Bewerbertypen

10 schräge Bewerbertypen, auf die kein Personaler steht

Würden Sie einen Schwätzer, Besserwisser oder ein Lästermaul als neuen Mitarbeiter einstellen? Als Bewerber wissen Sie genau, dass Sie so im Vorstellungsgespräch auf keinen Fall rüberkommen dürfen. Doch mancher Kandidat verliert im Job-Interview das Bewusstsein über sein Verhalten und die Wirkung auf Personaler. Sie texten ihre Gesprächspartner zu, stapeln hoch oder inszenieren das beste Theaterstück ihres Lebens. Und am Ende wundern sie sich, warum es wieder nicht geklappt hat. Zur Sensibilisierung für Ihr nächstes Bewerbungsgespräch sind hier 10 Bewerbertypen, die es Personalern echt schwer machen, sie zu verstehen.

1. Der Atemlose

Ein Bewerbungsgespräch ist aufregend. Die Gesprächspartner und die Location sind unbekannt, es geht um vielleicht den richtig gut passenden Job und den Arbeitgeber für die nächsten Jahre. Der Weg durch das Gebäude bis zum „Verhör“-Raum kommt manchem Kandidaten vor wie ein Marathonlauf. Und auf das „Bitte nehmen Sie hier Platz“ schließt sich sofort „Erzählen Sie doch mal was von sich“ an. Und los geht’s! Der Typ Atemlos hechelt jetzt runter, was ihm einfällt, verhaspelt sich, wirkt wirr und vergisst Punkt und Komma. Das eigene Gefühl von schlechter Performance verstärkt die Luftnot noch viel mehr.

Achten Sie als Bewerber bewusst darauf, wie es Ihnen gerade geht und was Sie fühlen. Ist Ihre Atmung hoch, das heißt, Sie atmen schnell oben aus der Brust und nicht tief aus dem Bauch heraus, dann versuchen Sie – gerade zu Beginn des Gesprächs – etwas zur Ruhe und damit wieder mehr zu sich zu kommen. Konzentrieren Sie sich für einige Atemzüge auf eine tiefe und gleichmäßige Atmung. Sie werden schnell die entspannende Wirkung bemerken. Vielleicht bitten Sie auch Ihre Gesprächspartner, zunächst etwas von sich, über die Stelle und das Unternehmen zu sagen, um erst einmal anzukommen. Sie dürfen als Bewerber aufgeregt sein. Ich behaupte, so mancher Personaler ist es auch.

2. Der Schwätzer

Der Typ Schwätzer schafft es einfach nicht, auf den Punkt zu kommen. Eine Geschichte folgt der anderen. Aus der Kurzvorstellung werden 30 Minuten Monolog. Unwichtiges wird wie Kaugummi ausgedehnt, die wichtigen Fakten gehen in der Laberei unter. Schwätzer sind ständig im eigenen Film. Sie bemerken nicht, dass sie ihr Gegenüber langweilen. Selbst Zwischenfragen der Personaler überhören sie gerne. Die eigene Geschichte zum Abschluss zu bringen, das ist schließlich wichtiger. Beliebt ist das Nachstellen ganzer Gespräche: „Hat der gesagt …. und ich so … und er so … hab ich gesagt ….“ Sie kennen das, wenn Ihnen jemand eine Frikadelle ans Ohr labert? Als Bewerber sollten nicht Ihren Senf dazu geben ;-)

Die beste Übung, den Typ Schwätzer im Job-Interview zu vermeiden, ist aktives Zuhören. Nehmen Sie Ihr Gegenüber bewusst wahr. Hören Sie zu und antworten Sie konkret auf das, was wirklich gefragt ist. Eine Geschichte am Rande kann das Gespräch auflockern und macht Sie sympathisch. Doch es sollte ein Gespräch bleiben, bei dem auch Personaler ihre Redeanteile haben und nicht erst warten müssen, bis Sie zum Luft holen ansetzen. Trauen Sie sich mit dem Gefühl, auf eine Frage genug gesagt zu haben, auch mal einen Punkt zu machen.

