Schwache Frau Starke Frau

Bewerbungsgespräch: So zeigen Sie als Bewerber und Unternehmen richtig Schwäche.

»Was sind Ihre größten Schwächen?« Diese Frage von Personalern hassen Bewerber und bereitet ihnen im Vorfeld die größte Angst. Wenn es Ihnen so wie mir geht, dann haben auch Sie (früher) gelernt: Mache aus Deinen Schwächen Stärken! Meine Antworten in Bewerbungsgesprächen waren also immer Perfektionismus und Ungeduld. Trifft beides zu und kann wunderbar positiv argumentiert werden. Diese und ähnliche hingedrechselten Möchtegern-Schwächen mit auswendig gelerntem Stärken-Anstrich höre ich auch in allen Coachings mit Bewerbern. Was für ein Quatsch – denke ich heute, denn Ihr Gesprächspartner erfährt so eigentlich nichts über Sie. Warum also nicht tatsächlich auch über echte Schwächen reden? Und zwar auf beiden Seiten!

Lieber Bewerber, was sind Ihre Schwächen?

Diese Frage scheint sich hartnäckig in Bewerbungsgesprächen zu halten. Sie ist wahrscheinlich nur daher noch nicht ausgestorben, weil es eine der wenigen berüchtigten Fangfragen ist, die Personaler rechtlich noch stellen dürfen.

Wenn ich mit Bewerbern arbeite und sie frage, an welchen Stellen sie im Einstellungsgespräch ins Straucheln geraten, dann ist es fast schon eine rhetorische Frage. Die Schwächen machen ihnen allen zu schaffen. Sie fragen mich, was eine kluge Antwort darauf ist und sie nicht zum totalen Looser macht. Denn was nützt es, das Kartenhaus mit Ausbildung und exzellenter Berufserfahrung erst mühsam aufzubauen, wenn es bei dieser Frage gänzlich in sich zusammen fällt?

Die Schwächen-Frage. Was steckt dahinter?

Bevor es um die Antwort geht, finde ich es wichtig, zunächst die Frage an sich zu hinterfragen. Warum interessiert sich ein potenzieller Arbeitgeber für Ihre Schwächen?

Stress-Simulation

Für viele HR-Verantwortliche ist es weiterhin spannend zu sehen, wie sich Bewerber in Stress-Situationen verhalten. Sie wissen, dass die Schwächen-Frage bei den meisten Bewerbern Stress verursacht. Wie souverän reagiert der Kandidat? Hat er seine Antwort – so wie ich damals – aus irgendwelchen Bewerber-Ratgebern auswendig gelernt und spult sie ab? Wie verändert sich die (Körper-)Sprache? Erfährt Ihr Gegenüber vielleicht wirklich eine Schwäche, die ihm als Entscheider die Erlaubnis gibt, Sie als Bewerber auszusortieren?

Hier geht es nicht in erster Linie um den Inhalt der Antwort, sondern vielmehr um die Beobachtung Ihrer spontanen Reaktion und Souveränität.

Gewohnheit. Steht so im Fragenkatalog

Ja, das ist böse gegenüber HR, ich weiß. Aber wir sind nun einmal Gewohnheitsmenschen und das, was wir einmal gelernt haben und für richtig erachten, hält sich hartnäckig. Diese Frage gehört einfach zu einem richtigen Vorstellungsgespräch dazu – denken viele eingefleischte Personaler.

Wer so unterwegs ist, der erwartet wahrscheinlich auch Floskeln wie Perfektionismus, Ungeduld oder übertriebenen Ehrgeiz als Antwort und hinterfragt sie nicht einmal. Frage gestellt, protokolliert, Haken dran.

Echtes Interesse

Schön wär’s! Für mich wäre es der Idealzustand. Denn wenn ich eine Frage stelle, egal in welchem Kontext, dann sollte ich auch echtes Interesse an der Antwort haben. Ein persönliches Interesse, weil ich durch die Antwort Informationen erhalte, die für mich und wie in diesem Fall für eine Entscheidung im Unternehmen nützlich sind. Nur so wird aus einem Bewerbungsgespräch ein echtes, gegenseitiges Kennenlernen.

Hier punkten Sie mit einer ehrlichen Antwort und der richtigen Haltung zu Ihren Schwächen, solange sie Ihnen als Bewerber nicht das Genick bricht – aber dazu später mehr.

