Stopp Neuorientierung Im Beruf

Berufliche Neuorientierung? Vergessen Sie’s!

Sie sind mehr als frustriert in Ihrem Job und würden lieber heute als morgen alles hinschmeißen. Sie sehnen sich nach etwas Neuem im Beruf, aber kommen einfach nicht in die Pötte. Sie hören überall, dass jeder seine Berufung finden kann, wenn man es nur selbst genug will, aber ausgerechnet Sie schaffen es einfach nicht. Sie haben schon 27 kluge Ratgeber gelesen, dabei bleibt es dann aber auch. Ihre besten Freundinnen sind auch mit ihrem Latein am Ende und können Ihr Gejammere schon lange nicht mehr hören. – Tja, dann sollten Sie es lieber vergessen, dieses Hirngespinst der beruflichen Veränderung. Machen Sie doch endlich einen Haken daran und finden Sie sich damit ab, dass Sie das niemals schaffen werden und jetzt bis zur Rente durchhalten müssen! Und damit Ihnen genau das leichter gelingt, habe ich hier für Sie 8 echt ziemlich gute Gründe, dieses Thema ein für alle Mal ad acta zu legen:

8 gute Gründe, die berufliche Neuorientierung getrost zu vergessen.

1. Sie werden vom Regen in die Traufe kommen!

Wer sagt denn eigentlich, dass eine Veränderung im Beruf Sie an die Ziele Ihrer Träume führen wird? Sind Sie sich da ganz sicher? Überall werden Sie wieder auf nervige Kollegen und ungerechte Chefs treffen. Arbeit ist halt Arbeit, das ist überall gleich. Warum sollten sich also alle Ihre Probleme und Sorgen plötzlich in Luft auflösen, nur, weil Sie mal eben den Job wechseln? Bleiben Sie also lieber im Regen stehen und halten ihn aus, bevor im nächsten Job vielleicht das viel größere Donnerwetter auf Sie wartet.

2. Sie müssen sich vom Traumjob finden lassen!

Ja richtig, Sie müssen einfach nur lange genug warten und noch ein bisschen weiter aushalten. Irgendwann, wenn Sie gar nicht mehr daran denken, wird sich eine magische Tür öffnen und Sie werden endlich Ihrem Traumjob begegnen. Hören Sie also auf, verkrampft nach Irgendwas zu suchen, was Sie eh nicht kennen und das Ihnen das Leben so nur zur Hölle macht. Ihr Traumjob wird Sie ganz sicher finden, wenn Sie nur erst bereit hierfür sind.

3. Sie sind einfach zu alt für Veränderungen!

Wenn Sie die Mitte 30 schon überschritten haben, dann sollten Sie die Hoffnung aufgeben, noch einmal etwas Neues anzufangen. Diese Chance ist vorbei, glauben Sie mir! Wer sollte auch die Mühe auf sich nehmen, Sie in Ihrem Alter in einen neuen Beruf einzuarbeiten? Und ganz wichtig: Im Alter sind wir alle ja auch nicht mehr so lernfähig. Das viele Wissen trichtern Sie sich nicht mehr mal eben so ein. Und im Job stehen die jungen Hüpfer nach ihrem Studium längst Schlange und sind auch noch viel flexibler und billiger als Sie. Es ist vorbei. Finden Sie sich doch einfach damit ab!

4. Sie können Ihre Fehlentscheidungen nicht rückgängig machen!

Mit Philosophie oder Kunstgeschichte oder was auch immer Sie studiert haben macht man nunmal keine großen Sprünge, das hätten Sie sich definitiv früher überlegen sollen. Und so ein falsches Studium oder diese unsinnige Ausbildung werden Ihnen ein Leben lang hinterherlaufen. Und die Entscheidung, diesen Job anzufangen, in dem Sie jetzt festsitzen, war auch keine Glanzleistung. Egal, was Sie Neues anfangen, Sie werden immer wieder mit Ihren Fehlentscheidungen konfrontiert werden.  Also bleibt nur, das Beste daraus zu machen, sich damit abzufinden und am besten zur Sicherheit gar keine Entscheidungen mehr zu treffen.

5. Solche Neuorientierungen im Beruf schaffen nur wenige!

Der Ex-Vorstand, der jetzt in der Karibik erfolgreich eine Bar betreibt oder der Börsenprofi, der das Parkett gegen die Berghütte und gut bezahlte Snowboard-Kurse eingetauscht hat. Davon haben Sie bestimmt auch schon gehört. Alles nur Vorzeige-Beispiele! Lassen Sie sich von den Medien nicht einreden, dass so eine Veränderung mal eben so jeder schaffen kann. Diese Menschen waren auch vorher schon mega erfolgreich und hatten Kohle ohne Ende, um sich nun ihr neues Paradies aufzubauen. Nun ja, dieses Privileg ist nur ganz ganz wenigen Menschen vorbehalten und Sie gehören wahrscheinlich nicht dazu.