3. Der Komplizierte

Hier handelt es sich um den Typ komplizierter Erklärbär,  dem gerne auch der Stempel Theoretiker aufgedrückt wird. Auch wenn ich jetzt eine Schublade öffne, aber ich erlebe es häufig bei Ingenieuren, Physikern oder Mathematikern. Wer gut analytisch denken kann, der wirkt in der Sprache manchmal etwas kompliziert. Der Komplizierte formuliert jeden Satz erst im Hirn perfekt vor und überprüft ihn im Hinblick auf seine wahrscheinliche Wirkung auf die Gesprächspartner, bevor er dann ausgesprochen wird. Kommt ein hoher Bildungsabschluss hinzu, scheint der eigene Anspruch als Bewerber im Interview besonders hoch, sich gewählt wissenschaftlich korrekt auszudrücken.

Hier hilft es, sich vor und während des Gesprächs bewusst zu machen, dass es nur eine Unterhaltung zwischen Menschen wie du und ich ist, die alle nur mit Wasser kochen und sich einfach nur möglichst gut kennenlernen möchten. Und – im Gegensatz zum Schwätzer – kann es auch durchaus von Vorteil sein, die Kompetenz zu besitzen, erst zu denken und dann zu sprechen. Dies selbst zu akzeptieren trägt häufig auch zur eigenen Entspannung bei.

4. Der verzweifelte Notfall

„Ich suche schon so lange, ich bewerbe mich jetzt sogar auf niedrigere Stellen und habe auch das Gehalt runtergeschraubt.“ Sie glauben nicht, wie oft ich diesen Satz höre. Bewerber denken irgendwann, dass ihre Chancen steigen, wenn sie sich auf Stellen bewerben, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Und diesen Eindruck macht der „verzweifelte Notfall“ auch im Gespräch: Er wird zum unterwürfigen Bittsteller und würde alles dafür tun, wenn ihm doch endlich jemand die Möglichkeit gäbe.

Signalisieren Sie im Bewerbungsgespräch nicht, wie dringend Sie diesen Job brauchen und wie sehr Ihr Leben von dieser Entscheidung des Personalers abhängt. Das macht Sie schwach. Steigt in Ihnen das Gefühl der Verzweiflung als Bewerber auf, dann schrauben Sie nicht Ihre Ansprüche runter und verkaufen sich unter Wert, sondern halten Sie für einen Moment inne und machen Sie lieber eine Bestandsaufnahme: Bewerben Sie sich noch auf die passenden Stellen? Wie können Sie Ihre Suche verändern? In welchen Situationen kommen Sie bisher ins Straucheln und was können Sie in Zukunft anders machen?

5. Der Nachwuchsschauspieler

Dieser Typ Bewerber betritt bereits gelassen lächelnd das Gebäude und behält seine Maske bis zum Ende auf. Er hat seine Vorstellung perfekt einstudiert und kann jede Antwort auf die typischen Personaler-Fragen auswendig vortragen. Jede seiner Bewegungen, seine Mimik und die Körpersprache sind inszeniert und unterliegen einer strengen Kontrolle. Der Schauspieler lässt keinen Blick hinter die Fassade auf sein echtes Ich zu. Ein Bewerbungsgespräch ist ein Schaulaufen und nur der beste Eindruck zählt!

Für Personaler ist es schwer, einen schauspielenden Kandidaten einzuschätzen. Sie werden versuchen, Sie als Bewerber aus der Reserve zu locken. Denn wie sollen Recruiter sonst entscheiden, ob Sie später im echten Arbeitsleben mit dem Chef und den Kollegen auskommen und auch sonst ins Unternehmen passen? Geben Sie sich echt, authentisch und natürlich – natürlich angemessen für die Situation. Außerdem: Wer im Job-Interview den Schauspieler mimt und so überzeugt, der fällt häufig im späteren Job auf die Nase. Denn der Bewerber als Schauspieler ist im Job-Interview so heiß auf den Applaus, dass er nach der gelungenen Vorstellung selbst keine Klarheit darüber hat, ob es wirklich passt und sich am ersten Tag im Job wundert, wo er gelandet ist.

