Blog Aufschieberitis

Aufschieberitis: So kommen Sie in die Pötte.

So, die Urlaubszeit neigt sich langsam dem Ende zu, damit ist Schluss mit entspanntem Zurücklehnen. Weiter geht´s!  Und? An was denken Sie alles in diesem Moment? Welchen Berg von Aktivitäten schieben Sie gerade vor sich her? Die längst überfällige Steuererklärung? Ein schwieriges Gespräch mit Ihrem Chef? Eine bestimmte Aufgabe im Beruf, die Sie herausfordert oder Ihnen so gar keinen Spaß macht? Oder vielleicht auch, einen Coachingtermin zu vereinbaren? ;-)

Aufschieberitis oder offiziell Prokrastination, also das Vertagen auf später, kennen wir alle nur zu gut. Lästiges im Job, Dinge, die einfach nur gemacht werden müssen, hierfür fällt uns immer schnell etwas ein, warum das gerade jetzt nicht geht. Aber selbst bei Dingen, auf die wir eigentlich Lust haben und die uns im Leben oder im Beruf weiterbringen, schaffen wir es oft nicht, sie zielgerichtet anzugehen. Abwarten ist dann attraktiver als handeln.

Los jetzt! Oder auf was warten Sie noch? Als kleine Entscheidungshilfe gibt es hier die 5 besten Gründe, Dinge aufzuschieben:

Vorweg: Aufschieberitis ist nichts grundsätzlich Schlechtes. Manche Dinge brauchen Zeit, um sich richtig zu entwickeln. Ideen müssen im Kopf reifen, bevor sie auf die Straße gebracht werden. Und auch während Sie Dinge aufschieben, arbeitet Ihr Unterbewusstsein weiter daran. Gut Ding will Weile haben. Holterdiepolter-Macher fangen vieles an, bringen aber wenig zuende. Aufschieberitis ist gut und zielführend, solange Sie selbst sie nicht stört. Wenn es Ihre Entscheidung ist, sich Zeit zu nehmen und Dinge liegen und reifen zu lassen, ist dies völlig in Ordnung.

Aber Sie kennen bestimmt auch genau diese Momente im Leben, in denen Sie wissen, dass Sie etwas besser jetzt und nicht später tun sollten. Genau darum geht es hier.

1 | Zeit

Zu wenig Zeit ist der Verschiebe-Grund Nummer 1. Kennen Sie jemanden, der von sich behauptet, er habe ausreichend viel Zeit? Im Job muss alles gestern fertig sein und außerhalb des Berufs kämpfen Familie und Freunde um Ihre immer knapper werdenden Frei-Zeit-Ressourcen. Das wundert mich nicht, denn wir lernen schon sehr früh, dass Zeit ein knappes Gut ist. Ich bin manchmal erschrocken, welchen Termin- und Freizeit-Stress Eltern ihren Kindern bereits zumuten.

Wir sind durchgetaktet und gewöhnen uns früh an diesen scheinbar normalen Zustand. Wochentags genauso wie am Wochenende. Für viele Menschen ein Zeichen von beschäftigt sein, sozialer Anerkennung und Erfolg. Doch was oft auf der Strecke bleibt ist die Muße, das Innehalten, die so wichtige Zeit auch für sich selber.

Ich spreche mit meinen Klienten im Coaching intensiv über ihre Ziele im Leben und im Beruf. Fast alle nennen „Mehr Zeit“ oder konkreter „Mehr Zeit für mich“ als wichtiges Ziel. Ihnen ist bewusst, dass sie die vielen anderen Ziele nur erreichen können, wenn sie sich diese Zeit im Sinne von bewusst geschaffenen Freiräumen nehmen.

Alltag besiegt Idealismus. Wer von Ihnen schmiedet zu Silvester gute Vorsätze für das neue Jahr? Doch spätestens nach ein paar Tagen im Büro fällt es Ihnen wahrscheinlich schwer, sich an diese Dinge überhaupt noch zu erinnern. Alltag bedeutet „ich muss funktionieren“. Gewohnheiten, der Alltagstrott und das sogenannte operative Geschäft im Beruf dominieren unser Denken und Handeln. Tag für Tag. Viel zu schnell vergeht die Zeit in diesem Rhythmus. Und das Gefühl, welches am Ende hängen bleibt, ist: „Das konnte ich ja nicht schaffen, denn dafür hatte ich ja keine Zeit!“

Planen Sie bewusst und gezielt Zeit für sich ein. Überlegen Sie, was Sie tun können, um sich hierfür Freiräume zu schaffen. Machen Sie am besten Termine mit sich selbst, die Sie auch nicht mal eben so wieder verschieben oder streichen, wenn es scheinbar attraktivere Alternativen gibt. Überlegen Sie sich im Vorfeld, was Sie in dieser Zeit erreichen möchten.