6. Sie müssen auch mal sehen, was Sie alles aufgeben!

Denken Sie daran, jede Veränderung bedeutet auch Abschied vom Alten. Das möchten Sie doch nicht wirklich, oder? Die Kollegen, mit denen Sie in den letzten Jahren so viel Spaß hatten. Was haben Sie zusammen nicht alles erlebt! Die lustigen Lästerrunden in der Kaffeeküche oder Ihre Streiche mit den Auszubildenden. Möchten Sie wirklich alles das aufgeben, was Sie sich in den letzten Jahren mühsam an Produkt- und Fachwissen angeeignet haben? Wollen Sie das wirklich woanders alles von Null neu aufbauen?

7. Sie haben sich da in etwas hineingesteigert!

Sie müssen Ihr Problem im Job einfach mal aus der Distanz betrachten. Perspektivwechsel ist das Stichwort. Und schwuppdiwupp wird es auf einmal ganz winzig klein. Ja ja, nur zu! So einfach ist das! Sie haben das alles in den letzten Monaten viel zu sehr überbewertet und sich da in etwas ganz Großes hineingesteigert. Denn so viel schlimmer als Ihren Kollegen wird es Ihnen ja wohl nicht ergehen – und die schaffen es ja auch irgendwie, oder? Also stellen Sie sich mal nicht so an. Kommen Sie endlich runter von diesem neumodischen Neuorientierungs-Trip und Sie werden sehen, dass auf einmal alles wieder total easy ist.

8. Sie würden das doch sowieso nicht schaffen!

Zu so einer beruflichen Veränderung gehört eine ganze Menge. Von nichts kommt halt nichts, das ist so! Worauf können Sie denn schon aufbauen? Was ist denn das alles wert, was Sie in den letzten Jahren im Job gelernt und geschafft haben? Das ist doch nichts Besonderes im Vergleich zu anderen, die eh viel besser sind als Sie. Sie sind da offensichtlich in den letzten Wochen einem schönen bunten Traum hinterhergejagt, aber wenn Sie das mal realistisch betrachten, dann hätten ausgerechnet Sie das doch ganz sicher sowieso niemals im Leben geschafft.


Ok, eigentlich sollte dieser Artikel hier enden und wer mich kennt, weiß meine schrägen Tipps richtig einzuordnen. Für alle Neuzugänge wäre es für mich als Karriere-Coach und Experten für berufliche Veränderungen wohl ziemlich Ruf schädigend. Daher hier – also wirklich nur zur Sicherheit – eine

Richtigstellung!

Vielleicht haben Sie bei diesen 8 Gründen geschmunzelt oder auch laut gelacht oder aber völlig verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. Vielleicht haben Sie sich auch in einigen Punkten mit Ihrer Denkweise wiedergefunden. Nun ja, diese Sichtweisen zu beruflichen Veränderungen begegnen mir tatsächlich in sehr vielen Coachings. Sie sind hier also weder erfunden noch maßlos übertrieben, sondern Realität und damit auch ernst zu nehmen:

Das Gefühl, mit Mitte 30 zu alt für etwas Neues zu sein. Der feste Glaube, einfach noch länger abwarten und suchen zu müssen, bis der Traumjob auf einmal aus dem Nichts auftaucht. Die Angst, das gleiche Übel im nächsten Job wieder zu erleben oder es noch viel schlimmer anzutreffen. Das fehlende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Blindheit vor der einzigartigen, eigenen Persönlichkeit. Die angelegten Scheuklappen, die vielen Chancen abseits des heutigen Weges nicht sehen zu wollen. Und natürlich die längst sichere Gewohnheit, Gewohnheiten nicht überwinden zu können.

Ja, Sie werden wahrscheinlich nicht mehr neu studieren (könnten es aber) und die Fälle der 180-Grad-Veränderung sind aus meiner Praxiserfahrung auch ziemlich selten (wenn auch sicher möglich). Ich bin jedoch der Überzeugung, dass jeder etwas in seinem Beruf verändern und somit zu mehr Zufriedenheit, Freude, Erfüllung, Glück oder welches Ziel auch immer Ihres ist, finden kann.

Alle obigen acht Gründe, die Neuorientierung schleunigst zu vergessen, werden gestützt und befeuert durch Ängste, persönliche Bequemlichkeit und gewohntes Verantwortung abgeben.

Was Sie stattdessen benötigen sind Klarheit durch Bewusstsein sowie echte Eigenverantwortung, dahinter persönliches Interesse, Neugierde und allem voran wirklich Lust auf Veränderung.

Leicht gesagt ..?!