6. The Bachelor

Dieser Typ ist gerade mit dem Studium fertig und verspricht in seiner Bewerbung als Trainee, die Rendite des Konzerns um 20% p.a. zu steigern und das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Aalglatt und im Gepäck die neuesten Management-Methoden kommt sich der „Bachelor“ vor wie der größte Hecht. Seine Strategie: Einschleimen für die steile Karriere. Er ist fest davon überzeugt, dass sich alles um ihn dreht und alle nur darauf gewartet haben, dass er endlich die Bühne betritt. Dabei ist der Typ „Bachelor“ in seiner Rolle als Bewerber häufig auch nur der beste Schauspieler, noch dazu voller heißer Luft.

Ja, Bewerber sollten sich gut verkaufen und sich von ihrer besten Seite präsentieren, um im Wettbewerb mit den anderen Kandidaten auf den Job zu gewinnen. Doch wer zu hoch stapelt, seinen echten Wert verkennt und als Berufseinsteiger vollmundig verspricht, die Welt zu retten, der macht sich unglaubwürdig. Sie dürfen und sollten stolz sein auf Ihre Abschlüsse und beruflichen Erfahrungen, doch zeigen Sie im Job-Interview, dass Sie Ihre Kompetenzen realistisch einschätzen können und mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.

7. Der Einsilbige

Er macht es dem Personaler schwer, etwas über ihn zu erfahren. Jede geschlossene Frage ist eine willkommene Einladung, auch nur mit Ja oder Nein zu antworten und die nächste Frage zu erwarten. Dieser Typ sagt lieber nichts als zu viel. Wer etwas wissen möchte, soll gefälligst fragen – so seine Haltung. Der Einsilbige ist das komplette Gegenteil eines Schwätzers oder des Geschichtenerzählers.

Auch wenn Sie von Natur aus eher zurückhaltend und ein ruhiger Typ sind, lassen Sie sich als Bewerber auf das Gespräch ein. Erzählen Sie von sich, Ihren Erfolgen und Erfahrungen und sagen Sie, was Ihnen im Beruf und für eine gute Zusammenarbeit wichtig ist. Bieten auch Sie Ihren Gesprächspartnern Themen an, die vertieft werden können und stellen Sie selbst auch solche Fragen, die Sie interessieren. Zeigen Sie echtes Interesse an der Position und dem Unternehmen.

8. Das Lästermaul

Jeder Bewerber weiß heute, dass er im Vorstellungsgespräch nicht schlecht über den letzten Arbeitgeber sprechen sollte. Doch manchmal stecken der Frust und die Enttäuschung so tief oder sind die Emotionen noch derart frisch, dass das Lästermaul doch zum Vorschein kommt. Manchmal auch provoziert durch geschickte Fragen der Personaler. Der Typ „Lästermaul“ zeigt nicht nur, dass er auch über den nächsten Arbeitgeber miese Stimmung verbreiten wird, sondern präsentiert sich als armes Opfer des bösen alten Chefs oder der fiesen Kollegen.

Würden Sie so ein Lästermaul als neuen Mitarbeiter frisch an Bord holen? Ich nicht! Lassen Sie sich nicht darauf ein, Bad News über Ihren letzten Chef oder die Kollegen preis zu geben. Selbst wenn Sie das übelste Mobbing hinter sich haben, bleiben Sie im Gespräch sachlich. „Es hat nicht mehr gepasst.“ Punkt! „Die Werte des Unternehmens / des Chefs haben nicht mehr zu meiner Haltung gepasst.“ Diese Aussage wird sicherlich hinterfragt werden, hier sollten Sie also auch sachlich Auskunft geben können, ohne andere durch den Dreck zu ziehen.

