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Chef für einen Tag. Da können Sie was erleben!

Kennen Sie auch diese Situationen im Job, in denen Sie sich wünschen, Sie wären der Chef und alle würden nach Ihrer Pfeife tanzen? Und überhaupt, wenn Sie könnten, würden Sie das ja alles ganz anders machen, nicht wahr? Oder wundern Sich sich manchmal über das Verhalten Ihres Chefs und fühlen sich vielleicht nicht richtig verstanden? Was denkt er über Sie und was geht in bestimmten Situationen wohl im seinem Kopf vor? Was können Sie selbst dazu beitragen, um zukünftig Missverständnisse in der Zusammenarbeit zu vermeiden? Würden Sie und würden vielleicht auch Ihre Kollegen gerne anders geführt werden?

Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu erhalten, möchte ich Sie heute zu einem Gedankenexperiment einladen: Schlüpfen Sie für einen Tag in die Rolle Ihres Chefs oder Ihrer Chefin und erleben Sie diesen Tag durch seine bzw. ihre Brille. Haben Sie Lust ..?

Chef für einen Tag

Einen Tag lang Ihr Chef sein. Mit allem, was dazugehört. Wäre das für Sie attraktiv? Sie könnten – nur mal so angenommen – alles verändern, was Ihnen in Ihrem jetzigen Job nicht gefällt. Sie haben an diesem Tag alle Kompetenzen Ihres Chefs und können alle Weichen stellen, von denen Sie glauben, dass sie Sie und die Abteilung in die richtige Richtung führen. Sie begegnen an diesem Tag allen Ihren Kollegen aus der Perspektive Ihres Chefs – also auch sich selbst.

Und? Schlagen die Gedanken in Ihrem Kopf schon Purzelbäume? Oder herrscht dort gähnende Leere, weil Sie gar keinen Schimmer haben, was Sie als Chef konkret verändern würden oder wie Ihr Chef Sie selbst und die Kollegen sieht?

Ist das überhaupt attraktiv für Sie? Oder sagen Sie lieber, sie/er macht das schon ganz gut, wir kommen prima miteinander aus, verstehen uns bestens und ich liebe meinen Job so wie er ist. Sofern das der Fall ist, können Sie gerne in den anderen Beiträgen hier im Blog stöbern oder aus reiner Neugier doch einfach weiterlesen …

Angenommen, der Rollentausch findet heute statt …

Sie werden zu Ihrem Chef bzw. zu Ihrer Chefin. Sie sehen die Welt aus seinen bzw. ihren Augen und verhalten sich so, wie sich Ihr Chef verhalten würde. Das Gedankenexperiment beginnt … jetzt.

Stellen Sie sich vor, dass Sie gerade auf dem Weg zur Arbeit sind. Sie sitzen vielleicht im Auto oder fahren mit der Bahn. Vielleicht kommen Sie auch mit dem Fahrrad  oder zu Fuß zu Ihrer Arbeitsstelle. Und während Sie sich Ihrem Arbeitsplatz immer mehr annähern, verwandeln Sie sich in Ihren Chef oder in Ihre Chefin. In dem Moment, in dem Sie Ihr Unternehmen betreten, sind Sie Ihr Chef bzw. Ihre Chefin.

Was fällt Ihnen auf und was verändern Sie?

Schauen Sie sich in Ihren Gedanken im Gebäude um. Was ist anders? Gibt es etwas, was Ihnen auffällt? Sie gehen weiter. Sie sind inzwischen in Ihrer Abteilung angekommen und Ihre Mitarbeiter sind auch schon an ihren Arbeitsplätzen. Was denken Sie über sie und auch über sich selbst aus der Chef-Perspektive? Was wäre Ihnen wichtig und welche Veränderungen werden Sie als Chef heute in die Wege leiten?

Vielleicht die Zusammensetzung des Büros? Den nervigen Kollegen von gegenüber umsetzen? Andere Schreibtische oder Stühle? Modernere PCs oder Drucker am Arbeitsplatz? Mehr Gehalt für sich selbst oder andere Mitarbeiter? Andere Aufgaben? Würden Sie Mitarbeiter aus dem eigenen Team entlassen oder zusätzliche Mitarbeiter einstellen (mal angenommen, das geht an einem Tag)? Andere Arbeits- oder Pausenzeiten? Was fällt Ihnen noch alles ein?

Herr Lästig schafft es nie!

