre Entscheidung!

Sie entscheiden, ob es gut ist, sich in diesem Moment als schwieriger Fall zu sehen. Mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Wenn Sie einfache Lösungen nicht akzeptieren, sondern weiter nach dem perfekten Weg suchen möchten, ist auch dies Ihre Entscheidung.

Von mir in meiner Rolle als Coach erfahren meine Klienten nicht den Zuspruch, dass sie ein schwieriger Fall sind. Denn diese Bewertung kann ich für sie und ihr Leben nicht treffen und ihnen damit auch nicht die Entscheidung abnehmen, aus welcher Perspektive sie auf ihre Situation blicken.

Für mich gibt es weder leichte noch schwierige Fälle. Es geht um Lösungen.
Und diesen Lösungen ist es egal, ob das Problem vorher schwierig oder leicht war.

(Bildnachweis: 123rf.com, 39486685, bzh22)

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich lese Sie gerne!

    Neulich las ich den Satz: „Ohne Verlust kann es keine Veränderung geben“. Und manchmal dunkt es mich, dass „wir schweren Fälle“ dies spüren und den Schwanz frühzeitig einziehen (Sorry für die Wortwahl) – aber das zeigen wir natürlich nicht öffentlich. Offiziell sind wir weiter auf der Suche nach der uns glücklich machenden Methode.

    Verlust des Opferdaseins („Ich habe doch alles getan, war immer mustergültig und nun …“), Verlust der Ohnmacht und Hilflosigkeit, Verlust sozial akzeptierter Strategien und Verhaltensweisen, die aber nicht weiter führen; Verlust des Gefühls der Sicherheit.

    Was Veränderung wirklich bedeutet, merkt man erst, wenn man sich verändert.

    Dann gilt das „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ nicht mehr. Ich glaube, das ist es, wovor sich viele fürchten. Sich wirklich zu verändern.

    1. Hallo Miss Melony ;-)

      ja, da ist viel dran. Ich finde es wichtig, bei Veränderungen auch kritisch für sich selbst zu hinterfragen „Was gebe ich auch auf?“ und „Was bin ich bereit, für die Veränderung zu zahlen?“ Bewusste und gute Veränderung bedeutet fast immer, die geliebte sichere Komfortzone zu verlassen und die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Opfer-Typen, auf die Sie im Kommentar anspielen, tun genau beides nicht. Denn es sind immer die Anderen schuld oder die allgemeinen Umstände, dass eine Veränderung einfach nicht möglich ist. Aber auch das ist eine Entscheidung, in der Opferrolle und auch in der eigenen Komfortzone zu verharren.

      Ich freue mich sehr, dass Ihnen meine Beiträge gefallen und danke Ihnen für Ihre Perspektive hier!

      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

Ihre Perspektive? Schreiben Sie einen Kommentar.