[Tweet „Zeitmanagement ist Selbstmanagement.“]

Nur Sie sind für Ihre Zeit (und insbesondere Ihre Freizeit) verantwortlich. Und wenn Sie mal ganz ehrlich zu sich selbst sind: Zu wenig Zeit als Grund für Ihre Aufschieberitis ist die bequemste Lösung.

2 | Selbstvertrauen

„Ich traue mich das noch nicht.“ „Ich kann das noch nicht.“ Versagensängste, Angst vor finanziellen Konsequenzen oder die Angst, nicht mehr akzeptiert zu werden, können beim Aufschieben eine wichtige Rolle spielen.

Was benötigen Sie, um sich zu trauen, einen bestimmten Schritt zu gehen? Was ist die Voraussetzung und was können Sie selbst dazu beitragen, dass Sie mehr Selbstvertrauen gewinnen?

Ich kenne in meiner Branche viele Menschen, die sich nicht trauen, mit ihren Angeboten in den Markt zu gehen. Sie machen noch diese oder jene Ausbildung und dann noch eine und noch eine. Es reicht niemals. Immer herrscht das Gefühl vor, noch nicht genug zu können. Genug wofür? Wann ist es genug? Erst wenn Sie Klarheit darüber haben, was Sie für ein ausreichendes Selbstvertrauen benötigen, wird aus dem auf unbestimmte Zeit Aufschieben ein Plan.

Und auch hier gilt wieder: Wenn es Ihnen gut dabei geht, sich über eine länge Zeit auf einen bestimmten Schritt vorzubereiten und Selbstvertrauen aufzubauen, dann ist dies natürlich in Ordnung. Basis hierbei ist jedoch eine bewusst getroffene Entscheidung. Wenn Sie sich aber unter Druck gesetzt fühlen und lieber heute als morgen etwas tun möchten, für das Sie noch nicht über das nötige Selbstvertrauen verfügen, dann fragen Sie sich, was Ihnen konkret noch fehlt und was Sie tun können, um diesen Punkt zu erreichen.

Entscheiden Sie sich gleichzeitig, bei Erreichen dieses Punktes konsequent zu handeln. Machen Sie sich auch bewusst, über was Sie schon alles verfügen und was Sie hiervon in der aktuellen Situation nutzen können. Und schließlich hilft auch die Frage, was im schlimmsten Fall geschehen kann, wenn es nicht so läuft, wie Sie es sich vorgestellt haben.

3 | Erlaubnis von anderen

Für die „Es-allen-Recht-Macher“ unter uns ist dies wahrscheinlich einer der wichtigsten Gründe für eine Aufschieberitis. Sie handeln so lange nicht, bis Sie die Erlaubnis der Partnerin, des Partners, des Vorgesetzten, der Kollegin oder von wem auch immer erhalten haben. Sie würden ja gerne, aber die anderen lassen Sie ja nicht oder müssen erst ihr OK geben. Das ist praktisch, denn so ziehen Sie sich fein aus der Affäre und haben einen guten Grund und dazu noch ein reines Gewissen, die Dinge auf die lange Bank zu schieben.

Wenn Sie gerne fremdbestimmt leben, wunderbar! Dann warten Sie immer brav auf die Erlaubnis Ihres Umfeldes und alles ist in Ordnung. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die ihre Ideen und Vorhaben gerne selbstbestimmt umsetzen, dann vergessen Sie diesen Grund für Ihre Aufschieberitis schnell. In den meisten Fällen benötigen Sie diese Erlaubnis nicht. Und in den anderen Fällen wissen Sie ganz genau, dass und wen Sie fragen müssen, um den nächsten Schritt zu gehen.

4 | Geld

Logisch, manche Vorhaben erfordern das nötige Kleingeld. „Wenn ich im Lotto gewinnen würde … ja dann!“ Braucht es wirklich den großen Lottogewinn, um Ihre Idee oder das, was Sie gerade auf die lange Bank schieben, in die Tat umzusetzen? Oft gibt es auch die kleinen Lösungen, die für den ersten Schritt vollkommen ausreichen und aus sich heraus wachsen können.

