Bewerbungsprozess

Candidate Journey: Traumreise oder Höllentrip zum neuen Arbeitgeber?

Ich ziehe hier ja ab und an ein wenig über Arbeitgeber her, wie sie mit Bewerbern umgehen, und ich frage mich manchmal: Höre ich vielleicht einfach berufsbedingt mehr Leid von frustrierten Bewerbern als positive Erlebnisse? Bewerber, die sich über nichtssagende Stellenausschreibungen, unfaire Vorstellungsgespräche oder respektlose Absagen echauffieren. Sieht die Welt da draußen vielleicht doch viel besser aus? Arbeitgeber, die teure Segeltörns für den Berater-Nachwuchs auf die Beine stellen, Interviews modern per Skype führen und es Jobwechslern dank Digitalisierung mit der Ein-Klick-Bewerbung kinderleicht machen, ihr Interesse zu bekunden. Ja, auch das alles gibt es und da tut sich gerade viel in Unternehmen. Was lässt den Bewerbungsprozess nicht Höllentrip, sondern gute Reise zum Traumjob sein und welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Am Ende wartet eine Umfrage auf Sie.

Employer Branding für mehr Arbeitgeberattraktivität

Unternehmen arbeiten seit einigen Jahren emsig an der Politur ihrer Marke als Arbeitgeber. Über 2.100 Employer Branding Manager spuckt die XING Suche aus. Eine Position, an die vor 15 Jahren noch niemand gedacht hat. Viele Stellen sind neu geschaffen worden, manche Unternehmen beschäftigen eigene Experten nur für Hochschulkooperationen, um die Besten eines Jahrgangs sofort abzufangen, noch bevor sie auf die Idee kommen, nach Stellen – im schlimmsten Fall beim Wettbewerber – zu suchen. Sie investieren in moderne, neue Recruiting-Plattformen, treiben sich in Social Media rum und schreiben Blogs, firmieren intern nicht mehr als Verwalter unter Personal oder Human Resources, sondern als Gestalter unter HR-Business-Partner oder Human Relations und versprechen auf ihren Karriere-Portalen: Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt!

Doch welche Relevanz haben die inzwischen über 80 Kommentare unter meinem Artikel zu den respektlosesten Jobabsagen? Menschen, die dort ihre Geschichte schildern, wie schlecht sie behandelt wurden, oft noch mit spürbarer Wut im Bauch. Welche Relevanz haben die Ergebnisse der aktuellen Bewerberstudie, über die wir hier im Interview mit kununu berichtet haben? Danach werden Arbeitgeber im Verlauf des Bewerbungsprozesses immer schlechter. Sind die vielen Investitionen in Employer Branding am Ende doch nur rausgeschmissenes oder falsch angelegtes Geld? Oder müssten Unternehmen noch viel mehr investieren vor dem Hintergrund von demographischer Entwicklung und Fachkräftemangel, um eine echt gute Wirkung zu erzielen? Und wo bleibt dann der kleine Mittelständler um die Ecke oder der Pflegedienst, der heute schon keine freiwilligen Bewerber mehr findet? Ich habe den Eindruck, so richtig optimal läuft es noch nicht.

Muss und kann es wahrscheinlich auch nicht, denn besonders die großen Unternehmen sind nicht in der Lage, von heute auf morgen ihre HR-Prozesse umzukrempeln, auch nicht einfach mal so die Köpfe mit der alten autoritären HR-Denke an die Luft zu setzen, geschweige denn eine gut sichtbare und vor allem glaubhafte Marke zu etablieren. Für den Mittelstand auch eine Mammutaufgabe, ohne das operative Geschäft zu gefährden. Das dauert. Jahre. Wenn nicht sogar eine ganze Generation von Chefs und Mitarbeitern. Wer von Ihnen einen Blick auf Change-Themen in Unternehmen hat, der weiß, wie schwerfällig vor allem Konzern-Tanker schippern und welche Anstrengungen nötig sind, um auch nur die kleinste Kurskorrektur mit der bestehenden Besatzung umzusetzen.