Was sind Ihre Schwächen?

Auf diese Frage erhalte ich meistens die auswendig gelernten Floskeln als Antwort oder ernte sogar ein großes Fragezeichen im Gesicht. Komisch, denn eigentlich sehen wir im Alltag doch eher, was wir nicht gut können oder was gerade schief läuft und tun das Positive mit »Das ist doch nichts Besonderes« ab. Ich bemerke, dass sich viele Bewerber natürlich ihrer Schwächen bewusst sind, aber sie selbst im Coaching es nicht wagen, diese auszusprechen. Denn für’s Bewerbungsgespräch ist das ja alles nicht geeignet.

Irgendwann ist dann doch ein Flipchart voll mit Schwächen entstanden: Mangelnde Durchsetzungsfähigkeit, Konfliktscheue, Angst vor schwierigen Entscheidungen, Schwächen bei Präsentationen vor großen Teams, Konzeptionsschwäche, zu schnelles aus der Haut fahren, Besserwisserei, Kontrollzwang, schlechtes Organisationsvermögen, ungerechtes Verhalten gegenüber Kollegen in bestimmten Situationen etc.

Ist die Übersicht komplett, sagen alle Bewerber: »Aber das kann ich doch nicht im Gespräch sagen!«

Welche Schwächen dürfen Sie zugeben?

Meine Meinung: Alle. Mit der richtigen Haltung.

Na klar, es gibt sicherlich Schwächen, die Ihnen bei der Besetzung einer Stelle das Genick brechen würden. Angenommen, Sie bewerben sich als Controller und sagen, dass Sie Zahlen hassen. Oder Sie möchten als Arzt arbeiten und erklären, dass Sie kein Blut sehen können. Oder Sie stellen sich als Maschinenschlosser vor und sagen, dass Sie zwei linke Hände haben. Aber mal ganz ehrlich – wenn so etwas der Fall wäre, dann hätten Sie auch kein Interesse am jeweiligen Beruf.

Ich gehe mit Bewerbern alle ihre Schwächen durch. Gibt es darunter aus ihrer Sicht k.o.-Kriterien bezogen auf einen bestimmten Job? Sie kommen zu der Erkenntnis: Nein, die gibt es bei näherem Hinsehen eigentlich nicht.

Sicherlich ist es auch abhängig von der Position und der Berufserfahrung. Ich bin der Meinung, dass ein Hochschulabsolvent nicht in allem perfekt sein kann. Bei einem gestandenen Manager würde mich als HR-ler mangelnde Durchsetzungsfähigkeit auch ins Grübeln bringen. Aber auch hier sage ich: Wer sich als Vorstand bewirbt, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit für diese Schwäche eher gering, denn es braucht in der Regel ein paar Stationen vorher, in denen bestimmte Kompetenzen in der Praxis erlernt und auch nachgewiesen worden sind.

Schwächen sind Entwicklungspotenziale!

Bewerber – gerade junge Menschen – sehnen sich im Job nach Herausforderung sowie persönlicher und fachlicher Entwicklung. Etwas Neues lernen, eine neue Branche kennenlernen, sich neu positionieren und den nächsten Schritt machen. Darum geht es den meisten Bewerbern, wenn sie die Stelle wechseln.

Wo kommen wir denn hin, wenn der Bewerber tatsächlich die eierlegende Wollmilchsau wäre. Wäre das nicht auch total langweilig – für beide Seiten? Der Traum vom perfekten Bewerber, der ohne Einarbeitung vom ersten Tag an sofort 100% – ach was sage ich, 150% Leistung erbringt – und das konstant über die nächsten 20 Jahre, dafür braucht es eine tiefe Vollmond-Nacht :-)

Übrigens, wer in seinem Job das Gefühl hat, alles zu können und keine Entwicklung mehr sieht, der langweilt sich schnell. Die meisten Mitarbeiter möchten sich entwickeln. Routine und Monotonie und in allem bereits perfekt zu sein macht sie müde im Job. Ich habe neulich ein Interview zu Boreout gegeben und glaube, dass über lange Zeit fehlende Entwicklungspotenziale auch ein Auslöser hierfür sein können.