„Das kann ich mir nicht leisten!“ Das ist schnell gesagt und das Vorhaben ist vom Tisch. Beim Thema Geld ist es für viele Menschen hilfreich, nicht in schwarz/weiß zu denken. Ein häufiges Beispiel aus meiner Praxis: Die Entscheidung für oder gegen eine Selbständigkeit. „Eigentlich wäre ich ja lieber mein eigener Chef, aber das finanzielle Risiko ist zu hoch. Vielleicht in ein paar Jahren“ ist dann oft die Antwort. Hinterfragen Sie, ob diese Argumentation tatsächlich stimmt.

Versuchen Sie dann auch hier, eine bewusste Entscheidung zu treffen, denn sie nimmt das schlechte Gefühl des Aufschiebens und verwandelt dieses entweder in einen konkreten Plan oder führt dazu, dass Sie das jeweilige Thema aus Ihrem Kopf streichen können.

5 | Sicherheit

„Ich warte lieber noch ab, denn ich bin mir nicht sicher.“ Eine empfundene Unsicherheit spielt beim Aufschieben und insbesondere beim Vertagen von Entscheidungen eine große Rolle. Dazu  habe ich hier im Blog geschrieben. Und streng genommen basiert jede unserer Handlungen auf einer Entscheidung. Jeder noch so kleine Schritt, den Sie in eine bestimmte Richtung gehen, ist eine Entscheidung in Ihrem Gehirn. Etwas nicht zu tun, weil Sie die Konsequenzen nicht mit vollkommener Sicherheit abschätzen können, kann sinnvoll sein. Diese Angst beschützt uns vor allzu unüberlegten Handlungen.

Doch wieviel Sicherheit benötigen Sie tatsächlich, um etwas umzusetzen? Auf welche Informationen können Sie auch verzichten? Was geschieht, wenn sich ein Schritt im Nachhinein als ungünstig oder falsch herausstellt? In den meisten Fällen dreht sich die Welt weiter und es kommt niemand zu Schaden. Entscheiden Sie auch hier ganz bewusst, ob Sie über eine ausreichende Sicherheit verfügen und wenn nicht, was Sie selbst tun können, um zu mehr Sicherheit und Klarheit zu gelangen.

Um der endlosen Aufschieberitis einen Riegel vorzuschieben, legen Sie am besten ein Datum fest, bis zu dem Sie sich entschieden und ggf. den nächsten Schritt in die Tat umgesetzt haben. Seien Sie konsequent und streichen Sie das Thema dann auch aus Ihrem Kopf, wenn Sie zu dem Ergebnis kommen, dass keine Veränderung erst einmal die bessere Lösung ist.

Sie sind der Chef Ihrer Aufschieberitis!

Aufschieberitis ist ein großer Zeitfresser, denn sie blockiert uns in unserem Denken und Handeln und sie sorgt dafür, dass wir uns schlecht fühlen, weil wir ständig ein schlechtes Gewissen haben.

Wirklich? Wechseln Sie die Perspektive: Was hat die Aufschieberitis vielleicht auch Gutes? Was gewinnen Sie, wenn Sie abwarten? Was ändert sich positiv durch das Aufschieben? Mehr Sicherheit, die Sie benötigen? Mehr Unterstützung aus Ihrem Umfeld? Mehr Vertrauen in Ihre Fähigkeiten? Mehr Klarheit über den richtigen Zeitpunkt?

Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie die Aufschieberitis zulassen, weil sie gerade gut für Sie ist, oder ob sie entscheiden, dass Sie sie gerade nicht in Ihrem Leben gebrauchen können. Sie sind der Chef Ihrer Aufschieberitis!

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Vielen Dank, Sie haben die wesentlichen Punkte wunderbar erläutert!

    Bei meinen Lampenfieber-Kunden sind die Aufschiebe-Gründe häufig das fehlende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Unsicherheit, ob diese Ausarbeitung eines Vortrags wirklich die „Perfekte“ ist und den Wunsch, es allen im Publikum rechtmachen zu wollen. diese Bedenken führen dann zum Aufschieben.

    Am besten gefällt mir Ihr Satz: „Sie sind der Chef Ihrer Aufschieberitis!“ Und als Chef bestimme ich ja selber, wo es wann wie weitergeht. ;-)

    Herzliche Grüße

Ihre Perspektive? Schreiben Sie einen Kommentar.