Fassade und Blendertum auf beiden Seiten

Vielleicht wird Bewerbern von Arbeitgebern angesichts der inzwischen spürbaren Enge im Bewerbermarkt auch zu stark vorgespielt, wie toll es alles doch schon bestellt ist um den zeitgemäßen Bewerbungsprozess und somit auch eine zu hohe Erwartungshaltung produziert. Denn nur ein schickes Bewerberportal löst heute keine Jubelschreie bei Bewerbern aus. Vor allem nicht, wenn sie dann im persönlichen Kontakt mit ihrem potenziellen Arbeitgeber doch wieder wie gewohnt nach den Stärken und Schwächen, ihrer Vision in 10 Jahren und den Jobwechselgründen ausgequetscht werden.

Vielleicht ist der Knackpunkt im System Bewerbungsprozess auch gar nicht auf Arbeitgeberseite zu suchen? Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt bei Bewerbern unbeliebt mache:

Sind sie es möglicherweise, die keine Lust haben oder noch nicht so weit sind, auf die neuen Entwicklungen im Recruitingmarkt anzuspringen? Die stöhnen, wenn sie ihre Lebensläufe zum x-ten Mal als PDF hochladen müssen und schön gestaltete Papier-Anschreiben in ein unformatierbares Textfeld übernommen werden. Bewerber, die weiterhin langweilige 08/15-Bewerbungen verschicken und alles daran setzen, sich bloß nicht von der Masse abzuheben. Die für Vorstellungsgespräche ihre Schwächen zu Stärken umformuliert auswendig lernen und die Tipps der angestaubten Bewerbungsratgeber in sich aufsaugen. Bewerber, die nicht wissen, was ihnen im Beruf wirklich wichtig ist, ohne Ziele durchs Leben laufen und sich nicht trauen, in Job-Interviews das zu fragen, was sie wirklich interessiert, sondern sie weiterhin in der Haltung der Bittsteller versuchen, den perfekten Schauspieler abzugeben. Ja, auch auf dieser Seite ist längst nicht alles so cool und relaxed, wie es etwa den jungen Generationen nachgesagt wird. Ganz im Gegenteil, gerade bei Berufseinsteigern fallen mir viele dieser Punkte heute oft auf.

Ich bin nicht sicher, welche Seite diesen Knoten im Bewerbungsprozess auflösen kann. Sind es die Arbeitgeber, die Bewerbern weniger bunte Fassade und stattdessen mehr echtes Interesse auf Augenhöhe entgegenbringen müssen? Oder sind es die Bewerber, die zu einer neuen Haltung finden müssen, die eher der veränderten Lage am Bewerbermarkt entspricht? Beides hängt wohl irgendwie eng zusammen und beide Seiten sind hier weniger als Gegenspieler sondern vielmehr als gleichwertige Parteien gefragt, weiter an einem besseren Bewerbungsprozess zu arbeiten.

Candidate Journey: Gute Reise, lieber Bewerber!

Viele Arbeitgeber haben inzwischen erkannt, dass nur eine gute Bewerberansprache für den Rekrutierungserfolg nicht mehr ausreichend ist. Sie nehmen daher immer intensiver den Bewerbungsprozess als Ganzes unter die Lupe. Unter dem Begriff Candidate Journey betrachten sie alle Kontaktpunkte zwischen Unternehmen und Bewerbern. Von der Website, über Stellenanzeigen, Mails, Messeauftritte, Vorträge, Vorstellungsgespräche, Assessments, bis hin zum Arbeitsvertrag und später dem ersten Arbeitstag: Jeder einzelne Kontaktpunkt ist wichtig und entscheidet darüber, ob sich ein Bewerber am Ende des Prozesses für oder gegen seinen neuen Arbeitgeber entscheidet.