Bewusstsein über Schwächen ist eine Stärke

Wer seine Schwächen kennt, kann daran arbeiten. Sich dieser Entwicklungspotenziale bewusst zu werden, ist ein wichtiger Schritt. Die kritische Reflexion des eigenen Denkens und Handelns sowie die Ableitung von positiven Veränderungszielen fallen vielen Menschen schwer.

Ist es gut, wenn sich Bewerber ihrer Schwächen bewusst sind? Versetzen Sie sich einmal in die Rolle Ihres Chefs. Welchen Mitarbeiter hätten Sie lieber? Herrn Müller, ein Möchtegern-Typ, oberflächlich und aalglatt, der sich grundsätzlich alles zutraut und keine Schwächen zeigt, bei dem aber auch schon mal was in die Hose geht. Oder Frau Meier, reflektiert, überlegt, die bei schwierigen Aufgaben zugibt, so etwas noch nie gemacht zu haben, es sich aber zutraut – vielleicht mit Unterstützung – und daran wachsen möchte. … Klar, oder?

Die Schwächen-Kommunikations-Strategie

Schaffen Sie Klarheit bei der Frage nach Ihren Schwächen! Denn nur so hat auch Ihr Gegenüber die Möglichkeit zu entscheiden, ob Sie auf diese Position, ins Team und ins Unternehmen passen. Für Sie bedeutet diese Klarheit, herauszufinden, ob die Position und dieser Arbeitgeber das richtige Umfeld sind, um an diesen Schwächen zu arbeiten und sich weiter zu entwickeln.

»Ich bin mir bewusst …«

Zeigen Sie, dass Sie sich intensiv mit Ihren Schwächen (und auch Ihren Stärken!) auseinandergesetzt haben. Es heißt nicht umsonst Selbst-Bewusstsein. Sich und sein Verhalten selbst reflektieren zu können, ist eine wichtige Stärke bei den Soft-Skills.

Machen Sie sich im Vorfeld des Vorstellungsgesprächs Gedanken, welche Schwächen Sie preisgeben möchten. Ich würde eine „mittlere“ Schwäche wählen, die einerseits nicht allzu lapidar (und wieder aus dem Bewerbungsratgeber auswendig gelernt) daherkommt, die aber auch nicht so gravierend ist, dass Ihr Gegenüber sofort denkt »Das lernt er/sie doch niemals!« Erzählen Sie von einer echten Schwäche, die Sie tatsächlich stört und an der Sie in den nächsten Monaten arbeiten und sich verbessern möchten.

»Das zeigt sich, wenn …«

Personaler lieben Beispiele. Machen Sie Ihre Schwäche an bestimmten Situationen fest. »Immer, wenn ich vor vielen Menschen spreche, fühle ich mich unsicher.« Werden Sie konkret. Denn so kann Ihr Gegenüber Ihre Schwäche erst richtig einschätzen. Auch hier sollte wieder klar sein, dass Sie bei dieser Schwäche nicht als Presse-Sprecher bei Volkswagen anheuern. Starten Sie hingegen als Berufsanfänger und kommen vielleicht ab und zu in den Genuss, Ihre Arbeit vor einem Team vorzustellen, dann kann Ihr zukünftiger Arbeitgeber nun entscheiden, wie wichtig es ihm ist, dass Sie von Anfang an den perfekten Auftritt beherrschen.

»Ich möchte daran arbeiten!«

Hier zeigen Sie Eigeninitiative. Machen Sie deutlich, dass Sie diese Schwäche an sich stört und Sie daran arbeiten möchten. Ein klares Signal an Ihren neuen Arbeitgeber, dass Sie aktiv die Dinge in die Hand nehmen und sich fachlich sowie persönlich weiterentwickeln möchten.

Und wenn Sie mutig (oder neugierig) sind, dann schließen Sie das Thema ab mit:

»Wie werden Sie mich dabei unterstützen?«

Ups. Darf man denn im Vorstellungsgespräch solche Forderungen aufstellen? Ja, ich finde schon. Jedes Unternehmen schreibt sich heute Mitarbeiterentwicklung auf die Fahnen. Hier ist der Punkt gekommen, an dem Ihr vielleicht zukünftiger Arbeitgeber zeigen kann, dass dies nicht nur leere Worte im Rahmen einer New Work Marketing-Kampagne sind.