9. Das Fähnchen im Wind

Hier handelt es sich um den Typ „Ja-Sager“ ohne eigene Meinung. Personaler testen im Bewerbungsgespräch, welche Haltung Bewerber zu bestimmten Themen haben und wie stark sie diese auch vertreten können. Das Fähnchen im Wind schwenkt mit seiner Meinung um, sobald sein Gegenüber anderer Ansicht sein könnte. Häufig steckt der Wunsch nach Harmonie dahinter, es allen Recht machen zu wollen. Gerade Führungskräfte, die – auch unbeliebte – Entscheidungen in ihrer künftigen Position zu treffen haben, machen als Fähnchen im Wind einen schwachen Eindruck.

Beziehen Sie als Bewerber Position und stehen Sie zu Ihrer Meinung. Jedoch nicht als sturer Besserwisser oder als Unbelehrbarer. Personaler möchten erkennen, dass Sie sich eine eigene Meinung bilden können und diese überzeugend vertreten. Knicken Sie nicht beim kleinsten Versuch einer anderen Sichtweise ein oder werten dies sogar als Angriff oder Falle, sondern versuchen Sie, die andere Sicht zu verstehen und gleichen Sie sie mit Ihrem Standpunkt sachlich ab. Denn die Welt ist immer nur das, wofür wir sie halten.

10. Der Angsthase

Der Typ „Angsthase“ ist ein Meister darin, sich Sorgen zu machen. Er interpretiert jeden Gesichtsausdruck seiner Gesprächspartner und wittert hinter jeder Frage eine gemeine Falle. Seine Gedanken werden dominiert von der Frage „Darf ich das sagen?“, seine Körperhaltung drückt Zurückhaltung, Demut und unbändige Kontrolle aus. Er empfindet seine Gesprächspartner auf Unternehmensseite als mächtig und über ihm stehend.

Jeder Personaler wird verstehen, wenn Sie vor allem zu Beginn des Gesprächs nervös sind. Ich persönlich bin der Meinung, dass Sie es auch offen ansprechen können, wenn es nicht zu übersehen ist, weil etwa ihre Finger zittern, Sie übermäßig schwitzen oder Ihre Halsschlagader zu platzen droht. Denn es wird häufig besser, wenn Sie keine Energie mehr darauf verwenden müssen, etwas zu verheimlichen, was eh schon offensichtlich ist.

Welcher Bewerber-Typ sind Sie?

Meine 10 Beispiele sind Extremfälle. Natürlich gibt es auch Abstufungen und sicherlich sind manche Ausprägungen für den einen oder anderen Job auch nützlich. Bewerben Sie sich als Pressesprecher, kann ein wenig Schwätzer- und Schauspiel-Kompetenz vielleicht nicht schaden ;-)

Warum habe ich diesen Beitrag geschrieben?

Ich beobachte in der Arbeit mit Bewerbern häufig, dass sie in einer Situation hoher Konzentration und Anspannung das Gespür dafür verlieren, wie sie wirken. Sie bemerken nicht, wenn sie ihre Gesprächspartner zutexten, langweilen und dabei nicht einmal zuhören. Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie sich plötzlich komplizierter als sonst ausdrücken und gerade junge Studenten bemerken als Berufseinsteiger nicht, dass sie leicht zu hoch stapeln.

Meine 10 überzeichnet dargestellten Typen sollen Sie als Bewerber durch Verhaltensverbote nicht noch mehr einschüchtern, sondern Sie vielmehr ermuntern, der zu sein, der Sie wirklich sind. Falls Sie gerne viel reden oder wissen, dass Sie eher zurückhaltend sind, dann ist dies keine Aufforderung, zum Gegenteil zu mutieren. Extro- oder Introversion gehören zu Ihnen und machen Sie aus.