Dass es einfach ist, habe ich nicht behauptet. Denn im Prozess einer beruflichen Neuorientierung werden Sie sich mit genau diesen Bedenken, Ängsten und Gewohnheiten auseinandersetzen. Sie werden sich Gedanken über Ihre Ziele machen, die Sie im Leben noch haben und hinschauen, wo Sie sich heute noch selbst im Weg stehen. Sie werden sich erinnern, was Sie alles schon gelernt und geleistet haben und über welche tollen Fähigkeiten Sie heute schon verfügen, die Sie morgen nutzen können. Sie werden nach vorne schauen und durch tägliches Üben lernen und wieder Spaß daran finden, wie es ist, Ihr Leben und Ihren Beruf aktiv zu gestalten.

Vergessen Sie’s oder packen Sie’s an?
Ihre Entscheidung!

Gibt es Punkte bei den acht Gründen oben, bei denen Sie gedacht haben »Ja, er hat ja sooo Recht, genau so ist es!«? Dann schauen Sie dort jetzt noch einmal genauer hin und stellen sich selbst die Fragen: »Warum glaube ich daran und stimmt das wirklich, was er da behauptet? Wer sagt das überhaupt und möchte ich für meine Zukunft auch weiter daran glauben?« Es ist Ihre Entscheidung.

Gibt es oben Gründe, bei denen Sie mir am liebsten heftig widersprochen hätten? Dann ist genau das ein gutes Zeichen dafür, dass Sie heute schon die Verantwortung für sich und Ihr Leben übernommen haben und bereit dafür sind, Ihre gewünschte Veränderung im Beruf jetzt anzugehen.

 

Dieser Text ist ein Beitrag der Blogparade „Den Arsch hoch kriegen und Gewohnheiten verändern“ von Gabi Golling.

(Bildnachweis: 123.rf.com, 37103961, Dirk Ercken)

 

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Lieber Bernd, vielen Dank für diesen amüsanten und doch leider manchmal sehr wahrheitsgemäßen Beitrag zu gewohnten – oft schon „eingeschliffenen“ – Denkweisen.
    Dieser Post zu meiner Blogparade, rüttelt hoffentlich den einen oder die andere wach, dass es immer einen Weg zur Veränderung gibt.
    Da helfen wir KarriereExperten.com ja auch gern, oder?!
    Herzliche Grüße, Gabi

    1. Liebe Gabi,
      ich freue mich, bei Deiner Blogparade dabei zu sein :-) Und wie ich sehe, ist eine echt tolle Vielfalt an unterschiedlichsten Perspektiven auf das Thema „Gewohnheiten“ zusammengekommen. Klasse!
      Liebe Grüße
      Bernd

  2. Es fehlte nicht mehr viel und es wäre ein „unerfreulicher“ Kommentar geworden (Gut das ich die Kommentare noch gelesen habe) ^^

    Ich bin 30 Jahre und arbeite seit 2 Jahren in einer eigentlich guten Firma. 10 Minuten Fahrt, Gleitzeit, viel Urlaub, kleine Bonuszahlungen. Doch der Nachteil ist, es gibt eigentlich keine Aufstiegschancen, Gehaltserhöhung durch Leistung oder einfach nur extrem langweiliges Absitzen der Zeit (Mehrarbeit wird nicht Belohnt).

    Also googlet was Motivert oder Abwechslungsreicher ist als Büroarbeit. Dann zu lesen, das man seine Zeit „Absitzen“ soll (allein ein Tag alleine in einem Büro ohne Gesellschaft und nichts zu tun – gleicht Folter!) hat das Gemüt aufkochen lassen.

    Meine Überzeugung ist es, man ist nie zu Alt etwas zu Bewirken, etwas zu verändern (Auch wenn der Verstand oft im Hintergrund das Gegenteil vermittelt oder es zumindest versucht).

    Mein Problem ist „nur“ zum einen aus der Komfort-Haltung heraus zu kommen (da nicht alle Tage langweilig sind) und heraus zu finden welcher Beruf wirklich eine Berufung ist oder was macht mir wirklich Spaß!? z.B. Berufe die ich anstrebte wie Ing. oder Architekt fehlt das Abitur. Dann vllt. Pilot von Transportmaschinen oder Hubschrauber – ebenso kein Abitur und dieses nach zu machen, klappte nicht. Somit weiß ich persönlich nicht was mir noch Spaß bringen könnte? Etwas mit Abwechslung, Bewegung und Menschen hilft – etwas Positives für die Gesellschaft hinterlassen, das wäre was. (freundlicher Diktator vielleicht?) ;)
    Nach Eckart Tolle und einem gewissen Minimalismus-Prinzip, ist ein Mehrwert – ein Sinn wichtiger als Geld und Besitztümer.

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