Ihr Tag im Büro beginnt. Gleich morgens kommt Herr Lästig zu Ihnen ins Büro und jammert Ihnen wie jeden Tag das Ohr voll, dass er die Aufgaben auf gar keinen Fall bis zum Abend schaffen kann. Es sei ja alles viel komplizierter als gedacht und außerdem müsse er ausgerechnet heute pünktlich nach Hause.

Ja, Sie sind heute der Chef! Was geht Ihnen durch den Kopf? Was denken Sie über Herrn Lästig? Was antworten Sie ihm?

Immer diese Meetings!

Der Tag nimmt weiter seinen Lauf. Ausgerechnet heute an Ihrem Chef-Tag steht das Team-Meeteing an. Und Sie ahnen es bereits: Die Mitarbeiter werden wieder einmal in epischer Breite alle Gründe auf den Tisch bringen, warum etwas nicht in der vorgegebenen Zeit zu schaffen war und auch ganz schnell die Schuldigen hierfür finden, die natürlich gerade nicht an der Sitzung teilnehmen. Am Ende sind die Aufgaben für die Woche verteilt, die Stimmung ist im Keller und jeder geht frustriert wieder an seinen Platz.

Wie nehmen Sie als Chef Ihre Mitarbeiter im Termin wahr? Was erwarten Sie von ihnen, wie sie sich als Team in der Besprechung verhalten?

Herr Emsig und Frau Neunmal-Klug.

Oder ist alles doch ganz anders? Herrn Lästig gibt es in Ihrer Abteilung gar nicht, sondern nur die Damen und Herren Emsig und Neunmal-Klug. Ihre Mitarbeiter sind so etwas wie die Elite-Einheit des ganzen Unternehmens. Sie denken und handeln durch die Bank selbständig und sind Ihnen oft fachlich um Längen voraus. Einige Kollegen aus anderen Abteilungen sagen, Ihre Mitarbeiter sind arrogante Besserwisser.

Wie wirken Herr Emsig und Frau Neunmal-Klug auf Sie? Arbeiten Sie gerne mit ihnen zusammen? Oder nervt es Sie, wenn sie jeden Tag mit neuen Verbesserungsvorschlägen und Ideen, die Welt ein Stückchen besser zu machen, zu Ihnen kommen? Was möchten Sie Ihren ambitionierten und hochintelligenten Mitarbeitern gerne sagen?

Mittags in der Kantine …

Mittagspause. Sie bleiben Chef für einen Tag. Gehen Ihre Mitarbeiter mit Ihnen essen oder gehen Sie mit Ihresgleichen an einen Tisch? Und dann ist die Kantine ja auch der ideale Ort, um die Fehltritte der Kollegen auszutauschen und sich über die nicht verständlichen Entscheidungen des Top-Managements aufzuregen. Sofern nicht alle verstummen, sobald Sie den Raum betreten, hören Sie das Getuschel an den Nachbartischen? Oder wird über andere Dinge „bei Tisch“ gesprochen? Vielleicht über Privates? Oder über die aktuellsten Entwicklungen im Unternehmen? Wird viel gelacht oder herrscht eher eine ernste Atmosphäre?

Wie nehmen Sie als Chef die Stimmung in der Kantine wahr? Anders als sonst?

Fast Feierabend.

Der Feierabend rückt näher, Ihr Chef-Tag neigt sich nun dem Ende zu. Sagen Sie „leider“ oder „endlich“? Jetzt am Nachmittag haben Sie noch etwas Zeit, um den Tag Revue passieren zu lassen. Die meisten Ihrer Mitarbeiter sind schon nach Hause gegangen und Sie haben die Ruhe, über den Tag nachzudenken. Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch, schließen die Augen und denken über folgende Fragen nach:

  • Wie ging es Ihnen als Chef an diesem Tag? Haben Sie sich in der Rolle wohlgefühlt?
  • Was ist Ihnen leicht gefallen und welche Situationen waren für Sie schwierig?
  • Wie haben Sie an diesem Tag Ihre Mitarbeiter erlebt?
  • Wie haben Sie auch sich selbst gesehen?
  • Gab es Situationen, in denen Sie sich gewünscht haben, dass sich Ihre Mitarbeiter Ihnen gegenüber oder auch im Team anders verhalten hätten?
  • Was können Sie als Chef und was können auch die Mitarbeiter dazu beitragen, dass Sie als Team gut zusammenarbeiten?