Stärken Sie als Bewerber Ihr eigenes Bewusstsein über die Eigen- und Fremdwahrnehmung Ihres Verhaltens. Bitten Sie andere Personen in Ihrem Umfeld um ein Feedback, wie sie Sie wahrnehmen. Vielen Bewerbern, die zu mir ins Coaching kommen, ist meine Wahrnehmung als neutraler Außenstehender wichtig. So können Sie sich im Hinblick auf anstehende Bewerbungsgespräche entscheiden, ob es sinnvoll ist, an Ihrem Verhalten etwas zu verändern oder worauf Sie stärker bewusst achten möchten.

(Bild: 123rf.com, #12394058, bowie15)

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 23 Kommentare

  1. Uiuiui! Drei von zehn konnte ich ankreuzen.
    Ernsthaft: Schöne Checkliste für die Selbstreflexion für die Vorbereitung. Nicht nur von Bewerbungsgesprächen! :-)

  2. Beeindruckender Durchblick!
    Habe seit August 2015 eine Auszeit genommen und starte gerade wieder am Neueinstieg, der bis Januar 2017 erfolgreich sein muss….
    Coachen Sie auch, wenn man nicht mehr weiß, was man sich zutrauen kann? Bestenfalls in Frankfurt?
    Toller Artikel!
    Liebe Grüße Natalie

      1. Hallo Herr Slaghuis, das Coaching würde mich auch interessieren. Welche Möglichkeiten bieten Sie in München? Vielen Dank und Grüße Ülkü

  3. Interessanter und lustiger Artikel. Was mir bei der mentalen Vorbereitung meiner Gespräche hilft: Sich darauf besinnen, dass es ein Gespräch ist, in dem beide Seiten prüfen, ob ein Passungsverhältnis besteht. Klar möchte ich den Job und will mich gut präsentieren, deshalb habe ich mich ja beworben. Aber ich habe nun auch die Gelegenheit dazu, vor Ort im Gespräch zu prüfen, ob das Unternehmen zu meinen Vorstellungen passt und ob ich micht dort wohl fühlen würde, immerhin werde ich die meiste Zeit des Tages dort verbringen. Wenn man sich das klar macht, dann begibt man sich auch automatisch mehr auf Augenhöhe, zieht keine Show ab und es entsteht ein echter Dialog.

    1. Hallo Jens,
      vielen Dank! Ja, ein Passungsverhältnis wie auf jedem anderen „Markt“ auch, wo zwei Seiten prüfen, ob sie am Ende einen (Kauf-)Vertrag unterzeichnen. Viel Erfolg für Ihre nächsten Gespräche auf Augenhöhe.
      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

  4. Hallo Dr. Slaghuis,

    vielen Dank für den Artikel – den ich (zugegebenermassen) auch – oder vielleicht gerade – als Arbeitnehmer interessant finde.

    Wie beurteilen Sie denn die Diskrepanz, dass sich Bewerber – natürlich in einem adequaten Rahmen – so geben sollen wie sie sind, wenn alle Naslang (und entsprechende Artikel scheinen gerade in allen möglichen Medien vermehrt hochzukommen) die Angst vor Personalern/Bewerbungsgesprächen geschürt werden?

    Um bei einem Ihrer obigen Beispiele zu bleiben: der Atemlose.

    Ehrlich gesagt finde ich Ihre Aussage dazu sehr einseitig: die angesprochene Atemlosigkeit kann ggf. auch daher rühren, dass der Bewerber (aus welchem Grund auch immer) nicht die gesamte Vorstandsetage, die letzten Quartalszahlen etc. vorbeten kann. Solche Anforderungen/“Tipps“ höre und lese ich immer wieder – aber mal ganz ehrlich: ich bewerbe mich im Normalfall nicht für einen Vorstands-/Aufsichtsratsposten…warum werden solche Dinge abgefragt??