Als Candidate Experience bezeichnen die Unternehmen dabei das Empfinden und Erleben der Bewerber in diesem Prozess. Bewerber sollen begeistert werden, unabhängig vom Ergebnis des Prozesses. Selbst nach einer Absage soll ein Kandidat das Unternehmen seinen Freunden als attraktiven Arbeitgeber empfehlen oder es im Netz positiv bewerten.

Visionäres Wunschdenken oder bereits Realität?
Wie erleben Sie heute Bewerbungsprozesse? Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Umfrage: Wie haben Sie Ihre Reise zum neuen Job erlebt?

Stellenanzeigen.de und die meta HR Unternehmensberatung führen aktuell die Candidate Journey Studie 2016 durch. Die Befragung wird wissenschaftlich begleitet von Prof. Peter M. Wald von der HTWK Leipzig und läuft noch eine Woche bis zum 31. August 2016.

Christoph und Philip Athanas von Meta HR sowie Prof. Wald kenne ich persönlich und unterstütze sie gerne. Und natürlich interessieren mich die Ergebnisse auch, ich werde dazu schreiben.

Sofern Sie innerhalb der letzten drei Jahre den Arbeitgeber gewechselt und sich beworben haben, können Sie durch Ihre Teilnahme an der Umfrage mit dazu beitragen, die Kommunikation zwischen Arbeitgebern und Bewerbern zu verbessern – und gewinnen können Sie auch etwas :-)

>>> Hier geht’s zur Umfrage <<<

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Zum Thema Skype-Interview: Davon habe ich bisher eines gehabt und ich fand es nicht so toll. Während mein Gesicht wahrscheinlich in Überlebensgröße auf dem Monitor zu erkennen war einschließlich aller Pckel, waren meine Gesprächspartner viel zu weit weg, um Mimik und Körpersprache zu lesen. Ich habe mich dadurch ziemlich benachteiligt gefühlt, geben diese mir doch ein wertvolles Feedback.

    Auch dadurch, dass wohl nur mein Gesicht zu sehen war, hatte ich keine Möglichkeit, durch meine Körpersprache, also als ganze Person, zu wirken. Man muss ja ziemlich ruhig vor der Kamera sitzen.

    Die Skype-Interviews mit diversen Bewerbern waren offenbar in 30-Minuten-Blöcken durchgetaktet, so dass das Gespräch am Ende mehr oder weniger abgewürgt werden musste und ich keine Gelegenheit mehr hatte, Fragen zu stellen. Da war organisatorisch sicher einiges verbesserungswürdig. Gesamtnote bestenfalls eine 4.

    Zur Umfrage: Bei der Frage nach den Inhalten der Stellenanzeige fand ich es blöd, nicht mehr als 5 Dinge ankreuzen zu können. Ich musste mich auf das beschränken, was sowieso in 90 Prozent aller Anzeigen drinsteht. Verschiedene Dinge, die in Deutschland (noch) nicht üblich sind, konnte ich nicht mehr anhaken.

    Zur Frage, warum ich immer noch auf Jobsuche bin, musste ich etwas anhaken, obwohl ich das Feld „Sonstige“ genutzt hatte. Das ist blöd, weil ich einen ganz anderen, gar nicht aufgelisteten Grund angegeben habe.

    1. Hallo Simone,
      ja, das mit den Skype-Interviews finde ich auch nicht optimal, ich bin für tiefer gehende Coachings auch kein Freund davon, weil es mir auch wichtig ist, mein Gegenüber komplett wahrzunehmen. Für ein kurzes Gespräch und den ersten Eindruck im Bewerbungsproezess kann es aber durchaus sinnvoll sein, erst recht wenn Bewerber und Arbeitgeber weit entfernt sind. Dann sollten beide Seiten es sich jedoch auch so einrichten, dass sie gut sichtbar sind und auch das sehen, was ihnen wichtig ist, ggf. als Bewerber Ihr Gegenüber bitten, etwas an der Kameraeinstellung zu verändern.

      Danke auch für Ihre Teilnahme an der Studie und Ihr wertvolles Feedback. Ich habe es an die Initiatoren der Umfrage weitergeleitet.

      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

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