Und nur so haben Sie die Möglichkeit, selbst einschätzen zu können, ob dieser Arbeitgeber Ihnen den richtigen Nährboden und das passende Umfeld für Ihre Entwicklung bieten kann. Sie werden an der Art der Antwort bemerken, ob Ihr neuer Chef nur eine Arbeitsmaschine sucht oder ein echtes Interesse an Ihnen als Person hat und Sie als Mitarbeiter fördern wird.

Liebes Unternehmen, was sind Ihre Schwächen?

Ich setze noch einen drauf. Wäre es nicht konsequent für ein Vorstellungsgespräch auf Augenhöhe, auch etwas über die „Schwächen“ des Unternehmens zu erfahren? Jedes Unternehmen befindet sich immer in irgendeinem Entwicklungs- und Transformationsprozess.

Mit welchen wichtigen Themen beschäftigt sich das Unternehmen gerade? Welche großen Projekte laufen? Welche Entwicklungsziele hat das Unternehmen für die nächsten Jahre? Falls Ihr zukünftiger Chef anwesend ist: Wohin möchte er seinen Bereich oder sein Team entwickeln? Was läuft heute noch nicht so gut und wie gehen das Management und die Führungskräfte an diese Schwachstellen ran?

Ich hätte mich früher auch nicht getraut, so eine Frage zu stellen. Da ich mich als Angestellter im Unternehmen aber intensiv mit Strategieentwicklung und Veränderungsthemen beschäftigt und mir in den letzten Jahren viele Gedanken über gute Bewerbungsprozesse gemacht und viele Gespräche hierzu geführt habe, weiß ich heute um die Bedeutung dieser Frage und wie sehr die Reaktion sowie die Antwort darauf auch ein Spiegel der Unternehmens- und Arbeitskultur sind.

Mein Fazit

Vergessen Sie die alte Regel, aus Ihren Schwächen im Vorstellungsgespräch plump Stärken zu machen. Machen Sie aus Ihren Schwächen lieber Entwicklungspotenziale. Zeigen Sie, dass Sie sich bestimmter Schwächen selbst bewusst geworden sind und Sie die neue Position auch dafür nutzen möchten, um an sich zu arbeiten. Schaffen Sie diese Klarheit und geben Sie so auch Ihrem zukünftigen Arbeitgeber die Möglichkeit, Sie mit Ihren Ecken und Kanten kennenzulernen, die Sie und Ihre Persönlichkeit auszeichnen.

Und wenn es Sie wirklich interessiert, dann stellen Sie auch die Frage nach den Schwächen = Entwicklungspotenzialen des Unternehmens und wie Ihr neuer Arbeitgeber Sie dabei unterstützen wird, sich selbst persönlich und fachlich weiter zu entwickeln. Sie dürfen alle Fragen stellen, die Ihnen wichtig sind, denn am Ende entscheiden Sie beide darüber, ob Sie den Arbeitsvertrag unterschreiben.

(Bildnachweis: 123rf.com, 35425240, stokkete)

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Ein ganz neuer Blickwinkel den Fokus auf die eigenen Stärken und Entwicklungspotentiale zu legen… eine sehr interessante Anregung! Vielen Dank dafür.

  2. JA die Schwächen! Meiner Meinung nach sollte die Schwäche einfach nur aufzeigen, dass ein Bewerber sich selbst reflektiert hat, die Schwäche erkennt, daran arbeitet und am besten eine Stärke daraus resultiert. Natürlich sollte die genannte Schwäche nicht zu stark gegen den Job sprechen. Weiterhin entkräften die Worte gelegentlich oder manchmal die genannte Schwäche. Vorteile haben Schwächen ja auch, die Polarisierung lässt grüßen, denn nichts ist nur schlecht oder nur gut. Die Aussage „Manchmal bin ich ungeduldig“ bedeutet ja auch, dass die Person etwas voranbringen möchte.

    Liebe Grüße
    Michael Büchler

    1. Hallo Herr Büchler,
      danke für Ihren Kommentar. Ich denke ja nicht, dass es darum geht, krampfhaft aus einer Schwäche eine Stärke machen zu müssen, das ist ja das „alte“ Bild und die Empfehlung der meisten Bewerber-Ratgeber-Bücher. Sicher hat eine Schwäche auch (fast) immer eine positive Seite, aber warum nicht auch zur Schwäche stehen, sie zum Entwicklungspotenzial machen und daran arbeiten wollen?
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

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