    Der „Atemlose“ hat vielleicht schlicht und ergreifend Angst den Eindruck zu erwecken, er würde sich für seinen Job ja auch nicht so recht interessieren, wenn er – etwas übertrieben – nicht sämtliche Auslandsvertretungen etc. aus dem FF kennen würde oder mit einer Schätzung falsch liegt, bei der es um die Berechnung geht, wie viele Hackbällchen in ein 4-stöckiges Bürogebäude mit einer Kantenlänge von 150 x 200 m geht ….bei einer Bewerbung um eine Stelle als Assistenz, IT-Techniker o.ä.

    Dies könnte übrigens mal einen „Gegenartikel“ forcieren: „x schräge Personalertypen, auf die kein Bewerber steht“
    Forschen Sie mal nach – ich glaube, Sie werden da interessante Fakten zu Tage fördern!

    Bei Berichten über solche und ähnliche Gegebenheiten vermag ich die Diskussion bzw. (entschuldigen Sie bitte die Ausdrucksweise) das Gejammere über einen MINT-Fachkräfte-Mangel seitens der Unternehmen nicht nachvollziehen.

    Talente gibt es sicherlich genug – Unternehmen müssen allerdings nach meinem Dafürhalten aber auch einmal den Mut zeigen und haben, jemanden mit nicht 100%, sondern auch vielleicht nur mit 75% Eignung laut eigener Meßlatte anzunehmen… dafür gibt es die Probezeit…oder?

    Die aktuellen Diskussionen jedoch vermitteln mir den Eindruck von Unternehmen: „entweder es passt jemand 100% zu uns oder gar nicht!“

    Ohne Entgegenkommen, Mitwirkung oder auch Verständnis von Unternehmen wird sich hier allerdings sicherlich nicht viel bzw. gar nichts ändern.

    Vielleicht irre ich mich ja auch – aber ich lasse mich gern mit validen Argumenten überzeugen.

    Ich freue mich auf eine angeregte Diskussion!!

    Viele Grüße,

    Marco Zinnow

    1. Hallo Marco,

      auch ich finde den Artikel gut, auch viele Deiner Argumente. Da ich eine Zeitlang auch hinter dem Tisch saß und nun auch wieder davor, bemerke ich wie schwer es ist und wie eingeschränkt oft die Sichtweise von Personern/Unternehmen ist. Ein Abweichen von (eigenen) Normen wird nicht tolleriert – egal ob die Qualität stimmt.

      Viel aerfolg wünsche ich allen

      Lothar Nast

    2. Hallo Herr Zinnow,
      danke für Ihren Kommentar und ja, die Sicht auf die Personaler, die manchem Bewerber auch ziemlich den Atem rauben, die habe ich auch im Blick und das kommt in manchem anderen Beitrag hier auch immer mal wieder durch. Ihre Idee für den Gegenartikel „10 schräge Personalertypen, die …“ finde ich super und greife ich gerne demnächst mal auf.
      Viele Grüße,
      Bernd Slaghuis

  5. Hallo Dr. Slaghuis!
    Ihre Typologie der BewerberInnen habe ich mit Interesse gelesen. Ich kann aus vielen Einstellungsgesprächen gut nachvollziehen, warum Sie Bewerbern diese Empfehlungen machen. Mir gefällt immer gut, wenn Coaches Bewerberinnen empfehlen, sie selbst zu sein, denn alles andere führt in die Irre.
    Die Anregung von Marco Zinnow finde ich spannend, mal darüber zu berichten, welchen „schrägen Personalertypen“ Bewerberinnen so begegnen. Ich finde es unglaublich, dass junge Bewerberinnen ihre Bewerbungen und ihr Auftreten perfektionieren und dann (Personal)Chefs gegenübertreten, denen es schon an Mindestanstand fehlt und/oder die schlecht vorbereitet sind. Auch das lässt für eine(n) Bewerberin tief blicken, was die Unternehmenskultur und die Führungseigenschaften eines Chefs angeht. Mein Tipp an junge Bewerber: Wenn man schon beim Vorstellungsgespräch ein blödes Gefühl und einen schlechten Eindruck von denen hatte, die einem gegenüber saßen, Bewerbung zurückziehen!
    Einen schönen Tag wünscht Ihnen
    Andreas Gravert

