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Abi – und dann? Sollte ich auf meine Eltern hören?

Abi – und dann? Viele Schülerinnen und Schüler stehen jedes Jahr vor dieser Entscheidung. Eine Entscheidung, die ihr Leben für immer beeinflussen wird (denken sie!). Eine Entscheidung, die sie bisher in dieser Form noch nie treffen mussten. Vielleicht ging es bisher darum, einen passenden Praktikumsplatz oder einen lukrativen Ferienjob zu finden – doch nun geht’s um den „Ernst des Lebens“ – sagen Mama und Papa. Raus aus dem Schulsystem fester Pläne und erzieherischer Behütung – rein in die studentische Freiheit oder den Ausbildungsbetrieb mit neuen Kollegen und bisher nicht bekannten Aufgaben und Erwartungen. Was tun …?

Ich bekam letzte Woche einen Anruf von einer Frau, die mich als Karriere-Coach im Internet gefunden hat. „Sie helfen doch Menschen dabei, dass sie ihren richtigen Weg finden.“, sagte sie. Auch wenn ich als Coach das Helfen etwas kritisch sehe, bejahte ich ihre Aussage. „Mein Sohn ist auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle, aber das klappt nicht so richtig. Mein Mann und ich sind der Meinung, dass er doch lieber studieren gehen sollte. Können Sie sich mit ihm nicht einmal unterhalten?“

Ich schätze, diese Szenen spielen sich in sehr vielen Familien ab. Es ist ganz natürlich, dass sich Eltern das Beste für Ihre Kinder wünschen. Und Eltern machen sich Sorgen, gerade wenn die Sprösslinge nach der Schule vielleicht auch von zu Hause ausziehen und zum Studium oder für eine Ausbildung in eine andere Stadt gehen. Gleichzeitig sind es Jugendliche gewohnt, dass ihre Eltern auch Ratgeber in ihrem Leben sind – vielleicht bis auf die Phase der Pubertät ;-) Eltern haben Lebenserfahrung, haben schon viele schwierige Entscheidungen getroffen und kennen die Arbeitswelt.

Der Interessentin habe ich geantwortet, dass ihr Sohn gerne zu einem Coaching zu mir kommen könne. Voraussetzung hierfür sei aber, dass er dies aus eigenem Antrieb tut. Mich mit ihm zu treffen, weil er von seinen Eltern geschickt wurde und er eigentlich weiß was er möchte, ist schlecht investiertes Geld. Ich habe ihr erklärt, dass das Thema Selbstverantwortung für mich und in den Coachings von sehr großer Bedeutung ist und ich mich nicht als verlängerter Arm der Eltern oder offizieller Bestätiger ihrer Meinung sehe.

Es kommt in unserem Leben immer wieder vor, dass wir bestimmte Entscheidungen nicht treffen oder bestimmte Dinge nicht tun, weil wir uns dann nicht mehr so verhalten würden wie zum Beispiel die Eltern, Freunde, Partner oder Kollegen. Sich anders zu verhalten, als es andere von einem erwarten oder als sie sich selbst verhalten haben, hält uns oft davon ab, „unseren“ Weg zu gehen. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Stellen Sie sich vor, Sie sind der ältere Bruder und haben eine jüngere Schwester, die von Ihren Eltern in Ihrer Wahrnehmung vielleicht mehr geliebt wurde. Sie werden bewusst oder unterbewusst andere Entscheidungen treffen und einen anderen Weg einschlagen als Ihre Schwester, um zu zeigen, dass Sie es auch anders schaffen.

Diese sogenannten Ähnlichkeits- oder Unähnlichkeitskonflikte kommen sehr häufig vor, wenn wir vor Entscheidungen stehen. Wir tun etwas, um jemandem zu gefallen oder uns explizit anders zu verhalten. Beide Verhaltensweisen entsprechen möglicherweise jedoch nicht dem, was uns selbst wichtig ist.

Wenn der Abiturient meiner Anruferin gerne erst einmal praktisch arbeiten möchte und das Lernen satt ist und Lust hat, einen Beruf zu erlenen, den er in seiner momentanen Lebenssituation interessant findet, dann ist dies seine Entscheidung. Er muss sich dann wahrscheinlich auch entscheiden, ob er dies gegen den Willen seiner Eltern tut – was auch immer die Konsequenzen sind – oder ob es Möglichkeiten gibt, zu einer anderen Lösung in der Familie zu kommen.

Diese Sichtweise hat für mich nichts mit Egoismus, Konfrontation gegenüber den Eltern oder Dickköpfigkeit zu tun. Es geht um die Selbstverantwortung für Entscheidungen und das eigene Leben. Ratschläge von Menschen, die uns gut kennen, es gut mit uns meinen und die über eine größere Lebenserfahrung verfügen, können wichtig und sehr hilfreich für Entscheidungsprozesse sein, doch nur jeder selbst kann (und sollte) entscheiden, was für ihn in seiner jeweiligen Situation und in seinem Lebensumfeld das Richtige ist.

Dr. Bernd Slaghuis

Ich arbeite als Karriere- und Business-Coach in Köln und habe mich auf Fragen rund um die Karriereplanung und Neuorientierung spezialisiert. Mit Bewerbern arbeite ich an ihrer Bewerbungsstrategie, der Optimierung ihrer Unterlagen sowie der Vorbereitung auf Gespräche. Führungskräfte unterstütze ich, zu einer gesunden Grundhaltung zu finden. Ich halte Vorträge, gebe Seminare, moderierere Workshops und schreibe außerhalb dieses Blogs für diverse Karriere- und Management-Magazine.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Ein schöner Artikel zum Thema Berufsfindung und Sorgen und Nöte von Eltern jugendlicher „Kinder“. Ich erlebe im Berufswahl-Coaching ganz oft, dass es für junge Menschen sehr erhellend ist, einen einmal gewählten Beruf bzw. Berufszweig auch im Laufe Ihres Lebens wechseln zu können. Das nimmt oft den ganz großen Druck, „die“ richtige Berufsentscheidung zu treffen, die ein für allemal Gültigkeit haben muss.

    Herzliche Grüße,

    peter reitz

    1. Hallo Herr Reitz,

      danke für Ihr schönes Feedback. Ja, was ist schon „DIE“ richtige Entscheidung. Gerade viele Berufsanfänger sollten sich „ausprobieren“ und für sich feststellen, was ihnen gut tut, in welchem Umfeld sie sich wohlfühlen und was sie brauchen, um im Beruf glücklich zu sein. Gerade in unserer Zeit ist ein Wechsel der beruflichen Richtungen ja kein Problem mehr, sondern in vielen Fällen sogar ein Plus geworden.

      Viele Grüße
      Bernd Slaghuis

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