Wenn Sie Ihren Mitarbeitern (und einen von ihnen kennen Sie ja persönlich sehr gut!) einen Ratschlag oder Tipp zu ihrer Arbeitsweise oder zu ihrem Verhalten Ihnen und den Kollegen gegenüber geben könnten, was würden Sie sagen?

Zeit, nach Hause zu gehen.

Sie verlassen gedanklich Ihren Chef-Arbeitsplatz, gehen aus der Firma heraus und fahren oder gehen nach Hause. Genau so, wie Sie am Morgen auch zur Arbeit gekommen sind. Mit Verlassen der Firma und auf dem Weg nach Hause legen Sie die Chef-Rolle wieder ab und spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem Sie bei sich zu Hause ankommen, sind Sie wieder ganz Sie selbst.

Denken Sie jetzt einmal an Ihre letzten Gespräche oder schwierigen Situationen mit Ihrem (echten) Chef oder auch mit Ihren Kollegen. Jetzt, da Sie eben gerade erlebt haben, wie die Perspektive Ihres Chefs auf die Dinge und das ganze Team ist, hätten Sie – mit dieser Erfahrung – etwas an Ihrem damaligen Verhalten anders gemacht?

Und was ist morgen …?

Mein Tipp: Bevor Sie das nächste Mal vor Ihrem Chef oder einem Ihrer Kollegen stehen, weil Sie Arbeitsanweisungen oder Entscheidungen nicht verstehen oder sich über dessen Verhalten aufregen, dann wechseln Sie kurz gedanklich die Perspektive und überlegen Sie sich aus dieser Sicht, wie sich die Situation darstellt, welche Reaktion naheliegend ist und was Sie sich in diesem Moment von Ihrem Gegenüber (das sind Sie selbst) wünschen würden.

1. Was können Sie persönlich zukünftig anders machen, um Missverständnisse oder Unklarheiten in der täglichen Zusammenarbeit zu vermeiden?

2. Was können Sie tun, um von Ihrer Chefin oder Ihrem Chef so geführt zu werden, wie Sie es sich wünschen?

3. Was können Sie aus dieser Erfahrung durch eine Veränderung Ihres Verhaltens im Team herbeiführen, um die Zusammenarbeit unter Kollegen zu stärken?

Vielleicht ist Ihnen auch bewusst geworden, dass Ihr Chef oder Ihre Chefin viel zu wenig über Sie weiß. Je besser Sie sich kennen, desto besser verstehen Sie die Motivation, Ziele und Denkmuster des anderen. Was Ihr Chef über Sie wissen sollte, dazu habe ich hier schon einmal geschrieben.

Überlegen Sie auch, ob die Veränderungen, die Ihnen an Ihrem Chef-Tag eingefallen sind, tatsächlich alle ausschließlich in der Verantwortung Ihres Chefs liegen. Führung ist keine Einbahnstraße und auch Sie sind ein Chef – Ihres Lebens! Was können Sie also konkret dazu beitragen, dass vielleicht auch nur ein Teil Ihrer Gedanken und Ideen in nächster Zeit Realität werden? Sie besitzen weit mehr Gestaltungsspielräume als Sie denken.

Durch solche Perspektivwechsel lassen sich viele Missverständnisse und Konflikte (übrigens nicht nur im Job!) vermeiden und Sie lernen mit etwas Übung, nicht nur Ihr eigenes Verhalten und Ihre eigenen Sichtweisen stärker zu reflektieren, sondern auch die Menschen in Ihrer Umgebung mit ihren vielleicht anderen Sichtweisen, Meinungen und Verhaltensweisen besser zu verstehen.

(Bildnachweis: 123rf.com, Bild Nr. 5840832, Richard Thomas)

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Hallo Bernd,

    sehr schöner Artikel, hat mir sehr gut gefallen. Aus der Sicht des Mitarbeiters ist es sicherlich leicht seinen Vorgesetzten zu kritisieren. Schließlich trägt er ja nicht die gleiche Verantwortung. Beim Perspektivwechsel merkt man dann aber schnell, das das Leben eines Vorgesetzten doch nicht so einfach ist. Von daher benötigt ein gutes Arbeitsklima Selbstreflexion auf allen Seiten. Das kann auch auf Politik, Sport etc. angewendet werden.

    Grüße

    Stefan

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