  6. Herrlich, die Typisierung und Charakterkunde ist wieder heimisch in Deutschen Landen. Noch sind wir nicht bei der Physiognomie angekommen aber auf dem besten Wege. Nun gut, Nasen kann man nicht so schnell korrigieren, coachen kann man aber die Haltung, das Atmen, das Outfit und die Gesichtsmuskelkontrolle, die für jedes checklistenverdummte Gegenüber einen Face-Baustein parat hat. Wer mal schnell einen Job sucht, kommt mit einem Semester Appliance-Studies schon aus. Führungskräfte sollten aber ohne den Magister-Performantium nicht auf der Matte stehen.

  7. Es geht doch schlussendlich ganz einfach um Authentizität. Entweder passt man zur Firma/Kultur oder halt eben nicht. Eine Rose ist eine Rose und eine Tulpe eine Tulpe. Wenn aber eine Tulpe eine Rose sein will kommts nicht gut. Umgekehrt auch nicht. So sehe ich das. Wenn man selbst-bewusst zu seinen Schwächen und Stärken steht und sie nicht kaschiert, hat man schon mal gute Karten. Und man muss die Hausaufgaben natürlich machen, d.h. sich im Vorfeld so gut wie möglich mit dem Unternehmen und der Jobdescription auseinandersetzen und Lösungen mitbringen.

  8. Hallo Herr Dr. Slaghuis!

    da ich interessanterweise ähnliche Beratungen gebe wie Sie und zur Zeit allerdings Vorstellungsgespräche auf der Seite des Bewerbers genieße sehr spannend Ihr Beitrag.
    Was leider überhaupt fehlt ist so etwas für die Seite der Personaler. Im Öffentlichen Dienst gibt es
    Herrscherattitüden die sind was für die Vergangenheit oder leider doch nicht. Vor allen Dingen weil jeder Mensch ein Leben mitbringt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Angelina Kühl

  9. … na toll… was bleibt denn noch über ? Wenn ich dem „Fähnchen im Wind“ oder dem „Angsthasen“ richtig coache… das sie es dann nicht mehr sind…. dann sind es doch auch nur „Schauspieler“

    Mich kotzt diese ganze Bewerbungskacke richtig an…. Statt dummen Bewerbungsgesprächen sollten nur noch Einstellungstests usw. gemacht werden…. dann kann man doch am besten sehen was der Bewerber kann….

    1. Wer sich im Recruiting nur auf Einstellungstests verlässt, der braucht sich mit dem Menschen dahinter nicht zu beschäftigen. Das geschieht heute (leider) schon viel zu oft. Es geht auch nicht darum, durch Coaching einen Schaupsieler zu machen, sondern Bewusstsein für Verhalten zu schaffen.
      Viele Grüße, Bernd Slaghuis

  10. Wie sieht es eigentlich aus mit dem „Angeber“?
    Hintergrund:
    Nach 24 Jahren Berufserfahrung habe ich so manches erlebt und getan bzw. erreicht.
    Macht es Sinn, all das wie eine Fahne in das Gefecht zu führen oder empfiehlt sich eher das (bescheidene) Tiefstapeln?
    Viele Grüße

    1. Hallo Herr Müsse,
      stimmt, der Angeber fehlt in meiner kleinen Liste. Danke!
      Ich finde, dass weder Angeber noch Tiefstapler eine gute Figur machen, denn sie über- bzw. untertreiben.
      Sie sollten wissen, was Ihre Berufserfahrung für kommenden Job ausmacht und können dazu auf „Normal-Niveau“ – also authentisch – stehen.
      Viele Grüße,
      Bernd Slaghuis

  11. Guter Beitrag der, wie ich finde, auf ca. 2/3 unserer Bewerber zutrifft. Eine gute Vorbereitung auf ein Bewerbungsgespräch findet leider immer weniger statt. Diesen Umstand bemerkt man leider immer öfter. Selbst auf die Frage welche Stärken den Bewerber auszeichnen können kommen meistens nur die üblichen Antworten – mal was besonderes – Fehlanzeige.
    Ich kann Ihnen daher nur zustimmen als Bewerber sich vorher mit dem gewünschten Unternehmen bekannt zu machen und ein Coaching/Bewerbungstraining zu besuchen. Ich denke das sich diese Investition in die eigene Person und die berufliche Zukunft für ein solche Vorbereitung immer lohnen wird.
    Ich führe diese Gespräche in unserem Unternehmen und habe immer noch eine gewisse Grundnervosität vor jedem Gespräch. Ist aber vom Empfinden her eher ein „positiver“ Stressfaktor.

  12. Ich will nicht respektlos wirken, aber was für ein Affentheater ist es überhaupt – das komplette Bewerbungsverfahren?

    Man hat daraus eine Wissenschaft entwickelt. Es werden Leute ausgebildet um andere auszusortieren, weil es keine (oder nicht ausreichend) sinnvolle Beschäftigung gibt. Dadurch wächst die Markt der Personaldienstleister, die selbst nicht wissen wie Sie den Arbeitslosen helfen können.
    Es passiert was total Absurdes:
    – Die Menschen werden gelehrt wie sie sich erfolgreich umstellen sollen um einen Job zu erlangen.
    – Für die Bewerbungsunterlagen werden Standards entwickelt um dies noch spannender zu machen werden diese Standards immer wieder aktualisiert.
    – Die Personaler werden aufs Podest gestellt und so weiter…

    Wieso bemerken unsere Politiker nicht diese unheimliche Entwicklung?
    Was denkt die Arbeitsministerin? Ich vermute Sie denkt: „Hauptsache ich habe einen Job“.

    Ich will mich gar nicht umstellen, ich mag nicht, nach der Schriftart meiner Bewerbung beurteilt zu werden und mag gar nicht diesen Affentanz zu tanzen.

    Es muss langsam ein Ende haben. Die Würde des Menschen soll unantastbar bleiben.

  13. Und was für ein Typ sind die jeweiligen Geschäftsführer, der Unternehmen wo man einmal beschäftigt gewesen ist ? Ein Märchenerzähler und Lästermaul ?
    TESTen Sie dies ! „Lassen Sie mal jemanden als potentiellen Arbeitgeber anrufen !“
    Mal sehen, was der so am Telefon erzählt ! (Lässt sich ja nicht beweisen ????“)
    Mal sehen, was der so im Verband über einen erzählt ! (Lässt sich ja nicht beweisen ????“)
    TESTen Sie ihren Ex-Chef, bevor Sie sich wundern, das Sie niemand einstellen will !
    Das Arbeitszeugnis gilt auch für etwaige telefonischen Nachfragen !

    Auch wenn Konflikte aufgetreten sind, haben immer zwei Personen dazu beigetragen !
    Jeder der beiden hätte anders damit umgehen können !
    Niemals ist NUR einer schuld !

    Ein „weißes Hemd“ ist „KEINE weiße Weste“.

    Mario Grodofzig, Berlin

  14. Hallo Herr Slaghuis,
    Leider ist der Markt der Recruitierenden auch vom Niveau begrenzt, Personanaler wählen heut eher nach Sympathie, Empathie u schon recht nach Gehaltsgrenzen aus und aus meiner 20 jährigem Berufserfahrung habe ich selber zum Thema Personalbeschaffung vor erlebt, deshalb sollte jeder Personaler mal über seinen Schatten springen, denn Prototypen gibt es mitlerweile viel zu viel, also Unternehmensfloskeln predigen doch alle -Typen mit Wiedererkennungswert sind angesagt!

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